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Urgroßtantens Raritätenschrank. Von Helma Esselborn. (Fortsetzung.)

Jetzt aber kam die Hauptsache, Anita. Im Flitterröckchen mit Blumen im Locken⸗ haar sah sie reizend aus, doch bemerkte jeder, wie ängstlich die Kleine war. Sie

klammerte sich an die Alte, die sie herbei⸗

führte. Starr schauten die großen schwarzen Augen vor sich hin, und ein Zittern lief durch die schmalen feinen Glieder. Ein energischer Ruck des Vaters brachte sie erst zu sich, und unter seiner Führung stieg sie die Leiter hinauf. Erst oben schien die Angst von ihr gewichen. Sie sah sich strah⸗ lend um, grüßte nach rechts und nach links mit dem kleinen Fächer, den sie bald in den Händen hielt, bald in den rosa Gürtel steckte und ging ohne Zaudern auf dem Seil hin und her. Ihre Füßchen schienen wirklich in der Luft zu schweben, sie verdoppelte und verdreifachte das Tempo und drehte sich und gaukelte wie ein Schmet⸗ terling auf dem Seil. Ein kurzer Anlauf, und sie war wieder beim Aufstieg angelangt, wo ihr der Vater einen kleinen mit Gold⸗ papier beklebten Schubkarren hinschob.

Sie ergriff ihn mit beiden Händchen und schob das Gefährt vorsichtig bis ans Ende des Seiles, drehte sich unter atemloser Span⸗ nung der Zuschauer um und kehrte wohl⸗ behalten zur Leiter zurück. Ein Jubel brach los, die Zuschauer riefen lautBravo Bravo! Strahlend verneigte sich die Kleine und wollte heruntersteigen. Da ruft ihr der Mann ein paar Worte zu. Sie scheint nicht zu wollen, bittend faltet sie die Händ⸗ chen, aber auf ein nochmaliges barsches Avanti! ergreift sie abermals den Schub⸗ karren und betritt nochmals die gefahrvolle Bahn. Am Ende des Seiles angekommen, geht plötzlich ein Schwanken durch die kleine Gestalt, der Karren entfällt den kraftlosen Händchen, sie versucht eine Sekunde noch das Gleichgewicht zu gewinnen, dann ein gellender Schrei, und Anita liegt mit zer⸗ schmetterten Gliedern auf dem Pflaster des Platzes.

Es war ein entsetzlicher Augenblick, und Jung und Alt konnten im ersten Schrecken kaum begreifen, was geschehen war. Die zunächst Stehenden sprangen hinzu, die alte Großmutter kam herbeigestürzt und warf sich weinend über das Kind.Anita, mein Schäfchen, Anita, mein Blümchen, hat er dich gemordet der schreckliche Mensch?so jammerte sie laut. Senor Lukas stand dabei und kaute am Schnurrbart. Wild fuhr die Alte auf ihn los. In einer fremden Sprache zankte sie mit ihm hin und her, und so viel verstand man, daß sie dem Manne vorwarf, ein zweites Mal die gefährliche Fahrt verlangt zu haben. Er stand achsel⸗ zuckend dabei und drehte schließlich der kei⸗ fenden Alten den Rücken.

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Ein energischer Zuruf unseres Arztes, der sich inzwischen durchgedrängt hatte, brachte die Alte zur Ruhe. Nachdem er sich davon überzeugt hatte, daß noch Leben in dem bewußtlosen Kinde war, wurde es sorg⸗ sam aufgepackt und ins nächstliegende Haus gebracht, das die Bäuerin bereitwillig öff⸗ nete. Wohl zeterte die Alte, doch ein Blick auf den Wagen hatte dem Arzt genügt, um mit bestimmter Handbewegung das An⸗ sinnen, das Kind da hineinzubringen, ab⸗ zulehnen.

Traurig verlief sich die Menge. Spät brachte uns unser Vater die Kunde ins Haus, die Kleine lebe noch, habe aber beide Beine gebrochen, und da der Arzt auch noch innere Verletzungen befürchte, so könne sie vorläufig nicht transportiert werden, sondern müsse beim Hansjakob ruhig liegen bleiben.Da hat sie's gut getroffen! setzte er hinzu,die Bäuerin ist eine Frau, die das Herz auf dem rechten Flecke hat.

In den nächsten Tagen gabs natürlich nur ein Gespräch im Ort: das Mädchen mit den flüchtigen Füßen. Einer Ueber⸗ führung ins Krankenhaus der nächsten Stadt hatten sich die braven Bauersleute wider⸗ setzt. Der saubere Seiltänzer war nämlich, nachdem er vom Arzt vernommen hatte, daß Anita ihren leichten Gang wohl für immer verloren haben würde, bei Nacht und Nebel verschwunden und hatte nur einen Brief zurückgelassen, wonach Anita nicht sein Kind war, sondern von ihm nur aus Gnade und Barmherzigkeit angenommen und unterhalten worden sei. Ein Päckchen Papiere, darunter Anitas Taufschein und der Trauschein ihrer wahren Eltern lagen dabei.

Mutter Margret, Hansjakobs Frau, brachte dies alles meinem Vater und erbat seinen Rat. Der schüttelte bedenklich den Kopf:Mutter Margret, da habt Ihr Euch etwas aufgeladen, es wäre doch besser, Ihr ließet die Kleine jetzt ins Krankenhaus bringen. Von da kommt sie später ins Armenhaus oder in sonst eine Anstalt, wie es der Staat bestimmt.

Aber Mutter Margret schüttelte den Kopf: Nein, Herr Revierförster, das gibt's nicht, das arme Kind ins Armenhaus, da hätt' sichs besser gleich tot gefallen. Nein, wissen Sie, ich hab's mit dem Hansjakob schon be⸗ sprochen, die Anita bleibt bei uns. Es ist jetzt ein Jahr, daß unser Herrgott unser liebes Kind zu sich genommen hat, und wissen Sie hier fuhr sie mit dem Schürzenzipfel sich über die Augenich muß jetzt immer denken, er hat uns einen Ersatz dafür geschickt.

Mein Vater drohte ihr mit dem Finger: Margret, Margret, Euer gutes Herz geht mit Euch durch, habt Ihr Euch das auch

wohl überlegt? Das Mädchen bleibt viel⸗ leicht ein Krüppel, und Ihr wißt auch