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Steindruckere!
onntagsgruß
N Gemeindeblatt für die evangelische Kirchengemeinde Gießen
Nr. 23 Gießen, Pfingsten, den 8. Juni 1919 8. Jahrgang
pfingsten.
Brief des Apostels Paulus an die Galater 5, 22. Die Frucht aber des Geistes ist Liebe, Freude, Friede, Geduld, Freundlichkeit, Gütigkeit, Glaube, Sanftmut, Keuschheit.
Am ersten Pfingsttage des Jahres 1913 strömten trotz des regnerischen Wetters auf dem Trieb zu Gießen 20 000 Menschen zu⸗ sammen, um dem Sanden von Flugzeugen zuzusehen, die in gewissen Zeftabständen ankamen.„Prinz⸗Heinrich-Flug“ nannte man diese Veranstaltung, die vielen ernsten Christen in Stadt und Land ein schwerer Anstoß war; denn das hohe Fest N da⸗ durch in einer Weise entheiligt, wie dies gewiß in allen vorausgegangenen Jahr⸗ hunderten höchstens in Kriegszeiten ge⸗ schehen war. Die Kirchen, die sonst an diesem Tage viele Andächtige angezogen hatten, waren ziemlich leer. Vom Geiste Gottes, vom heiligen Geiste wollten viele an diesem Tage nichts hören, sie bewunderten den Geist der Technik. Mancher mag dabei wohl gedacht haben, daß man bei solchen staunenswerten Erfolgen des menschlichen Erfindungsgeistes die Religion wißt mehr nötig habe.
Wenn die 20 000 Menschen, die damals auf dem hochgelegenen Exerzierplatze zu⸗ sammengekommen waren, gewußt hätten, was die Flugapparate in den nächsten fünf Jahren für erschreckenden Jammer über die Menschheit bringen würden, wenn sie die teuflische Wirkung der aus der Höhe auf ahnungslose Menschen, Männer, Frauen und Kinder, geschleuderten omen gekannt hätten, wenn sie vorausgesehen hätten, wie unser tapferes Heer unter der großen Zahl feindlicher Flieger im Jahre 1918 würde zu leiden haben, sie wären damals nicht nach dem Triebe gegangen, sondern sie hätten die Kirchen aufgesucht und hätten gebetet: Ach, Gott, verlaß uns nicht, oder: Ach bleib mit deiner Gnade bei uns, Herr Jesus Christ! Und wenn die Menschen vor dem Kriege ge⸗ wußt hätten, daß die Wissenschaft, die d Technik und die Chemie, Tanks, Handgra⸗ naten Flammenwerfer und giftige Gase her⸗ stellen würde, um die Blüte der Menschheit zu. vernichten, so hätten sie nicht gesagt, daß mit der Arbeit dieser Zweige menschlicher Tätigkeit alles erreicht, daß mit ihr gar der Menschheit das Glück gegeben sei⸗
Wollen wir im christlichen Sinne glück⸗ lich, das heißt ruhig, innerlich gefaßt wer⸗ den, wollen wir mit Gott, der Welt und dem eigenen Ich versöhnt sein, so brauchen
wir den Geist aus Gott, dessen Wirkungen uns am Pfingstfeste in Wort und Lied vor Augen gestellt werden. Wir brauchen in
dieser jammervollen Zeit Liebe, Freude, Friede, Geduld, Freundlichkeit, Gütigkeit,
Glaube, Sanftmut, Keuschheit. Diese Gaben kann uns nur der Geist Gottes verleihen. Darum soll unsere Pfingstbitte lauten: Du Odem aus der ew'gen Stille, Durchwehe sanft der Seele Grund, Füll uns mit aller Gottesfülle! H. B.
Geschichten und Bilder aus Alt⸗Gießen.
14. Dex Gießener Bürger und
seine Vaterstadt um die Mitte 5 19. Jahrhunderts.
In den Nummern 12—21 des Jahr⸗ gangs 1918 brachte der„Sonntagsgruß“ unter„Geschichten und Bilder aus Alt⸗ Gießen“ eine Reihe von Bemerkungen, die den ersten Teil des 1840er Gießener Adreß⸗ buches:„Die Universität, Behörden u. Beamte“ betrafen, und daran anknüpfend allerlei Erinnerungen aus vergangenen Tagen. In gleicher Weise sollen die nach⸗ stehenden Mitteilungen die übrigen Ab⸗ schnitte des Büchleins behandeln, deren erster
das„Alphabetische Verzeichnis sämtlächer
in Gießen wohnhafter Staatsdiener u. Sub⸗ alternen, sowie der Stadtporstantds mitglieder und öffentlichen Lehrer mit Benennung der Straßen, Lit. u. Nr.“ bildet.
Wir begegnen darin einer groß en Anzahl von Namen, die zwar heute noch in Gießen
anzutreffen, deren Träger aber nur zum
kleinsten Teil Nachkommen der 1840er sind. Von den Professoren und höheren 8 waren nur wenige Kinder unserer Stadt. Den weitaus größeren Teil hatte ein Ruf
oder eine Amtsversetzung hierhergebracht.
Die Beschaffenheit der kleinen, als ungesund verschrieenen Stadt mit ihren engen, holpe⸗ rigen, nicht besonders reinlichen Straßen, die alten Häuser und bescheidenen sanitären
Einrichtungen, der Mangel an öffentlichen
Veranstaltungen, wie Konzerte, Theater u. dgl., luden den Fremden nicht dazu ein, sich hier dauernd seßhaft zu e und sein Leben hier zu besch. Dies wird auch durch das„Namensverzeichnis der Häuser⸗ besitzer der Stadt Gießen“ bestätigt. Nur verhältnismäßig wenige der Professoren waren Hausbesitzer, die meisten wohnten in Miete. Auch der zahlreich vertretene Adel: v. Biegeleben, v. Buri, v. Haxthausen,
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