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Nr. 40 Sießen, 16. Sonnt. n. Trinitatis, den 5. Gktober 1919 8. Jahrgang
Es geht nach hause! Brief des Apostel Paulus an die Römer 8, 18. Ich halte es dafür, daß dieser Zeit Leiden der Herrlichkeit nicht wert sei, die an uns soll offenbart werden.
In unser Ruandalazarett wurde eines Tages ein schwerverletzter Schwarzer ein⸗ geliefert. Er war als Träger aus seiner viele hundert Kilometer weiter südwärts gelegenen Heimat an die Nordwest⸗Front gekommen und war dort bei der Herrichtung unserer Stellungen verwendet worden. Da⸗ bei hatte ihm ein niederrollendes Felsstück das Bein zerschmettert. Es war ein langes mühsames Krankenlager, von dem er nur als Krüppel wieder aufstand. Doch als der Befehl zum Rückzuge kam, war er wenig⸗
stens soweit hergestellt, daß er, auf einen
langen, festen Stock gestützt, sich dem Zuge unserer schwarzen verwundeten Soldaten und übrigen eingeborenen Kranken anschlie⸗ ßen konnte, der über Berg und Tal in wochenlanger Wanderung sich langsam süd⸗ wärts bewegte. Eines Morgens, als unsere Karawane den Marsch wieder aufgenommen hatte, gesellte er sich zu mir und humpelte, seinen Stab in der Hand, neben mir her. Nach einer Weile zeigte er auf eine kleine Stelle am oberen Teil seines Stockes, an welcher er die Rinde entfernt hatte. Auf die Stelle hatte er mit Bleistift die beiden Worte geschrieben:„Twende setu“, d. h. „es geht nach Hause.“ An der Richtung, die unser Marsch nahm, hatte mein Freund gemerkt, daß es die Richtung auf seine Hei⸗ mat war. Darum war er so froh trotz der Mühsal des Marsches mit seinem verkrüp⸗ pelten Bein. Wir erreichten dann auch wirk⸗ lich die zentralafrikanische Bahn, die ihn in einigen Stunden in sein Heimatland zurück⸗ brachte, so daß seine frohe Hoffnung nicht umsonst war.
„Es geht nach Hause!“ so heißt es jetzt auch für unsere Gefangenen. Aber freilich, sie kommen nicht in demselben Zustande in die Heimat zurück, wie sie einst ausgezogen sind. Mit gesunden Gliedern zog mein schwarzer Freund aus, als ein Krüppel kehrte er wieder zurück. So wird auch mancher unserer Gefangenen wie ein Krüppel heim⸗ kehren, die Gesundheit des Leibes geknickt und die Kräfte des Geistes gebrochen. Aber „nach Hause, nach Hause“— das hilft ihm
Doch wenn er nun nach Hause kommt, wie wird er es antreffen? Wie viele findet er daheim, die, als er auszog, noch frisch und froh waren, die aber nun müde und krank, vergrämt und verbittert sind. Der Friede hat ihnen allen Frieden genommen, und das Ende des Krieges hat ihnen den Haß gegen die Menschheit und den Streit gegen Gott nur desto tiefer ins Herz gegraben. Die einst so traute Heimat ist ihnen eine Stätte der Plage und Qual geworden. Da ist man fast versucht, den Gefangenen zuzu⸗ rufen:„Bleibt lieber, wo ihr seid! Ihr habt es da vielleicht noch besser, als in unserer von Zank und Zwietracht, Unglauben und Verzweiflung zerrissenen Heimat!“
Aber das Volk der Christen braucht nicht so zu sprechen. Für uns heißt es in allen Fällen:„Nach Hause, nach Hause!“„In meines Vaters Hause sind viele Wohnungen, ich gehe hin, euch die Stätte zu bereiten.“ Wir tragen unter dem staubigen und zerrisse⸗ nen Leidens⸗ schon das Feierkleid. Wir tragen den Stab in der Hand, auf dem geschrieben steht:„Es geht nach Hause,“ und wir wissen, und rufen es auch unsern aus der Gefangenschaft heimkehrenden Brüdern zu, daß dieser Zeit Leiden nicht wert sind der Herrlichkeit, die in Gottes Vaterhause an uns soll offenbart werden. G. v. B.
Geschichten und Bilder aus Alt⸗Gießen.
16. Aus meiner Jugendzeit. Von Georg Todt.
Da ich in diesem Jahre das sechsund⸗ sechszigste Lebensjahr erreiche, so erinnert mich diese Zahl an das Kriegsjahr 1866, in dem ja unsere Vaterstadt Gießen von unseren damaligen Feinden, den Preußen, umschwärmt und durchzogen wurde.
Der am 1. Juli 1866 von der Armee Beyer vollzogene Durchmarsch in Stärke von 20 000 Mann war für uns Jungen insofern interessant, als wir noch nie eine solche Militärmasse gesehen hatten. Der Durchmarsch— es war an einem regneri⸗ schen Samstag— dauerte einen halben Tag. Die ersten Truppen waren schmucke Husaren, welche alle Nebenstraßen besetzten; wir Jungen machten uns bei ihnen nützlich und gingen bis Lollar mit. Auf dem Heim⸗ weg hatten wir Zeit und Gelegenheit, die preußischen Truppen in ihrer Vielseitigkeit zu bewundern und kennen zu lernen, wobei uns die Berittenen und die Artillerie am meisten zusagten, insbesondere die bunte
über das letzte Stück Weges und über die letzte bange Wartezeit hinweg.
Uniform gefiel uns sehr gut.
onntagsgruß
Gemeindeblatt für die evangelische Kirchengemeinde Gießen


