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Gemeindeblatt für die evangelische Kirchengemeinde Gießen
Vr. Jo
Gießen, J. Invocav., den 9. März 191
8. Jahrgang
Ein neues Gebot.
Evang. Joh. 13, 34. Ein neu Gebot gebe ich euch, daß ihr euch untereinander liebet.
Gibt es denn in unserer Zeit der Frei⸗ heit noch Gebote? Wir haben doch kein Gesetz und kein Gebot mehr gewollt, frei von jeder Fessel wollten wir sein. Alte Ordnungen sind zerbrochen und kommen nicht wieder, aber ein Gebot, das alt und ewig neu ist, überdauert auch unsere Zeit und will von jedem einzelnen Menschen unbedingt er füllt sein das Gebot der Liebe. In allen Neid und Streit der Parteien in unserem Volk hinein tönt dieses Gebot des einen, der über den Parteien steht. auf sein Wort hören wollten, dann wäre
die Grundlage zur Lösung so mancher Frage gelegt. Die
nicht zuletzt der sozialen a f Selbstsucht hat die Menschen, die Glieder
eines Volkes entfremdet und geschieden. Da hilft es nichts, daß man künstliche Brücken
über die Kluft, die die verschiedenen sozia⸗ len Schichten trennt, bauen will. Das Un⸗ gestüm des Klassenhasses und Parteihaders wird sie alle hinwegschwemmen. Wenn wir weiter wie bisher alle gegen alle arbeiten, dann werden wir uns selbst zerfleischen und alle miteinander umkommen, wenn wir aber dem göttlichen Gebot der Liebe folgen und einer für alle da sein will, dann wird es uns gelingen, in gegenseitigem Verstehen ein Neues zu schaffen. Die neue Zeit schreibt und das neue Gebot, daß wir uns unter einander lieben müssen, wieder tief in das Herz. Soll es nicht das oberste Gebot in dem neuen Volksleben werden? Das kann es nur, wenn jeder einzelne es für sich als seinen obersten Grundsatz anerkennt. Wir wenigstens, die wir Christen sein wollen, laßt uns das Gebot der Liebe anerkennen
und danach handeln, wir können und werden
eine ganze Welt dadurch umgestalten.
Sur Erinnerung an pfarrer Bertold Schwabe.
Die evangelische Gemeinde Gießen hat einen herben Verlust erfahren. Am Nach⸗ mittag des 17. Februar ist Pfarrer Bertold Schwabe nach schwerem Leiden heimgegan⸗ gen zu seinem Herrn und Erlöser. Es war um 5 Uhr, als gerade die Glocke von dem Turm der nahen Stadtkirche läutete, da lag er in den letzten Zügen. Als die Glocke eine ziertelstunde später ausgeläutet hatte und die letzten Schwingungen des Tones in der
Wenn wir
Luft dahingezittert waren, da hatte er aus⸗ gekämpft, da war seine Seele hinaufgegan⸗ gen in das große Vaterhaus Gottes. So starb auch einst in jungen Jahren der Pfarrer und Professor Johann Jakob Ram⸗ bach, der heute noch als Liederdichter im Herzen des deutsch-evangelischen Volkes wei⸗ terlebt. Auch er starb es war dies im Jahre 1735 als die Abendglocke vom Stadtkirchturm tönte. Nur 54 Jahre ist Pfarrer Schwabe alt geworden. Länger als 15 Jahre ist er Pfarrer der Markusgemeinde gewesen. Seitdem Geheimer Kirchenrat Pfarrer D. Schlosser im April 1915 in den Ruhestand getreten war, hat er auch den Vorsitz im Gesamtkirchenvorstand und im Pfarrkollegium geführt und die Verwal—⸗ tungsgeschäfte der Gesamtgemeinde geleitet. Mit seiner Familie, der Ehegattin und den vier Kindern, die den Ehegatten und Vater zu früh verloren haben, trauert nicht nur die Markusgemeinde, sondern die ganze evangelische Gemeinde um sein verhältnis mäßig frühes Hinscheiden.
Das Leichenbegängnis, das am 21. Fe⸗ bruar eine so große Teilnehmerschaft nach dem Neuen Friedhofe geführt hatte, war ein Beweis für das Ansehen und die Wert⸗ schätzung, die der Entschlafene hier gefunden hatte. Diese Zeilen wollen die Erinnerung an den treuen Mann wachhalten und wollen ein Bild von seinem Leben und Wirken, das nun nach Gottes Ratschluß zu seinem Ende gekommen ist, geben. Der Verfasser dieses Nachrufes darf sich wohl für berech⸗ tigt halten, dieses Lebensbild zu zeichnen, verbanden ihn doch mit dem Heimgegan⸗ genen Beziehungen, die im März 1888 ihren Anfang nahmen, also beinahe 31 Jahre bestanden und die, wenn auch die beider⸗ seitigen Wege eine Zeitlang auseinander- gingen, in den letzten 11 Jahren durch das Arbeiten Schulter an Schulter ihre Vertie— fung erfahren haben.
Die Familie Schwabe, die nun schon un gefähr 125 Jahre in Hessen ansässig ist, leitet ihren Ursprung aus Thüringen her. Der Großvater des Pfarrers Bertold Schwabe war der im Jahre 1754 zu Roda geborene Professor der Medizin Dr. Ernst Schwabe. Wann er nach Gießen gekommen ist, war vorläufig nicht zu ermitteln. Er starb im Alter von 70 Jahren am 6. April 1824. Professor Schwabe war mit Char⸗ lotte Friederike Schmidtborn von Krofdorf verheiratet. Dieser Ehe entstammte der im Jahre 1806 geborene Sohn Ludwig, der


