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Sonntagsgruß
Gemeindeblatt für die evangelische Kirchengemeinde Gießen
Nr. 40
Gießen, 2. Advent, den 7. Dezember 1919 8.
Jahrg.
vom„Umbringen“ des irdischen Gutes.
Evangelium des Lukas 16, 1 u. 2. Er sprach aber auch zu seinen Jüngern:
Es war ein reicher Mann, der hatte
einen Haushalter, der ward vor ihm berüchtigt, als hätte er ihm seine Güter umgebracht. Und er forderte
ihn vor und sprach zu ihm: Wie
höre ich das von dir? Tu Rechnung
von deinem Haushalten; denn du kannst hinfort nicht Haushalter sein.
Es ist ein ungemein anschauliches, von der Christenheit seither nicht recht beachtetes Wort, wenn es in dem bekannten Gleichnis vom ungerechten Haushalter heißt, daß er die Güter seines Herrn„umgebracht“ habe. Unter diesem Ausdrucke ist hier zu ver⸗ stehen, daß er anvertrautes Gut unter⸗ schlagen habe. Wir Menschen der Gegen⸗ wart gebrauchen das Wort„umbringen“ nicht im Sinne dieser Bibelstelle, schauen aber wir auf die fünf Jahre des Welt⸗ krieges zurück, so entdecken wir, daß da Güter in erschreckender Zahl„umgebracht“ worden sind Vor dem Kriege hatte die europäische Menschheit Rohstoffe und Le⸗ bensmittel in schier unendlicher Fülle. Die
sind im Kriege mit allen Mitteln der hoch⸗ D
gepriesenen Technik„umgebracht“ worden. Auf dem Weltmeere hat man Schiffe ver⸗ senkt, so daß Getreide, Lebensmittel aller Art und Rohstoffe auf dem Grunde des Meeres ruhen, Magazine sind in Brand gesteckt oder mit Fliegerbomben beworfen worden, Bergwerke wurden vernichtet, Städte und Dörfer, die Wohnung für Hun⸗ derttausende geboten hätten, wurden in Schutt und Asche gelegt, Geschosse aller Kaliber haben den Ackerboden durchpflügt und die Obstbäume weggefegt, man hat Be⸗ sestigungswerke angelegt, so daß auf Jahr und Tag hinaus das Feld nicht mehr be⸗ bauungsfähig ist. In Rumänien haben die Engländer die Petroleumquellen zerstört, Flugzeuge haben Häuser, Brücken und Schiffe vernichtet, kurzum, die europäischen Völker haben Güter, die ihnen Gott ge⸗ geben hatte, mit bewußter Absicht„um⸗ gebracht“.
Nun trifft sie die Strafe für dieses Tun. ungersnot, Teuerung, Mangel an Roh⸗ stoffen gehen durch die Welt, es wird Jahre und Jahrzehnte Ae bis aller Schaden wieder geheilt ist. Aber der Gott, der seinen Sohn verordnet hat zum Richter der Lebendigen und der Toten— eine Tatsache, an die die Christenheit gerade am
mals„noch ein gährend wildes
zweiten Adventsonntage erinnert wird— läßt an die kriegführenden Nationen die Mahnung ergehen: Tut Rechnung von eurer Handlungsweise. Vor der Geschichte und vor Gott wird sich die europäif sche Menschheit zu verantworten haben, daß sie in einer Weise Güter„umgebracht“ hat, die die Kulturentwicklung Europas auf lange Zeit hinaus hemmen wird.
Erwin Gros. Von Dr. Karl Esselborn.
Im Jahre 1912 schrieb Erwin Gros in den„Verlagskatalog und Notizkalender für das Jahr 1913 der Wartburgbuchhand⸗ lung in Darmstadt“ eine Plauderei„Wie i ch Schriftsteller wurde“. Sie klingt aus in das Geständnis, daß er„den Entwurf zu einer großen Erzäh lung„„Der Bauernpfarrer““ in sich trage“, worin„sein innerstes Schicksal verwoben sei“. Was da⸗ Durch⸗ einander“ war, liegt jetzt abgeschlossen vor. Das neue Werk ist innerlich und äußerlich so eng mit seines Schöpfers Leben verknüpft,
daß es geradezu 515 auffordert, dessen Le⸗
bensgang einmal näher ins Auge zu fassen. Denn wer, ohne etwas über den Verfasser zu wissen, das Buch auch nur flüchtig durch⸗ gesehen hat, ist sich nicht im Zweifel darüber, daß es das Werk eines Pfarrers ist und daß der Verfasser an vielen Stellen sich selbst Modell gestanden hat.
Die Heimat Erwin Gros' ist der Tau⸗ nus. Zu Niederems ist er am 13. April 1865 geboren.“) Sein Vater Heinrich Gros (geboren am 2. März 1833 zu Idstein, gestorben am 26. November 1910 zu Wester⸗ burg) war Lehrer. Auch von der Mutter, Luise, geb. Steinhausen, her entstammte er einem Lehrerhause. Der wichtigste Teil seiner Schulzeit waren die Jahre 1881 bis 1884. Er verbrachte sie im Ludwig⸗ Georg⸗Gymnasium zu Darmstadt, das er auf Ostern 1884 mit dem Zeugnis der Reife verließ. Von seinen dortigen Lehrern
59 Sein 929 59 8 am 4. November 1866 geborener Bruder Otto Gros, von 1892 bis 1903 im hessischen Pfarrdienst(Leid⸗ hecken, Burkhards und Zotzenheim) stehend und dann in den Schuldienst(Worms, jetzt Offenbach) übergetreten, ist ebenfalls schrift⸗ stellerisch tätig und Verfasser der Erzäh⸗ lungen„Michel Mort“(Kreuznach 1902, 2. Aufl. Gießen 1914) und„Unterm Hol⸗ lunderbaum“(Gießen 1904).


