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emeindeblatt für die evangelische Kirchengemeinde Gießen

Nr. 47 Gießen,(Totensonntag), 23. S. n. Tr., d. 23.

Novbr. 1919 8. Jahrg.

Leben im Sterben.

Brief des Apostels Paulus an die Römer 8,

3537. Wer will uns scheiden von der Liebe Gottes? oder Verfolgung oder Hunger oder Blöße oder Fährlichkeit oder Schwert? Wie geschrieben steht: Um deinetwillen werden wir getötet den ganzen Tag, wie sind geachtet wie Schlachtschafe. Aber in dem allen überwinden wir weit um deswillen, der uns geliebt hat.

Totensonntag ist heute. In früheren Tagen griff er unter den Millionen Deutscher doch immer nur Einzelnen voll ans Herz, vor⸗ nehmlich denen, über deren Schi welle der düstere Gast während des laufenden Jahres getreten war. Die anderen Ernst zumeist nur so, wie den Wanderer, der weitab vom Strande auf friedlicher Flur fernher das leise Rauschen des Meeres ver⸗ nimmt, und die alte Mahnung des misten:Lehre uns bedenken, daß wir ster⸗ ben müssen, auf daß wir klug ee traf eher das Ohr als das Herz. Dann kam der Krieg und die Jahre des Krieges. Und mit jedem Totenfest brauste die näher und drohender heran. Die ward Volksklage, denn schier kein Haus blieb verschont und kein Auge träne enleer ob weher Verluste im Schoß aller Familien. Aber über den Schmerz Einzelner und der Besamtheit wölbte sich doch wie blauer Himmel immer wieder die Hoffnnung, ja Gewißheit, d viel kostbares Lebens gut nicht umsonst dahin⸗

gegeben sei. Mancher ahnte etwas vom Sinn für das Heil des in den

des ae enden Opfers Ganzen, und bei vielen mischte sich religiösen Trostgedanken des Totenf stes noch ein Unterton vaterländischer Aufrichtung, wenn es hieß:Selig sind die Toten, die in dem Herrn sterbe en, von nun an. Ja, der Geist spricht, daß sie ruhen von ihre r Arbeit; denn ihre Werke folgen ihnen nach. Und

heute? Ist uns nicht so, als liege das ganze

deutsche Volk, vom Ersten bis zum Letzten, im Sterben? Als seien die Fluten maßlosen Jammerns und Verderbens über unser aller Haupt zusammeng zeschlagen? Und das Eine bleibt gewiß: an einer Totenbahre steht dies⸗ mal die gesamte Nation. Des al en deutschen Reiches Macht und Größe ist dahin, der jahrhundertelange Traum eines geeinten, unantastbaren Vaterlandes ist, kaum daß ihm Erfüllung ward, zerflossen. Der wäre kein

uns 1 hängen durfte, Trübsal oder Angst menrottete

berührte sein dem gra oßen

Psal⸗ Kriegssturm die

Sterbensflut Totenklage

daß so

Mensch von Fleisch und Blut, dem sich nicht das Herz ee e angesichts der Schmach, di e fremde Willkür über uns ver⸗

1 um des willen, weil eine

gegen einen Einzigen zusam⸗ 1 5 wer da sagt, daß unser Volk den Weltkrieg wollte, der lügt; und wer da vergessen will, daß im August 1914

ganze Welt si

die Nation. eines war in flammendem Zorn und 1 5 der

1 Begeisterung, die ungeheuer frevelhafte Herausforderung eines schon lange festgeschmiedeten Feindesrings zurück⸗ zuweisen, der hat ein unentschuldbar schwaches Gedächtnis. Es liegt ein Siegfried erschlagen, und wer noch einen Tropfen deut⸗ 9 70 Blutes in seinen Adern fühlt, dessen Totenklage ist echt! Aber darin zu verharren, iste eines großen Volkes, das wir bleiben, un⸗ wert. Wenn je ein Totensonntag, muß der heutige Kräfte des Lebens wecken, muß er Zuge der schöpferischen Natur folgen, die hinter jedes sterbende Blatt schon eine neue Knospe setzt. Und die Kraft muß sich verdoppeln, weil nicht bloß draußen der schützenden Deiche durch brach, sondern auch im Innern eine gewal⸗

tige Brandung an manchem Altbe estehenden

und nicht immer Schlechten rüttelte. Viele werden ja schon heute aus dem Chaos über raschenden Zusammenbruchs sich erste Ge⸗ bilde einer neuen, besseren Weltzeit ent⸗ wickeln sehen. Und wir wollen uns ernst be⸗ reitstellen, das Gute zu fördern, wo immer wir es finden. Aber ge ewiß bleibt doch, daß keine Welt⸗ und keine Herzenswunde allein mit äußeren Pflastern und Arzneien geheilt werden kann. In die geheimen Tiefen der Seele muß Volk und Mensch steigen, und auf ihrem Acker die Spreu vom erzen scheiden. Vor Gott, ihre n Schöpfer, und sein Wort muß sie sich wieder in inwendigstem Erleben stellen. sei unser Lebensdienst am heutigen Totenfest: Zwiesprache halten mit Gott, dem Lebendigen,

bis wir wieder A. 2 NI 1

lernen mit Paulus zu bekennen:Wer will

uns scheid

en von der Liebe Gottes? Trübsal, oder Angst, oder Verfolgung, o oder Hunger, oder Blöße, oder Fährlichkeit, oder Schwert? Wie geschrieben steht: Um dein netwillen wer⸗ den wir getötet den ganzen Tag, wir sind geachtet wie Schlachtsch afe. Aber in dem allen überwinden wir weit durch den, der uns ge⸗ liebt hat. auf Golgatha Wer jetzt lernt Christi Tod verstehen und mit ihm sterben, der wird auch lernen, mit ihm neu zu leben: der wird erfahren, daß unsere Toten dennoch nicht umsonst gestorben sind.