Ausgabe 
23.2.1919
 
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Sonntagsgruß

Gemeindeblatt für die evangelische Kirchengemeinde Gießen

Nr. 8 Gießen, Sexagesimä, den

23. Februar 1919 8. Jahrgang

Derliebe Gott.

Evangelium des Matthäus 6, 9. Unser Vater in dem Himmel! Dein Name werde geheiligt.

Derliebe Gott war lange Jahre in vieler Munde, häufig als leere Redensart, öfter als Ausdruck einer naiv vertraulichen Auffassung vom Wesen des Allmächtigen, dessen von Jesus so eindringlich offenbarte Liebe zu den Seinen man schließlich sich stark vermenschlicht zurechtgelegt hatte. Es mag hierbei eine ins Volk gedrungene Ab⸗ art des Pietismus mitgespielt haben, der ja gegenüber dem erstarrten Dogmatismus die persönliche Herzensstellung zu Gott und Christus in den Vordergrund gerückt hatte. Dabei war man aber schließlich gemeinhin zu einer Stellung Gott gegenüber gelangt, die seiner Hoheit und Seligkeit wenig Rech⸗ nung trug. Selbst die Kunst war bisweilen so abgeirrt, daß sie Antlitz und Gestalt Gottes eher als die eines würdigen Greises, fast mit einem Ausdruck des wohlwollend Behaglichen, darstellte, von noch schlimme⸗ ren Entgleisungen zu geschweigen. Für die, welche vomlieben Gott sprachen und so auch zu ihm beteten, thronte er wohl im Him⸗ mel, war auch allmächtig, aber so allgütig, daß er eigentlich nur noch dazu da war, alle Torheit und Sünde der Menschheit mit nie⸗ versagender Liebe und Langmut zu ertragen und zuzudecken. Daß dies alles so un bib⸗ lisch, wie nur denkbar, kam den Leuten gar nicht mehr recht zum Bewußtsein. Nicht ein einziges Mal findet sich der Ausdruck lieber Gott in den Büchern alten oder neuen Testaments. Das Volk Israel hatte eine solche Ehrfurcht vor dem NamenJah⸗ we, seines Gottes Eigennamen, daß es ihn nicht auszusprechen wagte. Es redete vonadonaj,Herr. Der in der Luther⸗ bibel befindliche AusdruckJehowa ist lediglich auf ein be⸗eichnendes Mißverständ⸗ nis zurückzuführen. Die sogenanntenPunk⸗ tatoren des 16. Jahrhunderts, die der reinen Konsonantenschrift des Hebräischen durch Einfügung der Vokale größere Klar⸗ heit zu verschaffen suchten, setzten nun unter die KonsonantenJ. h. w. die Vokale von

adonaj, nur daß aus sprachlichem Grunde

statt Fahowa Jehowa geschrieben ward. Da⸗ durch wollten sie bewirken, daß der unaus⸗ sprechliche Gottesname immer Adonaj ge⸗ lesen werde. Einmal findet sich bei Da⸗

den Zusatz:du großer und schrecklicher Gott. Auch bei Jesu und den Aposteln findet man niemals die Anredelieber Gott. Wenn es im Römerbrief(8. 15) ein⸗ mal heißt,Abba, lieber Vater, so ist das lieber nur ein von Luther treuherzig ge⸗ wählter Zusatz. Jesus rückte die Menschen gegenüber der altjüdischen Auffassung in ein befreiendes inneres Verhältnis zu Gott, indem er ihnen offenbarte, daß sie seine Kinder, er ihr Vater sei. Dabei darf aber nicht übersehen werden, daß seine per⸗ sönliche Stellung alsSohn zum Vater eine ganz einzigartige war, in die wir geistig erst annähernd hineinwachsen können, wenn wir nach Gesinnung und Tun auch wirkliche Reich⸗Gottes⸗Menschen in seinem Sinn zu sein uns bestreben. Wie sehr Jesus im übrigen den Abstand aller, die auf Erden wandeln, von dem Allmächtigen gewahrt wissen wollte, beweist zur Genüge sein Wort (Matth. 10, 17)Was heißest du mich gut? Niemand ist gut, denn der alleinige Gott. Da fühlte er sich als Vertreter der Mensch⸗ heit vor dem Allewigen! Unserm heu⸗ tigen Geschlecht hat Gott aber vollends wieder mit Flammenschrift ins Herz ge⸗ schrieben, daß seine Liebe heilig ist, und daß er jedem Mißbrauch derselben gegenüber derstarke, eifrige Gott bleibt. Gott kann mit Menschensünde keinen Pakt schließen, wir demütigen uns denn in ernstester Buße vor der Majestät einer Liebe, die selbst den eigenen Sohn in den Tod gab um der Menschensünde willen. Das ist das große Geheimnis des Kreuzes Christi. Hier liegt zur Zeit auch eine der ernstesten und ein⸗ dringlichsten Lehren des Weltkrieges. Der liebe Gott läßt seiner nicht spotten, denn er ist heilig; heilig auch als Vater. Und zwar als der der Menschheit, nicht ohne weiteres auch als der jedes Einzelnen in oft nur zu selbstbehaglichem Sinne, wie solcher bei den Meisten von uns eingerissen war. Jesus hat uns nicht umsonst beten gelehrt: Vater unser in dem Himmel(aller Ver⸗ menschlichung weit entrückt!), geheiliget werde dein Name!

die Trennung von Staat und Uirche in den vereinigten Staaten.

Von Pfarrer Dr. Pfannkuche⸗ Osnabrück. Im Jahre 1644 gründete der Baptisten⸗

niel der Ausdrucklieber Herr. Aber das Vertrauliche wird rasch unterdrückt durch

prediger Roger Williams in Rhode Island ein staatliches Gemeinwesen, in dem der