Ausgabe 
17.8.1919
 
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Sonntagsgruß

Gemeindeblatt für die evangelische Kirchengemeinde Gießen

Nr. 33 Gießen, 9. Sonnt. n. Trinitatis, den 17. August 1919

8. Jahrgang

Aussaat und Ernte.

Evangelium des Markus 4, 26 und 27. Das Reich Gottes hat sich also, als wenn ein Mensch Samen aufs Land wirft;... und der Same gehet auf

und wächset, daß ers nicht weiß. Die drei deutschen Hansestädte Hamburg, Lübeck und Bremen haben in ihrem Wappen einen uralten gemeinsamen Wahlspruch, der da lautet: vivere non necesse, navigare necesse, d. h. auf deutsch: daß man lebt, ist nicht nötig, aber daß man Schiffahrt treibt, ist nötig. Mit anderen Worten: Das Leben kann der Mensch entbehren, wenn es ihm Gott nimmt, aber wenn er leben will. dann muß der Hanseate Schiffahrt und Han⸗ del treiben, sonst sist er verloren. Aus diesem Grunde find die Bewohner dieser alten See⸗ städte vor allem hart betroffen, wenn unsere Gegner durch die Wegnahme fast der ge⸗ samten deutschen Handelsflotte d den deutschen

Handel lahmgelegt haben. Die Erfahrung, die ein Bewohner der Wasserkante in das erwähnte Sprichwort kleidet, drückt bei uns

zu Lande der Bauersmann etwa so aus:

Wenns Zeit ist, muß man säen. Diese Bau⸗

ernregel hat sich auch stets bewährt. Wer im letzten Frühjahr trotz der Ungunst der Witte⸗ rung Gerste und Hafer bei Zeiten gesäet hat,

darf sich nun über voll entwickelte Aehren

und über eine aussichtsvolle, gute Ernte

freuen. Der Landmann dagegen, der gezögert

hat, weil ihm das Wetter nicht paßte, hat nun über kümmerliche, kurze Halme und armselige Aehren zu klagen. Wenn der Land⸗ mann den Samen nicht ausstreut bei Zeiten, kann ein ganzes Volk verhungern.

So ist's auch mit dem Samen für das Bottesreich, den der Heiland in dem mit⸗ geteilten Gottesworte meint. Dieser Same

ist Gottes Wort. Unermüdlich hat seither

jahrhundertelang unsere evangelische Kirche das edle Gotteswort gepflanzt in die Herzen der 5 in der Schule, in die Herzen der Alten in Predigt und Seelsorge. Aber nun ist eine neue Zeit gekommen, die man⸗ ches gute Alte in Frage stellt und in Zweifel zieht. So hört man auch manche Stimmen sagen: Quält das deutsche Volk nicht mehr mit Gottes Wort! Es mag ja von euch gut gemeint sein, aber es nützt nichts, die Men⸗

schen fragen doch 99 7 9 danach! Es ist etwas

Vahres daran. Wieviel mahnt Gottes Wort unser Volk zur Einig keit, zur Verträglichkeit, und wie groß ist heute trotz allem der Partei⸗ hader! So groß und so drohend, daß man

fast eine neue Revolution fürchten möchte. Aber liegt die Schuld an Gottes Wort? Liegt sie nicht viel mehr an den Mensczen. die sich innerlich längst von Gottes Wort losgelöst haben und nun auch andere Men⸗ schen in Aufruhr bringen mit ihrer eignen Friedlosigkeit Wenn die Kirche nicht mehr Gottes Wort in den Menschenherzen pflan⸗ zen und pflegen wollte, dann würde das deutsche Volk noch tiefer sinken und noch mehr verwildern, als es ohnedies schon der Fall ist. Eine ganz 5 Zukunft würde das nur allzu deutlich lehren. Darum muß Got⸗ tes Wort nach wie vor dem Menschenherzen, das so leicht in die Irre gerät, nahe gebracht werden. Die alten Wege müssen unverdrossen benützt und neue müssen ausfindig gemacht werden. Wieviel guten Samen tragen z. B. nicht unsere Sonntagsblätter in die Herzen, die von dem gepredigten Wort im Gottes⸗ haus nicht erreicht werden. Die neue Reichs⸗ verfassung läßt es ja ausdrücklich zu, daß Gottes Wort nach wie vor in unsren Volks⸗ schulen eine Stelle hat.

Die Schwierigkeiten, die der Wirkung von Gottes Wort im Menschenherzen ent⸗ gegenstehen, werden ohne Zweifel in Zukunft noch wachsen. Auf dem Jelde steht das Ge⸗ treide in geschlossenem Bestande, ein Halm stützt und trägt den andern, und wenn das Lorn blüht, so sieht man manchmal ganze Wolken von Blütenstaub über das Feld flie⸗ gen, ein Halm bestäubt und befruchtet den andern und fördert die Körnerbildung. So wurde auch Gottes Wort seither in unsrem Volke gelehrt in geschlossenem Bestande, jedes Kind nahm am Religionsunterricht der Volksschule teil. Das wird sich jetzt ändern, manches wird üun wegbleiben, und die⸗ jenigen, die noch kommen, werden unter Um⸗ ständen unter dem Spott und der Versuch⸗ ung der Kameraden zu leiden haben. Aber trotz alledem wird Gottes Wort auch in Zu⸗ kunft schöne und erwünschte Früchte bringen in manchem Menschenleben. Das betont ja Jesus, daß die Saat auf dem Felde wächst, ohne daß der Mensch es weiß, ohne sein Zu⸗ tun, allein durch Gottes Wundermacht. Der Gott, der das vermag, wird auch in Zu⸗ kunft in einer versuchsreichen und den Glau⸗ ben verachtenden Welt sein Wort dennoch zu Früchten reifen lassen, die jedem gefallen. Der Christenglaube hat einst in ganz alter Zeit die Feindschaft der Heiden im römischen Reiche überwunden durch den inen und liebevollen Wandel der Christen. Da mußten die Heiden voll Bewunderu ng gestehen: