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Gemeindeblatt für die evan gelische Kirchengemeinde Gießen
Mr. 2
Gießen, J. Sonntag n. Ep., den II. Januar 1920
9. Jahrg.
Nachdruck verboten. vom Segen der Arbeit. Von Heinrich Schaefer.
Psalm 128, 1 u. 2. Wohl dem, der den Herrn fürchtet und auf seinen Wegen geht. Du wirst dich nähren deiner Hände Arbeit; wohl dir, du hast es gut.
Mein Nachbar ist ein Kettenschmied. Vom frühen Morgen bis zum späten Abend schweißt er Ring an Ring. Sein immer klingender Ambos singt mir Tag für Tag ein Lied davon, daß treuer Arbeit der Lohn und der Segen nicht fehle. Als ich vor zehn Jahren zum erstenmal in seine Schmiede trat, hatte er noch eine kleine bescheidene Mietwohnung. Aber draußen vor dem Dorfe war das eigene Haus, der späte Lohn fleißiger Arbeit, schon im Werden. Nun wohnt er längst darin, hat seine eigene Schmiede und einen großen Garten drum herum. Er ist darüber schon 70 Jahre alt geworden, aber seine Schaffenskraft und Arbeitsfreude ist immer noch ungebrochen. Seine Frau sagte zu mir:„Meinen Sie, er könnte ruhen? Die Feiertage werden ihm immer zu lang. Wir hatten ihn einmal so weit, daß er seine Tochter in Holland auf mehrere Wochen besuchte. Was denken Sie? In zehn Tagen war er wieder hier. Er hielt es nicht aus, so schön es auch dort war; er wurde ganz krank davon, daß er seine Arbeit nicht hatte. Als er hier wieder vor seinem Feuer stand, da war er wieder zu⸗ frieden.“
Er ist mir oft ein Trost gewesen in dieser traurigen Zeit. Wenn mir der jammervolle Zustand der deutschen Arbeit, wie ihn Un⸗ verstand, Gewissenlosigkeit und Wahnsinn herbeigeführt haben, schwer auf der Seele liegt, und ich höre seinen emsigen Hammer, dann wird mir die Last wieder erträglicher. Und wenn auch das nicht hilft, dann trete ich wohl in die kleine Schmiede, um an⸗ gesichts dieses rüstigen unverdrossenen Schaf⸗ fens die Sorge eine Weile zu vergessen. Zwar erinnert mich die eiserne Kette, an der er arbeitet, immer wieder an unsere Knecht⸗ schaft. Aber ich habe auch zugleich vor Augen, was uns retten kann aus unserer Sklaverei: den stetigen, eisernen Fleiß, die unbeirrte Pflichttreue und jenen ernsten
inn, der zu jeder rechten Arbeit gehört. Und dann reden wir wohl darüber, was uns heute nottäte.
Er hat viel Zeit zum Sinnen vor seinem sprühenden Feuer und hat seine gefunden Meinungen von dem Elend unserer heutigen Arbeitsnöte.„Ich will Ihnen sagen, wie sie es heute mit der Arbeit halten: sie wollen wenig säen, aber reichlich ernten. Darum ist im Schaffen kein Segen mehr. Der Unsegen aber wird immer deutlicher und größer werden, er wird sich erheben wie ein lauern⸗ des, wildes Tier, um uns alle zu ver⸗ schlingen, wenn wir uns nicht rechtzeitig vorsehen und uns selber ändern.“
Hat er nicht tausendmal recht, mein Nach⸗ bar Kettenschmied?
Der Segen der Arbeit ist hin. Wenig säen und viel ernten, das ist keine ehrliche, ge⸗ sunde Sache mehr. Es ist kein Glück dabei. Wo sind denn heute glückliche, zufriedene Arbeiter? Was hilft der hohe Verdienst eines kurzen Arbeitstages? Das Geld hat kein Gewicht mehr. Die leichten Papier⸗ scheine werden wie Blätter im Herbst von jedem Wind hierhin und dorthin getrieben, von einer Hand in die andere. Wie ge⸗ wonnen, so zerronnen! Es ist kein Segen in diesem Gelde. Wo ist die stille Freude ge⸗ blieben, die unsere Väter am sauer erwor⸗ benen, aber gediegenen Taler hatten? Wir lassen uns blenden von den höheren Zah⸗ len. Aber wenn du einem Ausländer ein⸗ mal etwas zu zahlen hättest, und er schöbe dir verächtlich deine Scheine über den Tisch zurück, dann würdest du merken, was dein Geld wert ist. Und warum gilt es so wenig? Es steckt nicht Arbeit genug hinter diesen bunten Scheinen!
Aber ich weiß, wenn mein Nachbar Ketten⸗ schmied vom Segen der Arbeit spricht, dann meint er noch etwas Anderes und Besseres. Ich denke dann an sein zufriedenes Gesicht, wenn er nach Feierabend noch seine Bäume und Beete pflegt, oder mit seiner Pfeife auf der Bank vor dem Hause sitzt. Er ist ein glücklicher Mensch. Und das Glück wächst aus seiner treuen Arbeit. Die erfüllte Tages⸗ pflicht macht ihn froh, und diese Freude ist ihm ebensoviel wert wie der Tagesverdienst selbst. Er hat zu seiner Arbeit eine Art Liebesverhältnis. Wenn sie ihm einmal fehlt, wie damals, als er nach Holland reiste, ist er krank und unglücklich wie ein Bräutigam, dem die Braut entrissen ist. Wenn wir doch diesen Geist der Arbeitsliebe und Pflicht⸗ treue wieder hätten! Wenn wir ihn zumal unseren jugendlichen Arbeitern einpflanzen könnten!


