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Ein andermal hatten wir Gelegenheit, die Riesen vom kurhessischen Garde du Corps zu sehen, und zwar auf dem Marsche um die Schoor. Auch Bremer und Braunschwei⸗ ger Truppen, auffallend durch ihre dunkle Uniform, hatten wir hier in Quartier, mein verstorbener Jugendfreund Jakob Wirth, ein vorzüglicher Zeichner, wohnhaft in der Flü⸗ gelsgasse, hat alle, die bei seinem Vater im Quartier lagen, gemalt, ebenso alle schönen Punkte der näheren 1 Es ist möglich, daß einige dieser Bilder im 5 Museum erhalten sind.
Der Kirschenmarkt, der ja den alten Gieße⸗ nern in seiner durch den Besuch der Kur⸗ 1 5 bunten Vielseitigkeit bekannt ist, sollte auch der Schauplatz ernster Kriegsereignisse sein. Als er abgehalten wurde, lagen Ba⸗ dener und Württemberger aller Waffen⸗ gattungen hier. Zwischen 8 und 9 Uhr ver⸗ breitete sich die Nachricht: die Preußen kommen in der Richtung auf Gießen von Krofdors her; Vorposten sind beobachtet wor⸗ den, der Gleiberg ist schon durch Artillerie, welche Gießen beschießen soll, besetzt. In wilder Jagd fuhr die hier liegende Artillerie um die Stadt nach dem Rodberg, wo Stel⸗ lung in der Richtung Gleiberg—Krofdorf ge⸗ nommen wurde. Auf dem Markt in Os⸗ waldsgarten war ein buntes Durcheinander. Händler und Budenbesitzer suchten ihr Eigen⸗ tum so schnell wie möglich in Sicherheit zu bringen, dazwischen war dasGeschrei der jüdi⸗ schen Handelsleute zu hören, der eine zerrte an einer Kuh, der andere hatte ein Kälb⸗ chen auf den Rücken geladen. Unterdessen. wurde auf der Lahnbrücke eine Wagenburg gebaut, Vorposten wurden aufgestellt, Pa⸗ trouillen ausgeschickt, welche auch insofern Erfolg hatten, als sie einen Spion verhaf⸗ teten. Dieser Spion Ellie te sich in Gießen als der Schäfer Bellof aus der Sandgasse, welcher im Neustädter Feld friedlich seine Schafe gehütet hatte. Ich werde dieses Bild nie vergessen: Soldaten hatten Belloff in ihrer Mitte, er war begleitet von seinen beiden treuen Hunden, mit lächelnder Miene zog er in seine Vaterstadt ein.
Meine Eltern wohnten zu dieser Zeit im Gerthschen Haus und von 1852 an im Hause des Schmiedes Weidig, engen, der „eiserne Hosemann“, am Asterweg. Weidig war einem guten Schoppen im Rappen oder Einhorn nicht abgeneigt; diese Schop⸗ pen trieben sehr oft sein heißes Blut rascher durch die Adern, und bei seinem hitzigen g Temperamente ließ sich der Mann zu unbe⸗ dachten Aeußerungen hinreißen. Weidig hatte es in seinem Geschäft so weit gebracht, daß er bei seinen vielen Ge⸗ sellen nur ab und zu zu gehen brauchte und die übrige Tageszeit zum größ⸗ ten Teil damit zubrachte, aus dem Fenster auf die Straße zu sehen. Er hatte durch sein Geschäft Gelegenheit, viele Leute vom Lande Kanten zu lernen, insbesondere nahmen die
Landleute bon Launsbach und Wißmar ihren Weg nach der Stadt durch den Asterweg, wo sie am Hause Weidigs vorbeigingen. Weidig hielt die Vorübergehenden stets an und unterhielt sich mit ihnen. So unterhielt er sich damals auch mit einem Bauer von Wißmar, der in seiner e Tracht, im langen weißen Kittel mit Si lberspangen über dem Brustschlitz, mit Gamaschen, Schnallenschuhen, mit Pelzmütze oder Drei⸗ spitz, nach Gießen gekommen war. Die Unter⸗ haltung bildete der Krieg. Die Gemüter prallten heftig aufeinander, unterdessen hatte sich der Postglafer Franz in e hinzu⸗ gesellt. Die Debatte wurde immer heftiger. Weidig verließ seinen Fensterplatz und ging auf die Straße. Er war von kurzer, dicker Gestalt und trug einen braunen Biberwams und einen Lederschurz. Die Parteien wurden immer heftiger und beschimpften sich gegen⸗ seitig. Unterdessen hatten sich Erwachsene und Kinder angesammelt, der lange Bauer entfernte sich mit Riesenschritken. Weidig rief:„Ihr Buwe, mir nach!“ Franz folgte, und so ging die Verfolgung des Feindes über den Asterweg und die Schwarzlach nach dem Felsen bis zum Launsbacher S Steg. Wir Buben liefen mit. Als wir das Stadt⸗ bild verlassen hatten, rief unser Komman⸗ deur im Lederschurz:„Ihr Buwe, steinigt ihn, es ist unser Feind! Wer ihn trifft, kriegt einen Golde(Gulden).“ Wir versuch⸗ ten, so gut es ging, zu werfen, aber wir trafen den Mann nicht, vielleicht mit Ab⸗ sicht. Die Entfernung wurde immer größer, und als der lange Mann den Launsbacher Steg überschritten hatte, gaben wir die Ver⸗ folgung auf, wohl auch mit Absicht; denn hier war die Grenze. Unser Heerführer blies das Ganze Halt, er konnte nicht mehr weiter, das Gefecht hatte ihn zu sehr an⸗ gestrengt. Als der Krieg zu Ende war, da waren die früheren Feinde wieder gute Freunde..
Der Geburtstag des Großherzogs fiel auf den 9. Juni. Zu dieser Zeit lagen sehr viel Preußen in der Stadt, die Jugend, die schon damals vom Soldatengeist tief durchdrungen war, machte einen militäri⸗ schen Umzug, der als eine Demonstration gegen die Preußen gedacht war; denn die Alten steckten dahinter. Alle Waffen, die man sich denken konnte, waren in dem Zuge vertreten; jede Rumpelkammer wurde durchsucht, die Bürger gaben alte Waffen
gern her. Gewehre, Säbel und Czakos von der Bürgergarde, auch Waffen aus Holz, Kanonen aus altem Ofenrohr und echte Katzenköpfe, auch Marketenderwagen waren dabei vertreten. Die Kanonen hatten die Jungen aus den Schlossergeschäften besorgt, hierbei hatten sich die Brüder Gustav und Edmund Nagel für die Gruppe Walltor besonders verdient gemacht, ersterer ist vor einigen Jahren in Amerika gestorben. Fried⸗ rich Stooß stellte den Marketenderwagen,


