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Dennoch scheint es, als ob das deutsche Volk dazu ausersehen sei, den schönsten Zug seiner Vergangenheit und das feinste Recht, das die Revolution bringen sollte, am meisten zu verleugnen.

Aber auch die deutsche Regierung hat nicht immer die Würde und Selbstachtung bewahrt, die meistens seither dem deutschen Volke eigen war. Wie würdelos waren die Hilferufe, die man eine Zeitlang um des Brotes willen in alle Welt hinaus los⸗ gelassen hat! Ist das das alte stolze Deutsche Reich von ehedem? Soll solche Würdelosig⸗ keit die Signatur der neuen Aera sein?

Auch ein geschlagenes Volk darf seine Würde und Ehre nicht selbst zertreten. Dar⸗ um wacht auf und stehet auf, alle, die mit dieser Selbstdiskredirierung des deutschen Volkes nicht einig sind! Auch in der Welt Augen werden wir nur dann wieder empor⸗ kommen, nicht bloß wenn wir arbeiten und wirtschaftlich wieder genesen, sondern auch, wenn wir unsere Würde und Selbstachtung bewahren!

Kleine Mitteilungen.

Die Wahlbewegung hat zum Teil recht unerfreuliche Ausfälle gegen die Kirche zu⸗ tage gebracht, in denen sich insbesondere der radikale Flügel der Sozialdemokratie gefiel. Daneben waren aber auch besonnene Stim⸗ men aus dem sozialdemokratischen Lager nicht selten. Wir erwähnen:

An einer großen evangelischen Volksver⸗ sammlung zu Magdeburg beteiligte sich als offizieller Redner u. a. auch ein sozialdemo⸗ kratischer Arbeitersekretär und sprach seine Zustimmung zur Volkskirche aus. Auch sozialdemokratische Kreise wollen sich also die christliche Erziehung ihrer Kinder nicht nehmen lassen. In einer öffentlichen

Kirchengemeindeversammlung am 16. Ja⸗ nuar zu Chemnitz legte ein Redner den

Standpunkt der sozialdemokratischen Partei in versöhnlicher Weise dar. Er hob unter anderem hervor, daß es verächtlich sei, wenn jemand um der Kirchensteuer willen aus der Kirche austräte und nicht aus persönlicher Ueberzeugung. Die Breslauer sozialdemo⸗ kratische Parteileitung sprach sich auf Be⸗ fragen Anfang Januar d. J. dafür aus, daß die evangelische Kirche Volkskirche bleiben soll, der die gegenwärtigen Mitglieder und deren Kinder ohne weiteres zugehören, daß die Kirche ihre inneren und äußeren An⸗ gelegenheiten in völliger Unabhängigkeit vom Staat nach ihren eigenen Grundsätzen soll ordnen können, daß sie den Charakter eines öffentlich- rechtlichen Verbandes mit dem Recht der Besteuerung ihrer Mitglieder haben soll, und daß die bisherigen finanziel⸗ len Zuschüsse vom Staat weitergezahlt wer⸗ den sollen mit Rücksicht auf die bisher an⸗ erkannten Rechtsansprüche und die Dienste, die die Kirche auf Pflege des sittlichen und

kulturellen Lebens dem Staat leistet. Der Vorstand der sozialdemokratischen Partei in Pommern stimmte auf Anfrage der Gewähr ruhiger, besonnener Ueberleitung in eine neue Kirchenverfassung, soweit erforderlich, zu, ebenso der Erhaltung der theologischen Fa⸗ kultäten an den Universitäten. Soweit die Kirche noch Ansprüche an den Staat hat, sei letzterer selbstverständlich anzuhalten, sei⸗ nen Verpflichtungen nachzukommen. Ferner erklärte sie sich für pollständige Sonn⸗ und Feiertagsruhe;damit glaubt sie für die würdigste Heiligung der Sonn⸗ und Feier⸗ tage einzutreten. Auf Anfrage des kirch⸗ lichen Ausschusses Oldenburg, Ostfriesland, Osnabrück erklärte die sozialdemokratische Parteileitung Osnabrück am 10. Januar u.a. folgendes:Wir stimmen der Forderung voller Freiheit des religiösen Bekenntnissez durchaus zu; alle kirchlichen und religiösen Gemeinschaften sollen ihre Angelegenheiten vollkommen selbständig ordnen. Darin liegt die Berechtigung der Erhaltung der evange⸗ lischen Landeskirche als freie Volkskirche auf dem Boden einer demokratischen Verfassung begründet. Ferner spricht sie sich für Er⸗ haltung der Kirchengemeinden und Erhal⸗ tung der Sonn⸗ und Feiertage aus.Den

Kultusgesellschaften ist das Recht einzuräu⸗ men, den konfessionellen Unterricht neben dem Schulunterricht, unter Benutzung der Schulräume, zu erteilen. Sie tritt ein für eine Neuwahl der Kultusgemeinschaften, allerdings unter Aufsicht des Staates.Das Kirchenvermögen bleibt mit Einschränkung gegen mißbräuchliche Verwendung unan⸗ getastet, ebenso bleiben es die Anstalten christlicher Liebestätigkeit und milder Stif⸗ tungen.Die Seelsorge in Heer, Marine, öffentlichen Krankenhäusern, Gefängnissen ist unter Vermeidung jedes Zwanges den Kultusgesellschaften freizustellen.

Kirchliche Anzeigen. Gottesdienst. Sonntag den 9. Febr.(5. nach Epiphanias).

In der Stadtkirche. Vormittags Uhr: Pfarrer Mahr. Vormittags 11 Uhr: Kinderkirche für die Matthäusgemeinde: Pfarrer Mahr. Abends 6 Uhr: Pfarr⸗ assistent Schäfer. Abends 8 Uhr: Ver⸗ einigung der konfirmierten männlichen Ju⸗ gend der Matthäusgemeinde. Dienstag den 11. Febr., nachmittags 4 Uhr: Frauen⸗ missionsverein. Freitag den 14. Februar, abends 7 Uhr: Vereinigung der konfirmier⸗ ten weiblichen Jugend der Matthäus⸗ und Markusgemeinde gemeinsam.

In der Johanneskirche. Vormittags Uhr: Pfarrer Bechtolsheimer. Vormil⸗ tags 11 Uhr: Kinderkirche für die Lukas⸗ gemeinde: Pfarrer Bechlolsheimer. Abends 6 Uhr: Pfarrer Ausfeld. Abends 8 Uhr: Vereinigung der konfirmierten weiblichen Jugend der Lukas gemeinde.

Verantwortlich: Pfarrer Bechtolsheimer. Druck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-⸗Buch⸗ und Steindruckere R. Lange, Gießen.

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