Ausgabe 
3.8.1919
 
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Erst in den 70er Jahren wurde durch ein Pumpwerk im Hofe der Mädchenschule in der

Westanlage das eindringende Wasser hin⸗

ausgepumpt und so der Kalamität ein Ende bereitet.

Eine andere nicht sehr schöne Einrich⸗ tung waren die sogenannten Winkel, etwa

.1 Meter breite Räume zwischen den

Häusern. Vorn nach der Straße waren diese durch einen Stein und eine Holztüre abge⸗ schlossen. In diese Winkel mündeten die vom Volksmund alsSchweizerhäuschen bezeich⸗ neten Aborte. Die Fäkalien sammelten sich in diesen Winkeln und wurden von der zahl⸗ reichen Gilde der Winkelfeger nachts oder auch am Tage abgeholt. Häufig kam es dann vor, daß bei einem schönen Gewitterregen der sparsame Hausvater den Zapfen aus dem Winkelverschlußstein herauszog, so daß der ganze Inhalt mit dem Regen abfloß. Man denke sich nur diese Winkel zwischen den schlecht fundamentierten Häusern, nur we⸗ nige mag es gegeben haben, wo die üble Flüssigkeit nicht in die Keller eingedrungen ist. Aber auch die Brunnen, von denen es eine große Anzahl gab, waren mehr oder we⸗ niger verseucht. Ich kann mich gut erinnern, daß es stets eine große Frage war, wo gutes Trinkwasser zu haben sei. Ein Brunnen am Seltersberg mit laufendem Wasser, der so⸗ genannteJughardsbrunnen, hatte des⸗ wegen Zulauf aus der ganzen Stadt.

Unsere Universität hatte um diese Zeit durch Justus v. Liebig wohl einen Auf⸗ schwung genommen, doch war die Anzahl der Studierenden nicht viel größer als 100 Jahre vorher. Die Sitten der Studenten hatten sich etwas gemildert, doch waren Raufhändel immer noch an der Tagesordnung. Schläge⸗ reien zwischen Studenten und Bürgern kamen fast täglich vor. Erst nach 1870 kamen diese Gepflogenheiten ab. Ganz allgemein war die Teilnahme von uns Jungen bei den studentischen Mensuren, die zur damaligen Zeit auf dem Windhof, der Wellersburg, der Badenburg oder dem Promenadenhaus statt⸗ fanden. Wir wußten die besten Schläger alle mit Namen zu nennen. Unsere Studenten, hatten ihre eigene Gerichtsbarkeit, und nur ehrlose Vergehungen fielen unter die Kom⸗ pedenz der staatlichen Gerichte. Die Haupt⸗ strafe als Folge von Händeln und Mensuren bestand in der Karzerstrafe.

Der Karzer befand sich im Dachstock des alten Schlosses auf dem Brand, und gar oft habe ich gesehen, wie alle möglichen guten, aber verbotenen Dinge, wie Flaschenbier und Eßwaren mittelst eines Seiles von den Kom⸗ militonen hinaufgehißt wurden. Da ich ge⸗ rade von der Rechtspflege spreche, so will ich eines anderen Kuriosums gedenken. Die Schwurgerichtssitzungen, Assisen, wurden im Saale desPrinz Carl abgehalten, und es

verurteilt wurde, wo abends ein flotter Ball stattfand.

Für die öffentliche Sicherheit sorgten in den 50er Jahren 4 Polizeidiener, sehr be⸗ kannte und beliebte dicke Herren, zu denen sich dann abends nach 9 Uhr noch einige Nachtwächter gesellten. Die Polizeiwache be⸗ fand sich im Rathause auf dem Marktplatz. Es gab viel arbeitsscheues Gesindel, das hauptsächlich der Gilde der Winkelfeger an⸗ gehörte. Der Standplatz dieser Eckensteher war das Kreuz, wo man immer eine Anzahl der branntweinduftenden Gesellen als Ge⸗ legenheitsarbeiter haben konnte.

Das Schulwesen hatte sich in der Mitte des vorigen Jahrhunderts kaum gehoben. Die Vorbereitung für die höheren Schulen, das Gymnasium und die Realschule, geschah in Privatschulen. In meiner Kindheit waren es die Rahne⸗ und Franzeschul, welche dies be⸗ sorgten. Die Rahneschul, in welche ich ging, befand sich um 1856 in einem Raum, welcher später dem Kutscher Huhn als Pferdestall diente. Ein Jahr später wurde dann von Rahn eine einstöckige Schulbaracke in der Hintergasse erbaut. Hier unterrichtete dieser eine Mann weit über 100 Kinder in allen Fächern, wie sie zur Aufnahme in das Gym⸗ nasium und die Realschule nötig waren. Man staunt über diese Arbeitsleistung, die in drei Jahrgängen die Jungen soweit bringen mußte. Als Hilfe hatte Rahn nur seinen Bruder, der in Naturlehre und Zeichnen unterrichtete, und den Gesanglehrer Bauer. Daß der Stock eine große Rolle spielte, war den damaligen pädagogischen Anschauungen angemessen. Ich entsinne mich, daß in be⸗ sonderen Fällen die ganze Schule durchge⸗ prügelt wurde, wobei sich die Brüder in die Arbeit teilten. In der anderen, der Franze⸗ schule war es ähnlich so. Zur Schule rief uns ein kleines Glöckchen, das eine Viertelstunde vor Beginn seinen gellenden Ton über die Stadt sandte, es hieß dannes kläppt. Das Gymnasium wurde fast nur von Schülern besucht, die die akademische Laufbahn ein⸗ schlagen wollten. Die Realschule war vier⸗ klassig und entließ ihre Schüler meistens mit dem 14. Lebensjahre. Die Lehrer beider Schulen trugen nach amtlicher Vorschrift Uniform und Degen. Die Mädchenschulen waren städtisch, es gab nur eine Stadt⸗ und eine Armenschule. Für höhere Ansprüche sorgten ein oder zwei Privatinstitute.

(Schluß folgt.)

Haß soll sein bis auf Kind und Uindeskind? ö Der Presse ging letzter Tage ein Aufruf namhafter Berliner Hochschullehrer und Mu⸗ seumsbeamten zu, der in scharfen Worten Stellung gegen die Forderung der feindlichen Mächte aufAuslieferung und Aburteilung des Kaisers und unserer besten Männer durch

konnte der Fall eintreten, daß am Nachmit⸗ ein parteiisches, pon Haß und Nachsucht ein⸗ tag ein Mörder in dem Saale zum Tode gesetztes Gericht nimmt. Die Forderung sei

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