Ausgabe 
30.10.1921
 
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wollten.Schließt sie ein! befahl Fried Noll, und wir stellten uns mit gefälltem Gewehr um sie herum.Ihr seid unsere Gefangene; ihr habt uns hier im Hinter⸗ halte aufgelauert und müßt nun mit nach Gießen.Loßt uhs ean Rou, mer huh met uch naut ze schaffe! war die Entgeg⸗ nung,Mer gih net met.Nehmt ihnen die Trommeln ab! kommandierte unser Hauptmann. Als wir das tun wollten, fin⸗ gen einige der kleineren Heuchelheimer zu weinen an.Na, dann laßt s' en! sagte Fried Noll.Wer is euer Hauptmann? fragte er.Häi, der Lang! war die Ant⸗ wort. Es war ein lang aufgeschossener Junge.Du bist unser Gefangener und mußt mit nach Gießen!, eröffnete ihm Fried Noll,und ihr, zu den anderen gewandt, seid auf Ehrenwort entlassen! Das ließen sich diese nicht zweimal sagen. Sie liefen mi ihren Trommeln, Papierhüten, Stangen und Säbeln, was sie laufen konnten, wäh⸗ rend Fried Noll den gefangenen Hauptmann beiseite nahm und auf ihn einredete, bis dieser gutwillig mitging. Die auf Ehren⸗ wort mit den Waffen entlassene Armee, außer Schußweite gekommen, warf uns nun die gangbarsten Heuchelheimer Verbalinju⸗

rien an den Kopf:Ihr Gäißer 5 Gäißer... Für die Punkte kann sich jeder

denken, was er will, nur nichts Salonfä higes. Von da ab mußte der Gefangeneun⸗ ter Bedeckung marschieren. In Gießen, im Kasernenhof angelangt, wurde er in einen leeren Stall gesperrt, bekam Wasser und Brot, d h. ein Glas Bier und ein Stück Wurschtebrod, während wir die Waffen ablieferten und an ihren Platz im Pferde⸗ stall stellten. Der Gefangene bat, wir möch⸗ ten ihn doch jetzt herauslassen, aber er wurde vertröstet.Nur noch a Viertelstund, dann kannste laufe! Wir standen noch ver⸗ gnügt ob unseresSieges beisammen, als der alte Herr Noll in Begleitung eines Bauersmannes vorn aus dem Haus heraus und mit einer Hast auf uns zugeeilt kam, die nichts Gutes ahnen ließ. In erregtem Tone fragte er, ob wir einen Heuchelheimer Jungen mitgeschleppt hätten. Das war eine schöne Bescherung! Der Gefangene wurde herausgeholt. Er kam kauend heraus, fing aber, als er seinen Vater sah, zu heulen an. Da flogen die Ohrfeigen nur so in der Nachbarschaft herum, und unser Tapferkeits⸗ thermometer sank unter Null. Frau Noll, von dem Spektakel angelockt, legte sich be⸗ gütigend ins Mittel, und es gelang ihr auch, ihren zornigen Eheherrn, der im gewöhn⸗ lichen Leben ein herzensguter Mann war, sowie auch den Vater des Gefangenen eini⸗ germaßen zu beruhigen, zumal ersterer ge⸗ wahr wurde, daß sich unser Adjutant Louis Gail an der Pumpe seine blutende Nase ab⸗ wusch. Er hatte sie bei den Ohrfeigen nicht schnell genug in Sicherheit gebracht. Der lange Heuchelheimer erhielt noch einige

Bretzeln, und so zogen Vater und Sohn ab. Es schien, wie wenn die Sache in befriedi⸗ gender Weise eingerenkt sei. Dem war aber nicht so, denn als wir den Heuchelheimern wieder mit Einquartierung kamen, wurden wir fortgejagt. Man sieht auch hier, daß dasZivil oft ganz anderer Ansicht ist wie dasMilitär.

Für die vorerwähntenReisemärsche mit Einquartierung ergab sich aber auf einmal eine andere Inanspruchnahme unserer mili⸗ tärischen Findigkeit. Wir hatten nämlich bemerkt, daß an dem Graben des unteren Teils unserer neuen Burg, welcher noch mit einem kleinen Stücke mit dem Abhang zusammenhing, zeitweise in unserer Ab⸗ wesenheit von anderen gearbeitet worden sein mußte, denn wir trafen den Graben mehrmals größer an, wie wir ihn verlassen hatten. Unsere Beobachtungen ergaben, daß die Neustädter nun auch eine Kompanie und frecherweise unsere Burg auch zu der ihrigen gemacht hatten. Das war ein Grund für eine Kriegserklärung, die auch sofort be⸗ schlossen wurde. An einem Sonntag sollte die Burg von uns gestürmt werden. Die Neustädter richteten sich zur Verteidigung ein. Sie bauten einen Herd, in dem Eisen⸗ stücke glühend gemacht und auf uns geschleu⸗ dert werden sollten. Auch trugen sie Steine zusammen, um sie auf uns zu werfen oder den Abhang hinunter zu rollen. Der Sonn⸗ tag kam herbei, und wir zogen mit Schil⸗ den, Stangen und einer Leiter zum Sturm nach der Burg. Aber die Neustädter waren nicht da. Dagegen fanden wir die Vorbe⸗ reitungen zur Verteidigung, die nun uns oblag, wenn der Feind noch kommen sollte. Er kam aber nicht. Dagegen erschien der alte Steinbruchbesitzer Valentin, dem das Gelände gehörte, mit seinem Hund, schimpfte und drohte. Er eröffnete uns, wenn wir uns gelüsten ließen, noch einmal hierherzukommen, würde er den Hund an uns hetzen. Wir zogen infolgedessen, nachdem einige noch freche Mäuler riskiert hatten, schleunigst ab, denn mit dem alten Valentin war nicht gut Kirschen essen.

Die Erklärung für diesenGewaltfrieden ließ nicht lange auf sich warten. Der Sohn des alten Valentin gehörte zur Neustädter Kompanie und hatte seinem Vater von dem Streit um die Burg erzählt, der dann von 1 in der oben geschilderten Weisege⸗ schlichtet wurde.

Trotzdem zogen wir noch mehrmals nach der Burg mit dem Erfolg, daß wir jedes⸗ mal fortgejagt wurden. Der Rückzug fand zuletzt mit einer Eile statt, die mit dem, was man unter Tapferkeit zu verstehen pflegt, in krassem Widerspruch stand.

Mit der Beendigung des Krieges ver⸗ schwand auch unsere Kompanie, es meldet von ihr kein Lied, kein Heldenbuch.

(Schluß folgt.)