onntagsgruß
emeindeblatt für die evangelische Kirchengemeinde Gießen
Nr. 27 Gießen, 3. Sonnt. n. Trinitatis, den 6. Juli 1919
8. Jahrgang
Der Zwangsfriede.
2. Sam. 22, 36. Wenn du mich demütigst, machst du mich groß.
Mit dem 23. Juni 1919 hat sich N lands äußeres Geschick auf Jahrzehnte er⸗ füllt. Nie ist eine Regierung und ein Par⸗ lament vor eine erschütterndere Entschei⸗
dung gestellt worden, als in Weimar
am vorletzten Montag. Nachdem sie gefallen, kann die dort einmütig aus⸗ gesprochene Mahnung, niemandem einen Vorwurf zu machen, ob er nun für oder gegen Annahme des unerhörtesten Friedens der Weltgeschichte gestimmt hat, weil jeder aus pflichtgemäßester Ueberzeugung handelte, nicht stark genug unterstrichen werden. Eine fast selbstverständliche Forderung, wo doch keinem einzigen Volksgenossen der bittere. Kampf eigener Entscheidung erspart wor⸗ den ist!
Nun aber hat jeder Einzelne sich in ner⸗
lich mit dem Ernst der Tatsachen abzu finden. Und das führt auf den Grund der Seele. Wir spüren, daß hier rein politische Erwägungen entfernt nicht zum Ziele füh⸗ ren. Was in den kommenden Tagen und Jahren über uns hereinbricht, packt den gan⸗ zen Menschen bis in die letzten Fasern seines Empfindens an und zwingt zu unerbittlicher Selbstbesinnung. Ein jeder wird vor die Frage gestellt: aus welchem geistigen Kraft⸗ behälter kannst du schöpfen, um für die noch
nicht übersehbare Härte der Anforderungen
und Entbehrungen, die sich auftut, gewapp⸗ net dazustehen! Und das ist letztlich eine Frage an das Gewissen. Daß der Ausgang dieses Krieges für Deutschland und die Deut⸗
schen nicht auf ein mechanisches Rechenexem⸗
pel der ee äußeren Machtmittel zurückgeführt werden kann, weiß jeder. Die
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richte, auf Läuterung. Diese Erkenntnis führt in die Tiefe. Aber sie allein verheißt neuen Aufstieg: Wenn du mich demütigst, machst du mich groß.
Hier ist der Weg gewiesen, auf dem unser Volk und jeder Einzelne in schwerster Heim⸗ suchung 9 55 zu Kraft und Größe empor⸗ steigen kann. Und in diese Größe hat kein fremder Machtwille hineinzureden. Hier sind wir frei trotz aller Ketten. Geben wir uns in Gottes Hand, und wir werden trotz des . nicht in Menschenhände fallen.
Abwehr einer unberechtigten Uritik.
In einem„Eingesandt“ des„Gießener Anzeigers“ vom 25. Juni hatte ein ano⸗ nymer Einsender behauptet, daß die evan⸗ gelische Kirche nicht den leisesten Versuch mache, auf dem Gebiete des Verfassungs⸗ und Mitbestimmungsrechtes der Gemeinden durchgreifende Reformen herbeizuführen. Insbesondere wurde bemängelt, daß man bei der Besetzung der Pfarrstellen nicht dig Wünsche der Gemeinde, namentlich nicht die Wünsche der Frauenwelt, berücksichtige.
Diese beiden unberechtigten Vorwürfe habe ich bereits im„Gießener Anzeiger“ vom. 27. Juni zurückgewiesen. Da die ganze Frage für unser Gemeindeleben sehr wichtig ist, so gehe ich hier noch einmal darauf ein.
Die Behauptung, daß in unserer Kirche gar nichts geändert werde, kann nur ein Mann aufstellen, der die neuesten Vorgänge auf kirchlichem Gebiete gar nicht beachtet hat.
Allenthalben regt man sich in dieser kri⸗ tischen Zeit, der evangelischen Kirche eine neue Verfassung zu geben, und gerade die Theologen sind es, die sich lebhaft mit die⸗ ser Frage beschäftigen. Daß man diese wich⸗
bloße rohe Kraft hat, seitdem es 1 Kultun tige Sache nicht überstürzt, ist natürlich heil⸗
gibt, niemals die Endentscheidung herbeige⸗
Unwägbarkei den Ausschlag gegeben. Es
sam. Bemerkt sei nur, daß man in Würt⸗
unggebenden Landessynode vollzogen hat.
führt. 1 haben doch die 5 temberg bereits die Wahlen zu einer verfas⸗
mag oft äußer
schwer sein, die inneren Ge⸗
In den übrigen deutschen Bundesstaaten
setze des Weltgeschehens zweifelsfrei festzu⸗ wird man damit wohl bald nachfolgen.
stellen, zumal, wenn man noch mitten im
Strudel der Ereignisse steht. Aber gewiß ist, und die Geschichte hat es noch immer er⸗
wiesen, daß in ihren Ergebnissen sich ein 2
Der Verfasser des erwähnten Artikels ist sichtlich darüber verstimmt, daß bei der Be⸗ bung einer Pfarrstelle sein Vorschlag oder
Wunsch nicht durchgedrungen ist, und er klagt
höherer Wille vollzieht, der mit dem mensch⸗ darüber, daß man in solchen Fällen nach
lichen Verstand allein nicht auszumessen ist und in dem doch eine 10 Folge⸗ richtigkeit im Blick auf die Gesamtentwich⸗
den Wünschen der Gemeindeglieder nicht frage. Ich habe im„Gießener Anzeiger“ schon angeführt, daß die Gemeinde durch
lung der Menschheit sich vollzieht. Es besteht ihren Kirchenvorstand das Recht der Mitbe⸗
ein göttlicher Wille, ob ihn nun der
stimmung ausübt. Im Ernste wird doch nie⸗
Einzelne anerkennen will oder nicht. Und mand daran denken, einen Pfarrer etwa
dieser Wille zielt, durch mannigfache Ge⸗
durch Gemeindewahl zu berufen. Man beruft


