Ausgabe 
18.5.1919
 
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daß ein Offiziers⸗ oder Beamtensohn in anderen Anschauungen erzogen ist wie ein Kaufmann Bei diesem steht der Gelderwerb in erster Linie, während der Offizier oder Beamte, noch mehr der Pfarrer, sich bei seinem knappen Gehalt andere Ideale suchen muß. Das überträgt sich auf die Kinder.

So fuhr ich nach acht Tagen nach Gießen und wurde vom Regimentskommandeur, Oberst Krauß, auf der halben Treppe sofort zum Uebertritt angenommen. Nun mußte ich aber erst das Offiziersexamen machen, das den im Krieg übergetretenen Herren erlassen wurde. Es war mein Glück. Schon 22 Jahre alt mußte ich sehen, rasch vor⸗ wärts zu kommen. Ich lernte den Tag 18 Stunden arbeiten und ohne Lehrer und Anschauungsunterricht mir an Hand von Büchern und Holzschnitten Schwieriges klar machen. Als ich dann im Mai 1872 mein neues Patent erhielt, sagte ich mir, daß ich Jagd oder dergleichen nicht anfangen dürfe, wenn ich nicht für höhere Stellen zu alt werden wolle. Ich müsse mich wissen schaftlich beschäftigen und stets etwas mehr wie meine Pflicht tun, um vorpatentiert zu werden. Mit Vorpatentierungen war aber das Militärkabinett damals sehr sparsam. So bedurfte es eines dreijährigen Besuches der Kriegsakademie von 18761879 mit den JahresschlußnotenSehr gut,Vor⸗ züglich,Sehr gut und von 1880 1887, 6% Jahre Regimentsadjutantenzeit, bis ich endlich als Gouvernementsadjutant mit Vor⸗ teil nach Metz kam, weiterhin mehrfacher Eingaben meiner Gouverneure, um 1890 vorzeitig Kompagniechef beim Infanterie⸗ Regiment Nr. 69 in Trier zu werden. Auf er neute Empfehlung meiner Regimentskom⸗ mandeure wurde ich dann auch vorzeitig

Major in Mörchingen beim Infanterie⸗ Regiment Graf Barfuß Nr. 17. Erst damit war ich konkurrenzfähig. Man sieht, wie falsch die Anschauung ist, daß man eines vornehmen Namens und besonderer Ver bindungen bedürfe, um beim Militär vor wärts zu kommen. Für mich wurde nur von den die Verantwortung für ihre Vorschläge tragenden Vorgesetzten etwas getan.

Auf die Zeit von 1876 ab will ich nicht allzusehr eingehen. Vorgreifend habe ich schon eine Erfahrung aus der Akademiezeit mitgeteilt. Die Jahre in Berlin waren naturgemäß an Anregungen und Schönem reich, nur sagte mir die Berliner nähere Um⸗ gebung mit ihren Mietkasernen, Müll und Sand wenig zu. Man mußte mit der Bahn fahren, wenn man einen schönen Spazier⸗ gang finden wollte.

Während meiner Regimentsadjutanten⸗ zeit hörte 1881 das Infanterie⸗Regiment 116 auf, das einzige in der Armee zu sein, das nur zwei Bataillone hatte. Ein Füsilier⸗ bataillon wurde errichtet. Die Unterbringung erfolgte in ermieteten Gebäuden. Es kam die 9. Kompagnie in das jetzige Turmhaus am

Brand, früher Hofgericht, die 10. Kompagnie in das Alte Schloß am Kanzleiberg, die 11. Kompagnie in die frühere Kaserne, später Lazarett am Seltersweg, die 12. in die Uni⸗ versitätsreitschule am Brand, überschießende Leute in Bürgerquartiere. Erst 1887 wurde dann durch Beziehen der Neuen Kaserne am Trieb diesen schlechten Unterbringungs⸗ verhältnissen abgeholfen. Diese Umgestal⸗ tungen brachten dem Regimentsadjutanten viel Arbeit. Dabei war ich an der Regi⸗ mentsgeschichte tätig, doch fand sich dazu meist nur Zeit nach dem Abendessen. In dem Manöver mußte man oft noch halbe Nächte lang Gefechtsberichte machen, zeichnen und Tagebücher führen, da kam erst die Erholung, wenn man sich auf das Pferd setzte.

Den Garnisonpfarrer vertrat der erste Stadtpfarrer, doch wurde erst später das Verhältnis ein wärmeres und näheres, als Kasernenabendstunden und dergleichen ein⸗ geführt wurden.

Die Beziehungen zur Stadt Gießen waren stets die allerbesten, ebenso zu der Studentenschaft. Reibungen, wie sie 1821 zun Verlegung des damals in der späteren Alten Klinik in der Liebigstraße untergebracht ge⸗ wesenen 3. hessischen Infanterie⸗Regiments geführt hatten, waren durch das Vermitte⸗ lungsglied, die Einjährigen, ausgeschlossen.

Meine weitere Dienstzeit verbrachte ich won 1887 ab an der Westgrenze. Ich hatte somit ausreichend Gelegenheit, die elsaß⸗ lothringischen Verhältnisse kennen zu lernen. Als Gesamtergebnis kann ich sagen, es fehlte die feste, stetige Hand. Der Elsaß⸗Lothringer wäre ganz zufrieden gewesen, wenn er seinen französischen Freunden hätte sagen können: Ich kann nicht anders, wie mich mit den neuen Machthabern gut stellen. Es wurden aber

fort und fort die Zügel nachgelassen und als

Folge jeder loyaleren Kundgebung die straf⸗ fen französischen Gesetze beseitigt. Auch der am 30. Dezember 1871 gesetzlich festgelegte

Diktaturparagraph, der die Ordnung und

Sicherheit gewährleistete, wurde gemildert und 1902 ganz aufgehoben, damit eine wirk⸗ same Handhabe gegen deutschfeindliche Be

strebungen aus der Hand gegeben. Die

Presse, die ich als Gouvernementsadjutam zu überwachen hatte, auch die französisch ge⸗ schriebene und die klerikale, waren lange Zeit ungemein vorsichtig. Als gegen die Bou⸗ langer'schen Treibereien der Paßzwang ein geführt wurde und damit der französische persönliche Einfluß unterbunden war, hörte jeder Widerstand auf. Er kehrte zurück mit der Milderung der Gesetze und machte sich schließlich im Landesausschuß und bei allen möglichen zu diesem Zweck veranstalteten Feiern geltend. Hier muß allerdings gesagt werden, daß der zunehmende Widerstand Hand in Hand ging mit der Erstarkung des französischen Heeres, der Entwicklung

Bündnisses zwischen Frankreich und Ruß⸗ land, sowie der Entente mit England.

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