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regten Zustand sehr gesprächig waren. Ein verwundeter französischer Offizier komman⸗ dierte im Fieberdelirium ununterbrochen: „Chassez, chassez, chassez.“ Er starb in dem Hause. Im Nebenraum— die Türen waren ausgehängt und dienten als Ver⸗ bandstische— hatte Dr. Wolf aus Höchst am Main seine Verbandstelle eingerichtet, in der es bis mitten in der Nacht keine Ruhe gab. Er redete den Verwundeten freundlich zu, fragte, wo sie her seien und trug ihnen Grüße für die Heimat auf. Da kam mir zuerst der Gedanke, ich könnte viel⸗ leicht auch heimkommen. Wie herrlich wäre das! Darüber schlief ich ein.

Heute sind die Schmerzen geringer, aber ich muß ganz ruhig auf dem Rücken liegen, kann mich nicht aufsetzen und, wenn ich nur den Kopf bewege, tut es sehr weh. Das Sani⸗ tätspersonal ist freundlich und aufmerksam.

Die Franzosen scheinen zurückgeworfen zu sein; man hört nur fernen Kanonendonner. Um 12 Uhr bekomme ich einen Becher Kaffee, später eine gute Suppe, aber Brot ist keines da. Die leichter Verwundeten sind weg⸗ gebracht worden, ich liege nun allein in einem kahlen Raum auf Stroh. Es ist eine rechte Geduldsprobe. Hoffentlich kommt ein Sanitätswagen und bringt mich in ein Feldlazarett.

Abends Suppe. Ich komme nicht fort.

17. 9. 1914. Gestern abend um 11 Uhr kam ein junger Arzt und fragte, wer eine Spritze haben wolle. Da ich vor Schmerzen nicht einschlafen konnte, ließ ich mir eine Morphiumspritze geben, aber um 2 Uhr war es mit dem Schlaf schon zu Ende. Käme ich doch in ein richtiges Lazarett, das Lager ist hier zu schlecht.

Vormittags kam ich doch von Autry fort. Mit Hilfe zweier Sanitäter wurde ich zu⸗ sammen mit anderen Verwundeten und Kranken auf einem mit Plantuch überspann⸗ ten Kastenwagen verbracht; auf dem Brett neben mir saß ein armer Musketier, dessen Fuß zerschossen war. Um es einigermaßen aushalten zu können, hatte er das schlimme Bein über eine Stange gelegt, so daß der

Fuß frei schwebte; vor mir lag ein Kanonier

mit Lungenentzündung. Vor dem Orte sam⸗ melten sich etwa 20 Wagen mit solch trau⸗ rigen Lasten, und lange dauerte es, bis die Kolonne sich in Marsch setzte. In Grandpré wurde sie schon wieder angehalten, alle Wagen mußten geleert werden, da sie wieder nach vorne sollten. Auch in Grandpré waren alle dazu geeigneten Häuser mit Ver⸗ wundeten überfüllt; es war kaum besser wie in Autry. Wie gerne möchte ich weiter kom⸗

men. Auf einem kurzen Gang durch das

Städtchen komme ich auch in die Kirche. Durch die buntbemalten Fenster fallen die Sonnenstrahlen in das Innere des Gottes- hauses, das einen freundlichen Eindruck macht. An einer Säule steht auf einem Posta⸗ ment die kriegerische Jungfrau von Orleans,

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die Sturmfahne in der Hand— man sieht sie sehr viel in Frankreich—, sie blickte auf viele leidende Menschen herab, die die Kirche füllen. Auf der Erde liegen auf Stroh die schwerer Verwundeten, während leicht Ver⸗ wundete in den Bänken kauern, alle voll Sehnsucht, bald nach der deutschen Heimat zurückgebracht zu werden. Ich traf hier zwei leichtverwundete Kanoniere meiner Batterie; wir waren über das. erfreut und fühlten uns nicht mehr so einsam und fremd. Nach mehr als 1¼ Jahren habe ich öfter Gottesdiensten in dieser Kirche beigewohnt. Von der unbequemen Fahrt recht ange⸗ griffen, gehe ich in ein herrschaftliches Haus, an dem die Flagge mit dem Roten Kreuz weht. Alle Räume liegen voll schwer Ver⸗ wundeter; welch eine Fülle der Schmerzen und des Jammers! Matt lasse ich mich in einem der Zimmer auf einen Stuhl nieder; gerne hätte ich mich hingelegt, aber es war kein Plätzchen mehr frei. Eine gute Suppe hebt die Lebensgeister etwas, aber auch hier gibt es nur ganz wenig Brot. Das Haus hat schöne große Räume und— das einzige⸗ mal, daß ich es in Frankreich sah— ein Klosett im Hause. Ein Feldwebel schreibt die Namen der Neuangekommenen auf. Als er den meinen hört, fragt er, ob ich aus Darmstadt sei, und es stellt sich heraus, daß er, wie mein Vater, aus der Wetterau stammt und in Darmstadt, wo er Schutz⸗ mann war, kannte. Feldwebel Dauernheim nimmt sich meiner freundlichst an, er ver⸗ schafft mir in der Nähe ein hübsches Zimmer mit gutem Bett, beauftragt auch einen Unter⸗ offizier, mir Nachtessen zu besorgen. Ich betrachte mich im Spiegel. Entzückt werden sie von meinem Aeußeren daheim nicht sein. Ein stachelhaariger Vollbart ist mir ge⸗ wachsen. Die Backen sind eingefallen, die Uniform blutbefleckt. Aber wie schön wäre es doch, wenn ich heim käme!

Die vielen Sachen, die ich in den zehn Taschen meiner Uniform untergebracht hatte, und meinen Helm habe ich in Condé in einen weißen Kissenbezug stecken und zu einem Bündel drehen lassen, das ich nun mit mir trage, wie ein Flüchtling seine Habselig⸗ keiten. Da der Unteroffizier mich offenbar vergessen hat, lege ich mich mit Schmerzen und Hunger ins Bett, ein sauber gedecktes, weiches Bett. O, wie wohlig ruht es sich da!

18. 9. 1914. Ein Rechtsanwalt aus Wetz⸗

lar und der Bürgermeister von Langen⸗ selbold, die von meinem Hiersein gehört

hatten, nahmen sich meiner gütigst an und sorgten für Essen. Auf der Straße redete mich Wirt Vollert von Gießen, der bei der Feldbäckerkolonne ist, an und besorgte mir Milch. Aber es bestand keine Aussicht, fort⸗ zukommen. In der Kirche, die auch voller Verwundeter liegt, treffe ich wieder meinen

Batteriekameraden, der auch noch nicht weitergekommen ist. Auf dem Marktplaß erkenne ich einen alten Lehrer von mir, der

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