Ausgabe 
5.10.1919
 
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der mit zwei großen Metzgerhunden be⸗ spannt war. Der ganze Zug bestand, wenn ich mich recht erinnere, aus den vier Grup⸗ pen Walltor, Neuenweg, Seltersweg und Neustadt. Der Umzug wurde vom Feinde günstig aufgenommen. Die Exerzitien dieser Jugenwehr wurden gewöhnlich Sonntags, auch an Werktagen, wenn keine Schule war, am Rodberg in den Sandgruben abgehalten; sie wechselten mit Märschen nach dem Philo⸗ sophenwald, Trieb und nach der Hardt.

An einem dieser Sonntage, als wir an der Hardt über den Steinbrüchen waren, sahen wir dichte Rauchwolken in der Richtung Heuchelheim aufsteigen. Dort war Groß⸗ feuer ausgebrochen, das halbe Dorf stand in Flammen; wir eilten hin und halfen, was wir konnten. Hierbei haben sich die Preußen, die im Dorfe einquartiert waren, sehr ver⸗ dient gemacht.

Moritz Semmler und die Brüder Frank waren bei den Uebungen unsere Führer. Am Philosophenwald kam es einmal mit den Wieseckern zu einem ernsten Streit, wobei von seiten unserer Feinde mit einem alten Revolver geschossen wurde.

Vor 60 Jahren hatte die Stadt Gießen durch die vielen Ecken, Winkel und Dung⸗ plätze noch einen sehr ländlichen Anstrich; insbesondere für uns Walltorer waren die Flügels⸗, Zozels⸗ und Hintergasse, sowie der Brandplatz mit Mordkeller und Zeughaushof für unsere Spiele wie geschaffen. Der Haupt⸗ sammelplatz an den Sommerabenden war die Ecke in der Flügelsgasse am Hause Vogt (genannt derDonnerhagel). Dort wohnte auch der alte Dachdeckermeister Schwalb(ge⸗ nannt derWaldläufer); er hatte ein lah⸗ mes Bein, das er sich durch einen Sturz von einem Dache zugezogen hatte. Schwalb war ein sehr gesangskundiger Mann und ein großer Kinderfreund; mit diesen bildete er eine Gesangsgruppe, in der besonders die roten Brüder Frank es waren mehrere Brüder vorzügliches leisteten. Die schön⸗ sten Volkslieder wurden zu Gehör gebracht und von der Bürgerschaft mit großem Bei⸗ fall aufgenommen.

Mein Vater war 33 Jahre lang als Postillion im Dienste des Herrn Postmeister Kempff; dadurch waren wir Jungen mit den Postverhältnissen sehr vertraut, ins⸗ besondere mit den Pferden, den Ställen und den großen Viehbeständen. Das schwarze Bethchen war die Wirtschafterin und hatte den Verkauf der Milch, die Bethe war die Köchin, sie hatte die Hühner und die Mol⸗ kerei zu überwachen. Was uns aber am meisten anzog, waren die Geschirrkammer im Seitenbau; was konnte man da alles sehen, Sättel und Geschirre für alle mögliche Ge⸗ spanne, Posthörner und alle möglichen Uni⸗ formstücke. In den Remisen befanden sich neue und alte Chaisen, die mit schweren

Riemen an die Achsen festgeschnallt waren, und sonstige Vehikel.

Insbesondere gefielen uns die Stafetten⸗ reiter in ihrer schmucken Tracht, es waren dies Boten, die dringende Depeschen nach Orten, wo noch keine Telegraphenleitung bestand, beförderten.

Der alte Postillion Wagner, der ein sehr hohes Alter erreichte, war bekannt durch seine Kunst im Posthornblasen, insbesondere bei den Korpsstudenten war er eine beliebte Persönlichkeit. In vollem Wichs mußte er bei Kommersen erscheinen und den Fuchs⸗ ritt er voran auf Stühlen mit⸗ machen, wobei er das bekannte Lied:Was kommt dort von der Höh? aus seinem Horn erschallen ließ.

Die alte Post ist das Gebäude, das dem Gasthauszum Rappen schräg gegenüber in der Walltorstraße steht, die Brief⸗ und Paketpost war in der jetzigen Oppenheimer⸗ schaft ging durch über den Schoorgraben alle Wagen ein und aus, auch die preußische Post von Wetzlar, welche vierspännig ge⸗ fahren wurde; Herr Trapp von hier stand im preußischen Postdienst und hat dieselbe gefahren.

Die preußische Uniform war eine andere wie die hiesige, die hiesigen Postbeamten trugen einen kurzen, grauen Rock, die Preu⸗ ßen dagegen einen langen Rock, einen soge⸗ nanntenSchwalbenschwanz. Das preu⸗ ßische Horn war lang wie eine Trompete. Wenn Herr Trapp an die katholische Kirche kam, dann setzte er mit dem mit Meister⸗ schaft vorgetragenen Lied ein:Schier dreißig Jahre bist du alt! Er lebt heute fob als hoher Achtziger in unserer Vater⸗ tadt.

An die genannte Hofreite schlossen sich auch noch landwirtschaftliche Gebäude an, wo eine Herde Schafe, krankes Vieh und etwa 50 Truthühner untergebracht waren, letztere waren in der freien Zeit unserer Obhut anvertraut. Wir Buben suchten die Hähne öfter durch rote Tücher zu reizen, dann drangen sie mit aufgeblähtem Kamm und stehendem Rad auf uns ein. Der ausgedehnte Grasgarten, welcher den Schoorbach ent⸗ lang zog, war ihre Weide. Einmal kam es vor, daß der Hofhund auf die Hühner eindrang und die ganze gefiederte Gesell⸗ schaft ging durch über den Schoorgraben nach den Gänseäckern. Mit Mühe und Not und mit Hilfe von einigen Knechten konnten wir sie wieder einbringen.

(Fortsetzung folgt.)

Etwas vom dienen.

Auch heute kehre ich wieder in vergangene Zeiten zurück, angeregt durch eine Be⸗ gebenheit, die ich längst vergessen hatte, die ich zu meiner Freude aber in einem Blatt wiedergegeben fand. Ich meine, sie ist es wert, nicht völlig vergessen, sondern