Ausgabe 
19.1.1919
 
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Gemeindeblatt für die evangelische Kirchengemeinde Gießen

Hr. 3 Gießen, 2. Sonntag n. Ep.,

den J. Januar 191 8. Jahrgang

predigt, gehalten am Neujahrstage 1919 in der Johanneskirche zu Gießen.

Häfen an. Im Lande erhob sich die Kultur

tüchtiges, friedliebendes, arbeitsames Volk sah sich auf einmal auf allen Seiten umklam⸗ mert, im Grunde genommen war der ganze

sich kettet und eine Familie gründet. Wenn man einem jungen Manne eine Pfarr- oder Schulstelle in einem Gebirgsdorfe überträgt, so erwartet seine Behörde von ihm, daß er

dersacher z Schluß.) 1 den ganzen Umkreis seiner Pflichten kennt. e in dem Der deutsche Geist war daran, die Welt zu Es ist nicht erwiesen, daß unsere Staats⸗ verankert erobern. Unsere Schiffe liefen die fernsten männer und Diplomaten vor dem Kriege

Deutschlands Lage genau gekannt und daß

lecht um zur höchsten Blüte, ein jeder konnte ruhig sie nun treu und klug gehandelt haben. Wir Gottes, und sicher im Lande wohnen. Wer arbeiten konnten es nicht wissen, aber sie, in deren ol kswohl, wollte, fand sich mit Ehren durch das Leben Händen alle Fäden zusammenliefen, hätten Elenden hindurch. Was Gott uns an edler Freude es wissen müssen, wie es um unsere Bundes⸗ irgend⸗ darbietet, blieb keinem unter uns versagt, genossen stand und daß beinahe die ganze e Arbeit den meisten unter uns waren gute Tage ge- Welt gegen uns war, eine Gegnerschaft, der ige das schenkt. So kam der Krieg heran. Unser wir auf die Dauer nicht trotzen konnten. Im

Laufe dieses Krieges hat man unser zu allen Opfern bereites Volk fast immer über seine Lage im Unklaren gelassen. Wie bitter hat

ordnung vierjährige Krieg nur der Kampf einer von es sich gerächt, daß wir Amerikas Macht so Gesang allen Seiten belagerten Festung, deren Be- sehr unterschätzt haben. Und während es Fin feste satzung heftige Ausfälle macht. Aber nach draußen scharf und blutig herging, während gung be⸗ Westen konnten wir die Linien des Feindes ein Feueratem vom Feinde her über das die Jo⸗ nicht durchbrechen, nach Osten wurden unsere Feld strich, schwamm man in der Heimat im n besucht Ausfälle in eine Wüste vorgetragen. Aber Strome des völligen Wohlbehagens. Viele n Mark⸗ mit welcher Heldenkraft haben unsere Krieger in der Heimat haben bekundet, daß sie den

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gekämpft! Einem Feinde, der uns an Men⸗

schenzahl und Material weit überlegen war.

haben sie standgehalten, 51 Monate lang haben sie ihn nicht herein auf den deutschen Boden gelassen, sie haben, wenn die Erde zitterte und der furchtbare Eisenhagel her⸗

niederging, wenn die Stollenwände einstürz⸗

ten und leider so viele verschütteten, den Mut nicht verloren. Der in der Heimat zurückge⸗

bliebene, vielfach eitle, ruhmsüchtige und stets

schweren Ernst der Zeit gar nicht verstanden haben. Aber auch unzweifelhaft Schändliches mußten wir erleben. Es schien und scheint noch so, als ob das siebente Gebot für die Deutschen gar nicht mehr vorhanden sei. Luther hat gesagt: wir sollen Gott fürchten und lieben, daß wir unseres Nächsten Geld oder Gut nicht nehmen, noch mit falscher Ware oder Handel an uns bringen. Das Vaterland war in der höchsten Gefahr,

% Uhr: hinaus in die Oeffentlichkeit drängende Millionen tapferer Männer machten einen : Mili⸗ Volksteil hat das seither nicht genugsam an⸗ Strich unter ihr ganzes seitheriges Leben, Nachm. erkannt. Aber auch die Heimat hat sich schlossen mit allem ab, befahlen Gattin und äus⸗Ge⸗ wacker und würdig gehalten. Sie hat in Kinder dem Schutze Gottes, gaben alles für

Hunger und Entbehrung, in Teuerung und das Vaterland hin, und zu Hause ging der

assistent ö 865 8 N 95 der bei elender Lebenshaltung standgehalten, Wucher, dieses furchtbare Uebel, einher. r Mat⸗ Waffen geschmiedet, den Verkehr aufrecht⸗ Manche Familie, deren Ernährer im Felde 1. Jan., erhalten, sich der Verwundeten, Kranken und stand, hat das, was sie in entbehrungsreichen sverein. Traurigen angenommen, alles an ihre Ehre Jahren erspart hat, drangeben müssen, um 8 Uhr: gesetzt; unser Volk hat sein großes, gewal⸗ nur bestehen zu können, und der Besitz des iblichen tiges Leid still und christlich ertragen. Wo deutschen Volkes ist in die Hände der deut⸗ Licht ist, da ist allemal auch Schatten. Es schen Kriegslieferanten und Spekulanten ge⸗ 39% fragt sich, ob die, die vor dem Kriege das kommen. Nun stürzen Menschenmassen, als e Schickfal unseres Volkes gelenkt haben, sich ob sie rasend wären, auf Proviantämter und Vun der Schwere ihrer Verantwortung bewußt Eisenbahnzüge und plündern schlimmer, als Abds⸗ waren. Der Herr Jesus spricht einmal das dies die berüchtigten Troßbuben des Dreißig⸗ 8 Uhr: Wort: Wie ein großes Ding ist es um einen jährigen Krieges getan haben. Eine höchst blichen treuen und klugen Haushalter. Wenn ein sonderbare Welt, in der wir leben! In Abende junger Mann in den Stand der Ehe tritt, jungen Jahren bin ich einmal auf die Platt⸗ 1 10 so kann man von ihm verlangen, daß er sich form des Straßburger Münsters gestiegen, nein der Verantwortung bewußt ist, die er auf von der nun leider die französische Fahne

druckerei

sich nimmt, indem er ein anderes Leben an weht. Da sah ich neben den herrlichen Stein⸗