Ausgabe 
7.9.1919
 
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Sonntagsgruß

Gemeindeblatt für die evangelische Kirchengemeinde Gießen

Nr. 36 Gießen, 12. Sonnt. n. Trinitatis, den 7. Septbr. 1919 8. Jahrgang

Brüderlichkeit. 4. Mose 20, 3. Ach daß wir umgekommen wären, da unsere Brüder umkamen vor dem Herrn. f Dieser verzweiflungsvolle Wunsch, den die Kinder Israel in der Wüste dem Mose zu⸗ riefen, findet heute Widerhall in manchen Herzen. Gar mancher, dem die augenblickliche Not seines Volkes auf die Seele brennt, ist versucht, seiner Verlockung nachzugeben. Aber ihm auch nur den geringsten Einlaß zu gewähren, ist nicht recht für einen Christen, auch wenn er in noch so tiefe Abgründe schauen muß. Das Wort klingt so brüderlich, ist es aber keineswegs. Als vor fünf Jahren das Kriegsunheil über uns hereinbrach, da schien es so, als

ob die furchtbare Gefahr aus unsrem Volke

ein Brudervolk machen wollte. Verstummt war für den Augenblick der Zwist der Par⸗ teien; aufgehoben schienen alle Gegensätze, die bisher unser öffentliches Leben vergiftet hatten. Aus berufenem Munde erscholl das von Millionen mit Freuden aufgenommene Wort: Ich kenne keine Parteien mehr, nur noch Deutsche. a

Aber leider war die Kriegsnot doch nicht stark genug, den Giftpfeil aus dem Körper unseres Volkes zu ziehen. Im Gegenteil: Das Gift fraß sich tiefer, zersetzte alle Säfte und lähmte alle Glieder. Schließlich blieb uns nichts mehr übrig, als vor dem Schwert⸗ streich der Feinde das Haupt willenlos zu senken. Riesengroß steht die traurige Lehre vor unseren Augen: Die Kriegsnot war nicht imstande, aus unserem Volke ein Brudervolk zu machen. Möchten sie doch alle recht eindringlich beherzigen!

Nun erhebt sich die andere Schicksalsfrage: Wird das, was die Kriegsnot versäumte, die Friedensnot vielleicht zustande bringen? Wir wissen es nicht. Erst unsre Enkel werden es überschauen können, was die Zeit, die wir jetzt durchleben müssen, für Früchte ge⸗ bracht hat. An uns aber ist es, ohne nach Gelingen oder Mißlingen zu fragen, alle Kräfte zusammenzuraffen, daß der Geist der Brüderlichkeit in die Herzen unserer Volks⸗ genossen hinein komme. Das ist unsere schwere, weltgeschichtliche Aufgabe. Arbeiten und nicht verzweifeln! K. G.

zum hinscheiden Friedrich Naumanns.

Sonntag den 24. August ist Friedrich Naumann in Travemünde, wohin er sich an demselben Tage zu seiner Erholung be⸗

geben hatte, einem Schlaganfalle erlegen. Wer in einer illustrierten Wochenschrift das Bild dieses Mannes aus dem letzten Jahre sah, der erschrak über sein Aussehen. Nau⸗ mann war in der letzten Zeit sehr gealtert; die vordem so kräftige, fast hünenhafte Ge⸗ stalt war zerfallen, das Antlitz zeigte tiefe Furchen. So begreift man auch, daß dieser Mann, der von frühester Jugend an schwer an Asthma litt, in verhältnismäßig rüsti⸗ gem Alter er ist nur 59 Jahre alt ge⸗ worden aus dem Leben geschieden ist. Friedrich Naumann ist den Gliedern der evangelischen Gemeinde Gießen kein Fremd⸗ ling. Oft hat er hier geredet, in den letzten Jahren als Politiker, früher als Mann der Inneren Mission. Im November 1888 war es wohl das erstemal, daß er hier auftrat, in Steins Garten sprach er über christliche Sonnragsfeier. Professor Gottschick hatte uns Studenten auf den damals noch unbekannten Redner aufmerksam gemacht und uns an das Herz gelegt, seinen Vortrag ja nicht zu versäumen. Wir befolgten diesen Rat und lauschten den Ausführungen des jugend⸗ lichen Redners mit großem Interesse. Leb⸗ haft, eindringlich und warm schilderte er das Wesen der christlichen Sonntagsfeier. Seit dieser Zeit ist Naumanns Ruhm immer weiter gedrungen. Vom Pfarrer wurde er zum Politiker, als Politiker hat er auch seinen Gegnern große Achtung ab⸗ genötigt. Uns interessiert hier nicht des Mannes politische Tätigkeit, sondern das, was er zur Pflege evangelischen Glaubens⸗ lebens getan hat. Auf diesem Gebiete hat er sich unvergängliche Verdienste erworben, indem er jahrelang in jeder Woche eine reli⸗ giöse Betrachtung für seine Zeitschrift, die Hilfe schrieb. Erbauliche Betrachtungen hat es natürlich schon vorher gegeben, es gab kein Sonntagsblatt, das nicht jede Nummer mit der Erklärung eines Bibel⸗ wortes eröffnet hätte. Vielfach aber ver⸗ fehlten diese Betrachtungen ganz ihre Wir⸗ kung, sie waren wohl gut gemeint, aber sie waren in einer so steifen, geradezu lang⸗ weiligen Form abgefaßt, daß es bei den meisten Lesern dieser Blätter zur Gewohn⸗ heit wurde, gleich mit der zweiten Seite anzufangen und die einleitende Betrachtung zu überschlagen. Zumeist bewegten sich diese Betrachtungen in ganz ausgefahrenen Ge⸗ leisen und berücksichtigten nicht das Denken und Empfinden des modernen Menschen. Auch fehlte ihnen die rechte Anschaulich⸗ keit. Da trat Naumann auf und brachte

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