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Gemeindeblatt für die evangelische Kirchengemeinde Gießen
Nr. 21 Gießen, Rogate, den 25. Mai 1919
8. Jahrgang
2 2 5 Christenglaube in dunkler eit. Brief an die Hebräer 11, 6. Ohne Glaube ist es unmöglich, Gott zu gefallen.
Der Krieg hat manches ans Licht geför⸗ dert, an das wir kaum mehr gedacht haben. Viel Schutt und Schlacken, einem Vulkan gleich, und viel Edelstein; wir denken an den Opfersinn, den das deutsche Volk vier Jahre lang gezeigt hat. Aber auch alte Münzen kommen wieder zum Vorschein, die wir fast begraben glaubten.
Wie hat man einst großartig getan, wenn einer noch von Schuld sprach. Es gebe keine Schuld; im Namen der Wissenschaft müsse man davon absehen, von solchen Dingen noch zu reden. Die Wirklichkeit entscheidet oft an⸗ ders, als die Theorie Wort haben möchte Wir erleben seit Monaten, wie das ganze Vaterland wi derhallt von dem Work:
zösisch. Erst als sie merkten, daß sie nicht beobachtet wurden und einigemal über fran⸗ zösische Ausdrücke gestolpert waren, gingen sie dann zum„Elsässer⸗Ditsch“ über. Als die Bürgermeister nicht mehr von der Re⸗ gierung ernannt, sondern von der Gemeinde gewählt wurden, zeigte es sich, daß mit den einheimischen Bürgermeistern besser auszu⸗ kommen war, wie mit den eingewanderten. Letztere bemühten sich um die Gunst des
Gemeinderats, vielfach auf Kosten der Deut⸗
schen, besonders des Militärs. Dieses Auf⸗ geben der Berufsbürgermeister war auch eine der unglücklichen Versöhnungsmaß⸗ nahmen.
In Mörchingen, dieser verschrieenen Gar⸗ nison, war ich 10 Jahre bis einschließlich Oberstleutnant(18951905). Ich und meine Frau fühlten uns wohl, ich durch meinen Dienst, sie durch Haus und Garten, vom
„Schuld“. Wir wollen uns das für künftig merken. Sowenig sich einer sein Verdienst
schmälern läßt, sowenig läßt er in der Praxis davon ab, andere, natürlich nicht sich
selbst, einer Schuld zu zeihen. Schuld aber und Verdienst setzt irgendwie freie Entschei⸗ dung voraus und führt den Begriff der Ver⸗
antwortung ein, den wir gleichfalls nicht
mehr gelten lassen wollten. Wie leichtfertig geht der Mensch mit solchen alten Werten um, in denen allen ein Sinn steckt.
Und noch eine andere Münze scheint wie⸗ der in Geltung zu kommen, die wir längst beiseite geworfen haben, das Wort„Glau⸗ be“. Ohne Glauben, ohne Vertrauen, ohne Vertrauen auch auf eine bessere Zukunft, kann der Mensch nicht leben. Glaube ist ein Lebenselement der menschlichen Natur, das im Glauben an Gott zu seiner höchsten Aus⸗ wirkung kommt. Gott sitzt im Regimente und führet alles wohl, in diesen Worten faßt Paul Gerhardt seinen Vorsehungsglauben
zusammen, und ohne diesen Glauben ist es
unmöglich, Gott zu gefallen. Diesen Glauben wollen wir auch festhalten in der Not dieser Zeit. Er wird vielen Trost und Wegweiser sein, vielleicht dem ganzen deutschen Volk au seinem künftigen Leidensgang.
Erinnerungen und Betrachtungen.
Von Generalleutnant z. D. Friedrich Klingelhöffer(Gießen).
(Schluß.)
Staat zu billigem Preis überwiesen. Bei uns trafen die Vorbedingungen zu, um in Mörchingen zufrieden zu sein: Liebe zum Landleben, keine schulpflichtigen Kin⸗ der, eine anhängliche häusliche Hilfe Trotz⸗ dem bat ich den Brigadekommandeur, seine Absicht fallen zu lassen, mich als Kom⸗ mandeur des Regiments, in dem ich stand, vorzuschlagen. Es ist nicht angenehm, Regi⸗ mentskommandeur an einem Ort zu sein, wo der Leutnant es als das größte Glück ansieht, gerade so viel anzustellen, daß er versetzt werden muß, aber um den Ab⸗ schied herumkommt. Dem Leutnant wurde freilich in dem armseligen Städtchen in trauriger Gegend wenig geboten, was das Leben angenehm macht.
Da bot Saarbrücken mehr, wohin ich von 1905-1909 als Kommandeur des In⸗ fanterie⸗Regiments 70 kam. Saarbrücken gilt zwar als eine rußige, häßliche Stadt, aber das trifft nur für den Teil an der
Bahn zu Es liegt in herrlicher Gegend, bat mancherlei interessante Bauten und Er⸗
innerungen, vor allem eine der patriotisch⸗
Fsten Bevölkerungen Deutschlands Dieser Pa⸗ striotismus hat sich von 1870 her, wo die
Franzosen die Stadt durchstreiften, erhal⸗ 3 Die besseren Kreise pflegten den Ver⸗ kehr mit den Offizierkorps, trotzdem deren Spitzen rasch wechselten, in besonders lie⸗ benswürdiger Weise. Man fühlte sich in dieser urdeutschen Bevölkerung und unter diesen prächtigen Bergleuten ungemein wohl.
Kam eine elsaß⸗lothringische Gesellschaft Es wäre unverzeihlich, wenn an der Zu⸗ 1
in einem Gasthaus an einen Tisch in Nähe
gehörigkeit zu Deutschland irgendetwas ge⸗
der Deutschen, so sprachen sie stets fran⸗ ändert würde.
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