Ausgabe 
12.10.1919
 
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Sonntagsgruß

Gemeindeblatt für die evangelische Kirchengemeinde Gießen

Nr. 41 Gießen, I7. Sonnt. n. Trinitatis, den I2. Gktober 1919 8. Jahrgang

neligiöse Erziehung. Brief des Apostels Paulus an die Epheser 6, 4. Ihr Väter, ziehet eure Kinder auf in der Zucht und Vermahnung zum Herrn.

In diesen herbstlichen Tagen beginnt wieder in Stadt und Land der Konfirmanden⸗ unterricht. In diesem Unterrichte soll das religiöse Leben der Jugend vertieft werden. Das, was die Kinder im Elternhause, in der Schule und in der Anteilnahme am kirchlichen Leben ihrer Gemeinde an reli⸗ giöser Erkenntnis schon gewonnen haben, soll noch einmal zusammengefaßt werden, damit es in dem Gemütsleben der Kinder ein fester Bestandteil werde und ihr Wollen dauernd bestimme. Ist die Konfirmanden⸗ zeit wichtig für die Kinder, so nicht minder für die Eltern. Wenn das harte Jahr, dessen Ring sich allmählich schließt, uns etwas Wertvolles gebracht hat, so ist es dies, daß es gezeigt hat, wie fest unser Volk doch noch an seinem Glauben hält. Als im November des vorigen Jahres einige religionsfeindliche Männer, die vorüber⸗ gehend zur Regierung gelangt waren, ihre Tätigkeit damit begannen, daß sie gegen Christentum und Kirche Sturm liefen, da trat das evangelische Volk wie ein Mann auf den Plan, um seine heiligsten Güter zu wahren. In Riesenversammlungen, wie wir hier in Gießen eine am 5. Januar erlebt haben, zeigte es den damaligen Macht⸗ habern, daß Glaubenstreue doch noch nicht ausgestorben ist. Und ohne Zweifel war das bei dieser mächtigen Bewegung das Trei⸗ bende: Unser Volk bangte hauptsächlich um die religiöse Erziehung der Jugend. Die Eltern hörten von religionslosen Schulen, von der Abschaffung des Religionsunter⸗ richtes, von der Abschaffung des Schul⸗ gebetes, da brachten Väter und Mütter deutlich zum Ausdruck, daß sie doch ihre Kinder in der Zucht und Vermahnung zum Herrn erzogen haben wollten. In Berlin, der Hochburg der Religionsfeindschaft, sind es nur sehr wenige Eltern, die ihre Kinder nicht an dem Religionsunterrichte teilneh⸗ men lassen. Auch die Eltern, die selbst am Gottesdienste nicht mehr teilnehmen, wollen ihre Kinder doch nicht gottlos und glau⸗ benslos hinaus in das harte, kalte Leben ziehen lassen. Was ist der Mensch, wenn er im Leben und Sterben keinen Halt hat! Einsichtige und in der Schule des Lebens gereifte Menschen wissen, daß kein Erbteil

so wertvoll und zugleich so unveräußerlich ist als das Erbteil einer frommen Er⸗ ziehung, und sorgen dafür, daß die Gemüts⸗ werte, die man ihnen in der Kindheit mit⸗ geteilt hat, den eigenen Kindern nicht fehlen.

Geschichten und Bilder aus Alt⸗Gießen.

16. Aus meiner Jugendzeit. Von Georg Todt. (Fortsetzung.)

1867, am 17. Januar, erlitt mein Vater auf der Fahrt von Lich nach Gießen einen Schlaganfall. dem er noch am Abend, um⸗ geben von seiner Familie, erlag. Sein Tod rief bei seinen Vorgesetzten und Kollegen eine solche Teilnahme hervor, daß man beschloß, ihn mit feierlichen Ehren zu bestatten. Der Leichenwagen wurde durch ein Viergespaun gefahren. die Pferde wurden durch Postil⸗ lione in vollem Wichs geführt, rechts und links wurde der Wagen von je drei Postil⸗ lionen begleitet. Der Postmeister, die Be⸗ hörden alle in der schönen Galauniform der Thurn und Taxischen Post, waren vertreten. Diese so feierliche Bestattung machte auf die Angehörigen einen so tiefen Eindruck, daß uns dieselbe sowie der liebe Verstorbene un⸗ vergessen bleiben wird.

Herr Hofgerichtsadvokat Engelbach, der Schwager des Herrn Postmeisters Kempff, wohnte in der oberen Post. Bei der Vermäh⸗ lung seiner einzigen Tochter brachten die besten Bläser der Postillione dem Brautpaar ein Ständchen, welches sehr dankbar auf⸗ genommen wurde.

Der Asterweg, die Straße meiner Kindheit, erweckt in mir liebe und angenehme Erinne⸗ rungen. Ganz besonders zogen mich die alten Ecken, Gäßchen und Häuser an. Das Haus des Feilenhauers Rögner ist verschwunden, mit ihm auch das Geschäft, welches das ein⸗ zige hier am Platze war. Vor dem genann⸗ ten Besitzer wohnte der alte Zeichenlehrer Bieler in diesem Hause, und zwar mit seinem Sohn Rudolf, der eine kleine Steindruckerei besaß aber später nach Amerika ausgewan⸗ dert ist. Hier konnte ich mit meinem schon genannten Freund Jakob Wirth, mit jugend⸗ licher Begeisterung alle die Skizzen, Zeich⸗ nungen und Gemälde ordnen und beschauen, und manches Stück wurde uns als Geschenk überwiesen. Da die beiden Herren ohne jede weibliche Hilfe waren und der alte Herr Bie⸗ ler am rechten Arm gelähmt war er malte mit der linken Hand so waren wir beiden