Ausgabe 
1.6.1919
 
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Sonntagsgruß

emeindeblatt für die evangelische Kirchengemeinde Gießen

Nr. 22 Sießen, Exaudi, den J. Juni 91

Jahrgang

Der unveränderliche Gott.

Pfsalm 102, 28. Du aber bleibest, wie du bist, und deine Jahre nehmen kein Ende.

Als Melanchthons Vater, der Waffen⸗ schmied Georg Schwarzerd, im Sterben lag, da sprach er zu seinem damals zehnjährigen

Sohne:Ich habe viele und große Ver⸗ änderungen erlebt, aber es werden noch grö⸗ ßere folgen, in denen Gott dich leiten möge.

Gilt dieses Wort nicht auch für das Geschlecht

dieser Tage? Wenn heute ein Achtzigjähri⸗

ger auf sein Leben zurückschaut, welch eine

Fülle des Erlebens stellt sich da seinem 1 5 ö

dar? Vor achtzig Jahren war Deutschland

groß im Reiche des Geistes, aber politisch

ohnmächtig, wirtschaftlich lag damals vieles

im Argen. Kaum zehn Jahre waren ver⸗

gangen, daß Goethe verschieden war, kaum vier Fahre, daß die ersee Eisenbahn durch deutsches Land fuhr. Dann kamen zehn Jahre später große politische Wirren, es kamen die 118 um die Einigung des deutschen Volkes, es kam der ungeheure poli⸗

tische und wirkschaftlich e Aufstieg. Und nun

haben die Alten noch des deutschen Volkes

Abstieg erlebt, sie sehen in tiefer Trauer, wie

das Reich, dem sie einst bei seiner Begrün⸗ dung zugejubelt Haben, kraftlos zusammenge⸗ sunken ist. Viele und große Serüinderunen haben sie erlebt, und größere werden ver⸗

mutlich noch folgen. Da ist es ein Trost, zu

wissen, daß einer über uns ist, der unver⸗

änderlich ist, unveränderlich in seiner Liebes

gesinnung und Treue zu uns Menschen. Gott

ist nicht verflochten in den allgemeinen Um⸗ schwung der Dinge, er führt uns allezeit, auch im dunklen Tale, auf rechter Straße

um seines Namens willen. In d den erschüt⸗ ternden Veränderungen dieser Zeit sprechen wir: Du aber bleibst wie du bist, und deine Jahre nehmen kein Ende. H. B.

Der Ernst dieser Tage.

Der fünfjährige Krieg ist zu Ende, wir

warten in diesen Tagen auf den Abschluß des Friedens. So Gott will, wird sich das Tor des millionenfachen Jammers bald schließen, und der Lenker der Menschenschick⸗ sale wird die Bitte erhören, die einst Paul Gerhardt so schön in die Worte gekleidet hat: Schleuß zu die Jammerpforten und laß an allen Orten auf so viel Blutvergießen die

Friedensströme fließen. Der Friede kommt anders, als wir ihn uns in glücklichen Zeiten gedacht haben, er kommt nicht als der freund⸗

liche Engel, der den Palmenzweig in den Händen trägt, er kommt mit finsterer, Un⸗ heil verkündender Miene. Seinem Al lbschluß stehen vorerst noch scheinbar unüberwindliche Schwierigkeiten entgegen, und der Streit der Meinungen wogt lebhaft hin und her. Da ist es am Platze, daß wir einmal versuchen, darzustellen, wie der Christ sich dem Ernste dieser Tage gegenüber verhalten soll. Unsere Zeitungen enthalten Tag für Tag Berichte über Versammlungen, in denen man gegen die Friedensbedingungen der Feinde protestiert. Ueber diese Versammlungen muß zunächst ein Wort gesagt werden. Sie haben gewiß Wert, wenn sie nicht allzu oft statt finden und wenn in ihnen gereifte Männer reden, Männer, denen diese Versammlungen schlaflose Nächte bereiten, aber in ihrer Häu figkeit und Ueberfülle sind sie ein Verderb und ein Krebsschade für unser Volk, man kann sie recht eigentlich als eine Modesache bezeichnen. Es ist der Fluch eines vorläufig zur Untätigkeit und zur politischen O Ohnmacht verurteilten Volkes, daß es alle seine Kraft im Reden erschöpft. Früher haben die Deut⸗ schen in ähnlicher Lage ihre Kraft in Ge⸗ dichten ersch jöpft oder sie haben neue philo⸗ sophische Systeme aufgestellt. Viele Menschen werden durch diese Versammlungen er regt, beunruhigt, von ihrer Arbeit abgezogen, und was das Unheilvollste ist, in dem Wahn bestärkt, als ob mit diesen Massenkundgebungen alles getan sei. Da liest man die immer wieder kel hrenden Redewendungen:stürmischer Pro test,Protest in der schärfsten Form machtbolle Kundgebung. In Wahr heit sollte man schreiben:Kundgebung der Ohn macht. Man muß unsere Gegner nur ken nen und muß wissen, daß sie als die Real⸗ politiker, die sie immer waren, nach solchen machtvollen Kundgebungen gar nichts fra gen. Soll das deutsche Volk dem Fluche ver⸗ 0 der der Phrase anhaftet? Im Jahre ) hat sich Viktor Hugo in Tiraden er 955 über die die ganze Welt lachte. Wir sind nahe daran, dem gleichen Schicksal an heimzufallen. Vielen dieser 8 merkt man es an, daß sie nur der Effekt⸗ bascherei und der Sensationslust ihre Ent⸗ stehung verdanken. Im Hofe des Heidel⸗ berger Schlosses hat in der vorigen Woche eine Frauenversammlung protestiert. Daß Frauen jetzt in die staatlichen und kommu nalen Körperschaften gewählt werden, wird jeder Urteilsfähige mit Genugtuung begrü ßen. Die Männer haben in vergangenen