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eblatt für die evangelische Kirchengemeinde Gießen
r. 32 Gießen, 8. Sonnt. n. Trinitatis, den J0. August 1919
8. Jahrgang
55 Opfertod und das Gpferleid der Gegenwart.
Von Generalsuperintendent D. Klinge⸗
mann(Coblenz).
Evangelium des Johannes 12, 24. Es sei denn, daß das Weizenkorn in die Erde falle und ersterbe, so bleibet es allein;
wo es aber erstirbt, so bringt es viele Früchte Den Trost und die Tiefe der Botschaft, daß Jesus für uns gestorben ist, soll unser
Volk im Ernst der Zeit neu verstehen lernen.
Nicht so kann das freilich gemeint sein, als
gebe erst die Not unserer Tage das rechte
Licht her, in dem wir das O Opfer von Gol⸗
gatha begreifen, als könnten wir erst vom
eigenen Opfer aus den Wert des Opfers
tungen, die wir
zes Jesu uns mehr zu sagen vermag als das unzulängliche Menschenwort.
Es sind eben auch nicht menschliche Deu⸗ suche u, sondern die über⸗ zeugende Gewalt der Tatsa⸗ hen, die Wirk⸗ lichkeit einer Liebe, die größer gewesen ist
als alles Leid, die Kraft einer Hingabe, die
solches alles in eines
allen Wi iderspruch der Sünde überwindet und zum Schr peigen bringt Wohl 1 daß sch lichte n Menschen⸗
lebens Gestalt uns nahe gekommen ist, daß
keit 75 Todes,
Jesu würdigen. Es wird doch umge kehrt der
rechte Weg sein, daß wir von Golgatha zu den Grabhügeln unserer Gefallenen schrei⸗ ten, daß von dem O pfer e e das deutende Licht auf unser Opfer fällt. Aber es ist doch Tatsache, daß neue Möglichkeiten
des Verständnisses, neue Empfänglichkeit für des Kreuzestodes erlösende Kraft sich uns
daraus ergeben, daß uns der Wert und die Notwendigkeit der Hingabe aufgegangen sind, daß wir der Frage nachzudenken ge⸗ zwungen sind⸗ was unsres Volkes nicht aus- zumessendes Opfer für Gegenwart und Zu⸗ kunft zu bedeuten hat. Dem Kreuze des Hei⸗ landes nahen wir uns nicht nur wie auch wohl sonst mit leidbeschwertem Herzen, son⸗ dern mit Fragen, die aus den Tiefen dunk⸗ len Erlebens geboren sind, die von unsrer Seele Erschtztterung, von unsres Glaubens Kampf und Anfechtung zeugen.
So ist es uns auch nicht, wenn wir uns dem Kreuze des Herrn nahen, um Stim⸗ mung zu tun, sondern um K larheit und Ge⸗ wißheit des Glaubens; wir suchen im Un⸗ erklärlichen den Gotteswillen zu fassen, der als ein heiliger Vaterwillen auch unser Leid und unser Opfer uns deutet. Wir wollen gewiß jene anbetende Karfreitagsstimmung nicht verachten, die in Wort und Lied uns von den Vätern im Glauben her ein liebes Erbteil ist. Nicht einen berauschenden Stim⸗ mungszauber, sonbern den heiligen Ernst der Botschaft vom Kreuz künden uns die Klänge unseres Heinrich Schütz und Johann Seba⸗ stian Bach. Den frommen M eistern der Töne
ist es um Gottes Wort zu tun, um das im ied das Zeugnis der anbetenden Gemeinde sich schließt. Und es mag Stunden geben, wo ieser tiefe Klang von der Kraft des Kreu⸗
wir eben darum im Werk der Gottesliebe uns selbst und unser Leid, unseren Kampf und unseren Sieg wiederfinden dürfen. Auch Jesus unser Herr hat mit der Furchtbar⸗ mit dem Gedanken an des Kreuzes S Schmach und Bitterkeit ringe n müssen. Er ringt im Gebet um Klarheit über den dunklen Gotteswillen und sieht am Kreuz den Abgrund des von Gott Verlassenseins vor sich aufgetan. Ohne diesen Kampf, ohne den menschlichen Einsatz des Bangens und Zagens wäre das Todesleide n Jesu kein Opfer. Und wenn er in unberührter Ge⸗ wißheit des glücklichen Ausganges den To⸗ desweg gegangen wäre, wenn sein Gehorsam nur selbstverständliche Hingabe an klar durchschaute Notwendigkeit gewe sen wäre, so würde das Uebermenschliche des ganzen Ge⸗ schehnisses eben das uns verdunkeln, was unsere Herzen aufwärts zieht und tröstet, die göttliche Liebe in menschlicher Gestalt. Gerade sein Kamps mit der Verzagtheit, sein Bangen vor der Verdunkelung des Got⸗ teswil lens entfaltet uns das Heldentum Jesu. Nicht der ist ein Held, der kein Zagen und Bangen kennt, sondern der es über⸗ windet. Es ist kein Wider rspruch, sonoern wunderbare, lebensvolle Wirklichkeit, wenn unser Herr mit der N otwendigkeit des Lei⸗ dens und Sterbens rechnet, wenn er den großen Entschluß des Gehorsams bis an den Tod faßt und dennoch das Grauen des letzten Weges empfindet. Er weiß, daß er gekom⸗ men ist, ein Feuer auf Erden anzuzünden und wollte, daß es schon brennte. Aber er muß sich zuvor mit der Leidens⸗ und Blut⸗
taufe taufen lassen, und in 1 m Bangen
verlangt ihn danach, daß solche Taufe voll⸗ endet wäre. Er sieht in des Sieges kom⸗ mende Gewißheit hinein und redet von seiner Auferstehung, 9555 davor liegt das Dunkel des bittersten Todes, vor dem auch seine Mannheit ersch recken mußte. So entfaltet sich uns seines O pfers Größe und Wert in jener Ferdi be der Hingabe, die untrennbar bleibt von einer Klarsichtigkeit, die für unsere
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