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emeindeblatt für die evan gelische Kirchengemeinde Gießen
Nr. 41 Gießen, 20. Sonnt. n. Trinitatis, den 7. Gktbr. 1920 9. Jahrg.
Erntedankfest 1920.
Sprüche Salomos 24, 33 u. 34. Du willst ein wenig schlafen und ein wenig schlum⸗ mern und ein wenig die Hände zu⸗ sammentun, daß du ruhest; aber es wird deine Armut kommen wie ein Wanderer und dein Mangel wie ein gewappneter Mann.
Von Moritz von Schwind, der die von dem Gießener Professor Hugo von Ritgen neuerbaute Wartburg mit so vielen schönen Gemälden ausgeschmückt hat, rührt eine Federzeichnung her, die das Bibelwort ver⸗
anschaulicht: Du willst ein wenig schlafen
und ein wenig schlummern und ein wenig die Hände zusammentun, daß du ruhest; aber es wird deine Armut kommen wie ein Wanderer und dein Mangel wie ein ge⸗ wappneter Mann. Auf einer Steinbank neben einer Gartenmauer ruht ein Mann, der seinen Spaten neben sich stehen hat. Träge faltet er die Hände und schläft, während die Sonne am Himmel steht und die Zeit da ist, da der Landmann eifrig die Hände rühren soll. Die Folgen seines Tuns hat der Künstler in genialer Weise an zwei Gestalten versinnbildlicht. Von rechts naht sich dem Schlafenden ein dürftig ge⸗
kleideter, elend aussehender Bettler, der sich
auf einen Wanderstab stützt und einen Feld⸗ blumenstrauß in der Hand trägt. Dieser Bettler stellt die Armut dar, die über den trägen Menschen kommt. Links von dem
ruhenden Feldarbeiter steht ein gewapp⸗ neter Mann, der mit hocherhobenem
Schwerte von einem Baume Zweige her⸗ unterschlägt. Diese Figur versinnbildlicht uns den Mangel, der da eintritt, wo der Mensch sinnlose Zerstörung walten läßt.
An dieses tiefsinnige Bild mußte ich in diesen Herbsttagen, da man allerwärts das Erntedankfest feiert, oft denken. Wohl hat Gott auch in diesem Jahre reichen Segen in Feld und Flur gespendet, trotzdem gehen
rmut und Mangel durch die Lande. Un⸗ erhört sind die Preise für Lebensmittel und leider, drückend ist bis hinein in die ganz abgelegenen Dörfer die Wohnungsnot, nir⸗ gendswo ist im wirtschaftlichen Leben Ge⸗
ihen. Diese Uebelstände hat einzig und allein die Sünde der Menschen verschuldet. war der Trägheit kann man die Men⸗ schen von heute nicht zeihen, während des krieges haben die allermeisten weit hinaus über ihre Kraft gearbeitet. Wenn die Ar⸗
g 5 beitsleistungen nach dem Kriege nachgelassen haben, so liegt das zum guten Teile daran, daß viele infolge des Krieges körperlich und seelisch zusammengebrochen sind. Aber die Menschen haben es im Kriege gemacht wie der gewappnete Mann auf dem Bilde, sie haben Lebensmittel, Felder, Bäume, Häuser Anlagen verschiedenster Art und Material in so riesigem Umfange zerstört, daß ein Jahrhundert angestrengten Tuns hierfür keinen Ersatz schaffen kann. Und der ver⸗ brecherische Wucher unserer Tage, der unser Volk in der ganzen Welt verächtlich macht, schafft nicht nur Elend, sondern auch eine Erbitterung, vor deren Folgen es jedem Vaterlandsfreunde graut.
Daß wir an diesem Erntedankfest traurig und verzagt sind, liegt wahrlich nicht an des großen Gottes Tun, Gott ist und bleibt getreu. Die Sünde der Menschen hat unser Elend verschuldet. Wollen wir in Zukunft vor dem mit Feldfrüchten gezierten Altare
wieder fröhlich unsere Gotteslieder singen, so muß ein neues Geschlecht um uns her
erstehen, ein Geschlecht, das sein Leben nach
Gottes Geboten einrichtet, im Vertrauen auf den himmlischen Vater seinen Weg
geht und dem die wichtigste Sorge die ist, daß es selig werde. H. B.
Der Bundestag des hessenbundes. (Verband der evangelischen Jugendvereine in Hessen) vom 18. bis 20. Sept. 1920 in Darmstadt.
Ein Bundes⸗ und ein Jugend⸗ und Turn⸗ tag sollte es sein, und das war es. Jung sind sie dort gewesen im besten Sinne, wohl etwa auch einmal im üblen Sinne; aber sie wollten doch echt sein und ehrlich und wahr, und sie waren es, und so verstanden wir ihr Jungsein.
Waren nur Turner und Vertreter zu dem Tag eingeladen, so war es doch eine stattliche Anzahl, darunter ein gut Teil, ein erfreu⸗ lich hoher Prozentsatz aus dem„Mittel⸗ alter“, diese alle vereint unter dem Zeichen „Christus unser Meister“, ist das nicht eine helle Freude? Zusammengerufen waren sie vom Hessenbund und nach Darmstadt auf Einladung der dortigen Jugendvereinigun⸗ gen, die für Freiquartiere usw. im weit⸗ gehendsten Maße gesorgt hatten. Die ganze Leitung lag in Händen des Herrn. Pfarrers Lautenschläger⸗Darmstadt. Und wie war alles gut organisiert! Mögen manche welt⸗ lichen Vereine über unsere jungen Turn⸗ und


