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Gemeindeblatt für
Gießen, Sonnt. n. Weihn.,
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die evangelische Kirchengemeinde Gießen
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den 28. Dezember 1919 8. Jahrg.
Sturmfahrt. Von Heinrich Schaefer.
Psalm 33, 20. Unsere Seele harret auf den Herrn.
In schwerer Mühsal tut ein Aufatmen wohl, selbst wenn es nur eine kurze Atem⸗ pause ist. So rasten wir ein wenig am Ende dieses bitterbösen Jahres und über⸗ schauen noch einmal diese letzte Strecke unse⸗ rer Wanderschaft, ehe wir Blick und Schritt vorwärts richten in neues unbekanntes Land.
Wie kann man dieses alten Jahres Not und Qual mit einem Wort umfassen? Es war eine Sturmfahrt ohnegleichen!
Ich sehe ein altes Schiff mit den Wellen ringen, Tag um Tag, ein Schiff mit zer⸗ brochenem Mast und ohne Flagge, ein Schiff ohne Steuer und Maschinenkraft, ein Spiel⸗ ball des stoßenden Sturmes und der stür⸗ zenden Wogen. Das Schiff heißt Deutsch⸗ land. Und die auf ihm fahren, das bin ich und das bist du. Wie fuhr es einst so stolz und sicher und wurde aller Stürme und Wogen Meister! Wie brach sich an seinem Bug der schäumende Wogengang! Wie wehte seine Flagge so leuchtend und siegreich, als lache sie des Sturmes und seiner Wut! Wie war die ganze Welt voll Staunen und Achtung über solche stolze Fahrt im Welten⸗ wetter, im Völkersturm. Bis die Klippe kam und auf ihr der große Schiffbruch geschah.
Als Schiffbrüchige sind wir ins Jahr 1919 hineingefahren, sind hin und her ge⸗ worfen worden und doch nicht von der Stelle gekommen. Und dazu war es Nacht über uns das ganze Jahr, schwarze Wolken hingen über den trüben Wassern. Seenot in dunkler Nacht! Die Seeleute kennen nichts, was schrecklicher ist. Alle guten Sterne waren erloschen über unsern Häup⸗ tern. Verwirrung und Unruhe, Verzweif⸗ lung und Wahnsinn trieben uns hierhin und dahin, und nirgends fand es Ruhe und Frieden, das mühselige deutsche Herz.„Nir⸗ gends Rettung, nirgends Land vor des Sturmwinds Schlägen!“ In Mühe und Qual, in Kampf und Not, in Schande und Schmach haben wir dies erste Friedensjahr vollbracht..
Heute schauen wir auf seinen Lauf zurück und sehen alles ein wenig klarer. Wir ginnen zu empfinden, daß unser Schiff samt dem weiten wogenden Meer in einer höheren Hand steht, und daß wir nie und nimmer ein Spielball der Sinnlosigkeit sein können. Die Welt ist nicht steuerlos, noch immer
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sitzt der Allerhöchste im Regimente, sein Thron und seine Krone fallen in Ewigkeit nicht. Wohl brausen die Stürme noch immer um das Schiff, wohl liegt die Nacht noch immer über seinem Weg. Aber einmal legt sich auch der stärkste Sturm, einmal wird es Morgen auch nach der längsten Nacht
Das Sprichwort sagt: Gott hilft dem Schiffer, aber rudern muß er! So sagen auch wir mit fester Zuversicht: Gott hilft dem schiffbrüchigen Deutschland, aber jeder, der an Deck ist, muß sein Möglichstes und Bestes dazu tun. Willst du es genauer wissen? So höre: Nicht außergewöhnliche Taten werden von dir gefordert, sondern nur Treue, Eifer und Ernst in den Dingen, die dir auch sonst obliegen. Handeln alle danach, so wird aus vielem geringen aber treuen Wirken ein mächtiges, außergewöhn⸗ liches Werk der Rettung. So gerüstet und bereitet wagen wir unverzagt aufs neue die Fahrt durch Sturm und Nacht. Gott sei mit uns und in uns auf der Sturmfahrt ducchs neue dunkle Jahr!
Geschichten und Bilder aus Alt⸗Gießen. 17. Eine Sturm nacht.
Es war am 12. März 1876, an einem Sonntage, als in den Nachmittagsstunden der Himmel sich umdüsterte und eine höchst sonderbare Färbung annahm, so daß man auf einen ungewöhnlichen Vorgang in der Natur schließen konnte. Gegen Abend— ich war gerade auf dem Wege nach Wenzels Garten, um an einer Veranstaltung des Bürgerklubs teilzunehmen, bei der ich eine Aufführung zu leiten hatte— setzte ein heftiger Wind ein, der das bis dahin noch ruhige Himmelsgewölbe zerriß und die nun zu Haufen geballten schwarzen Wolken vor sich herjagte, so wie es in dem Liede vom braven Mann heißt:„wie wenn der Wolf die Herde scheucht!“. Die wunderbar schönen Wolkengebilde, die sich jetzt entwickelten, durch die Strahlen der untergehenden Sonne berührt, boten in magischer Beleuchtung dem Auge einen prachtvollen Anblick.
Trotz des heftigen Windes, der an Stärke fortwährend zunahm, konnte die Veranstal⸗ ung der Gesellschaft vorerst einen unge⸗ störten Verlauf nehmen und die schon er⸗ wähnte Aufführung konnte glatt zu Ende geführt werden. Man achtete nicht viel auf das Brausen des Sturmes, man fühlte sich in dem geschützten Raume sicher und ver⸗ gnügte sich. Es war sogar noch ein Tanz vorgesehen, der die Festlichkeit beschließen


