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Geheimrat Prof. dr. Wundt über Religionsunterricht.
Auf eine Anfrage, die die Ortsgruppe Leipzig des Pfarrervereins dieser Tage an den berühmten Leipziger Psychologen und Philosophen Geheimrat Prof. Dr. Wundt richtete, wie er sich zur Frage des Ersatzes des Religionsunterrichts durch Moralunter⸗ richt stelle, gab dieser nachstehende Antwort:
„Der verbreitete Ruf nach Abschaffung des Religionsunterrichts in der Schule ver⸗ birgt unter diesem Namen nach meiner Mei⸗ mung eine der größten Kulturbarbareien der Gegenwart. Dieser Ruf hat einen Sinn, wenn man unter Religionsunterricht das Einbläuen der Bibel als eines dogmatischen Lehrstoffs versteht, der entweder als Offen⸗ barung oder als geschichtliche Wahrheit hin⸗ genommen werden müsse. Ich bin aber der Meinung, daß nur derjenige Lehrer ein brauchbarer Religionslehrer sein kann, der
selbst auf dem Standpunkt der heutigen
Wissenschaft steht, daß aber, gerade von die⸗ sem Standpunkte aus betrachtet, die biblische Geschichte und der in ihr überlieferte reli⸗ giöse Gehalt durch nichts anderes und am allerwenigsten durch einen aus irgendwelchen. anderen Quellen zusammengelesenen sogen. Moralunterricht ersetzt werden kann. Das Kind und der naive Mensch bedürfen irgend⸗ einer Form, in der ihnen die allgemeine Geschichte der Menschheit und ihr moralischer Gehalt überliefert wird. Ich möchte aber z. B. diejenigen, die die Bibel aus der Schule verbannen wollen, fragen, wo sie einen pas⸗ senden Ersatz für die durch ihre wunderbare Einfachheit ebenso wie durch ihren unauf⸗ dringlichen religiösen Hintergrund ausge⸗ zeichnete biblische Schöpfungsgeschichte fin⸗ den wollen? Der griechische, der germani⸗ sche oder irgendein anderer Schöpfungs⸗ mythus, der mir bei meinem auf diese Frage gerichteten Studium begegnet ist, würde nach meiner Ueberzeugung völlig ungenügend sein. Soll darum etwa dem Kinde oder dem naiven Naturmenschen ein Kompendium mo⸗ derner Urgeschichte als Ersatz geboten wer⸗ den? Genau so wie mit der Frage der Ent⸗ stehung der Welt verhält es sich aber mit der ältesten Geschichte der Menschheit. Ein Vakuum statt ihrer zu lassen, ist unmöglich; die Wirklichkeit an die Stelle zu setzen, ist aber ebenso unmöglich. In der Urgeschichte der biblischen Ueberlieferung hat aber diese älteste Geschichte der Menschheit gerade die⸗ jenige Form angenommen, die noch heute für das naive Bewußtsein die am meisten adäquate(entsprechende) ist, in der sie außer⸗ dem trotz mancher Widersprüche mehr als irgendeine andere für eine kindliche, zugleich nach einer allgemeinen religiösen Grundlage begehrende Auffassung geeignet ist. Oder welche unter den älteren Literaturen vor der griechischen hätte Werke von so unvergäng⸗ lichem poetischen und religiösen Wert auf⸗
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zuweisen, wie sie viele der Psalmen, der Propheten, das Buch Hiob und manche an⸗ dere darbieten? Ich möchte in dieser Bezie⸗ hung sogar dem neuen kaum einen beson⸗ deren Vorzug vor dem alten Testament ge⸗ ben, das um so weniger, als dieses neben je⸗ nem gar nicht entbehrt werden kann. Daß sich ein solcher Religionsunterricht von selbst zu⸗ gleich zu einem Moralunterricht gestaltet, ver⸗ steht sich für die Anfänge des letzteren von selbst, während dagegen für die weiteren Stu⸗ fen allerdings nach meiner Ueberzeugung weit mehr, als dies bisher geschehen ist, auf der einen Seite die Geschichte und Staatslehre, auf der anderen Seite für die reiferen Stu⸗ fen die Philosophie ergänzend hinzutreten sollten. Wie das geschehen kann, das ist aller⸗ dings allzu sehr Aufgabe pädagogischer Er⸗ wägungen, als daß ich hier näher darauf ein⸗ gehen könnte. Im ganzen aber möchte ich sehr entschieden daran festhalten, daß der Ruf nach der Ersetzung des Religionsunter⸗ richts durch einen allgemeinen Moralunter⸗ richt eigentlich auf einem veralteten Stand⸗ punkt in der Auffassung der Religion selbst beruht. Auch ist nicht zu vergessen, daß die konfessionellen Unterschiede, die natürlich schon die Persönlichkeit des Lehrers mit sich führt, um so weniger einen störenden Ein⸗ fluß ausüben werden, je mehr die wissen⸗ schaftliche Behandlung des Religionsunter⸗ richts durch den Lehrer zur Geltung gelangt.
Kirchliche Anzeigen. Sonntag den 22. Juni(1. nach Trinitatis). Gottesdienst.
In der Stadtkirche. Vormittags 8 Uhr, zugleich Christenlehre für die Neukonfirmier⸗ ten aus der Markusgemeinde. Pfarrassistent Schaefer.— Vormittags 9½½ Uhr: Pfarrer Mahr.— Vormittags 11 Uhr: Kinderkirche für die Matthäusgemeinde. Pfarrer Mahr.
In der Johanneskirche. Vormittags 8 Uhr, siehe Stadtkirche.— Vormittags 9½ Uhr:
Pfarrer Bechtolsheimer.— Vormittags 11 Uhr: Kinderkirche für die Lukasgemeinde. Pfarrer Bechtolsheimer.— Abends 8 Uhr:
Bibelbesprechung im Johannessaal.
Im Konfirmandensaal, Liebigstraße 50. Nachmittags 2 Uhr: Taubstummengottes⸗ dienst. Pfarrer Bechtolsheimer.
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Wartburg, evgel. Jünglings⸗ und männer⸗ verein, Diezstr. 15. Sonntag den 22. Juni: Vortrag. Freunde des Vereins herzlich ein⸗ geladen.— Samstag den 28. Juni: Unter⸗ haltungsabend der älteren Abteilung. Gäste stets willkommen.
Bibelkränzchen für Schüler höherer Lehr⸗ anstalten. Jeden Mittwoch von 6—7[Uhr für die jüngere Abteilung. Jeden Samstag von 6—7 Uhr für die ältere Abteilung im Johannessaal.
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