Sonntagsgruß
Gemeindeblatt für die evangelische Kirchengemeinde Gießen
Nr. 44 Gießen, 23. Sonnt. n. Trinitatis, den 30. Gktober lo21 lo. Jahrg.
Die letzte Zuflucht. Psalm 55, 7. Ich sprach: O hätte ich Flü⸗ gel wie Tauben, daß ich flöge und etwa
bliebe! Es sind jetzt beinahe 200 Jahre her, da starb— es war am 15. März 1723— der
deulsche Dichter Johann Christian Günther, nur 28 Jahre war er alt geworden. Gott hatte ihn mit hohen Geistesgaben ausge— rüstet, aber es fehlte dem Jüngling die mo⸗ ralische Kraft. Als Student führte er in Wittenberg und Leipzig ein wildes, wüstes Leben. In diesem Leben ging er schließlich unter, nachdem der Vater ihn, der reu⸗ mütig heimgekehrt war, lieblos und zornig aus dem Hause gestoßen hatte. Günther war trotz seiner Haltlosigkeit kein unedler Mensch, er war auch religiös gesinnt, leider war sein Wlaube nicht so stark, daß er Herr über seine Leidenschaften wurde. Daß der Glaube in der Seele des jungen Mannes Wurzel ge— schlagen hatte, lehrt ein Gedicht, das aus der Zeit der letzten Krankheit herrührt und „Letzte Gedanken“ überschrieben ist. Es heißt da: „Seele, fort, du hast noch Zeit, deinen Frie— den zu bedenken; Aber, welch ein Zweifelmut mehrt dein innerliches Kränken? Wirst du durch dies Ganze wandern? Bist du etwas oder nichts? Oder ein getrennter Funke von dem Wehen jenes Lichts? Laß den Kummer! Er betört. Geh' am . sichersten und glaube Deines Wesens Ewigkeit. Mach' es wie die Turteltaube, Fleuch vor Angst und Sturm und Wetter aufs Gebirge Golgatha, Fleuch und suche sichre Ritzen; denn der Räu⸗ i 5 ber ist dir nah!“
Ein ergreifendes Gedicht, ein Gedicht voll von Tiefe und religiöser Entschiedenheit. Ter Dichter sieht sein Ende herannahen, da überkommt ihn die Sehnsucht, in Frieden zu sterben. An seinem Geist geht vorüber, was er von religiösem und philosophischem Troste kennen gelernt hat. Die morgenlän⸗ dische Lehre von der Seelenwanderung be— wegt ihn:„Wirst du durch dies Ganze wan⸗ dern?“ Pantheistische Stimmung klingt in den Worten an:„Bist du etwas oder nichts oder ein getrennter Funke von dem Wehen jenes Lichts?“ Aber weder in dem einen noch in dem anderen findet der Kranke Ruhe.
schierten,
Er vergleicht sich mit der Taube, die einen sicheren Zufluchtsort sucht. Hinter ihm ist der Räuber Tod, da flieht er nach Golga— tha und ergreift die Hand des Heilandes im Glauben, daß dieser auch für ihn gestor⸗ ben ist. So findet der Mann, den die Selbst— anklage quält, Frieden und scheidet getrost. von dieser Welt. H. B.
Geschichten und Bilder aus Alt⸗Gießen.
30. Der Gießener Bub aus dem vocigen Jahrhundert und was mit ihm zusammenhängt. Von Louis Frech. (Fortsetzung.)
Das Kommando ging später, warum, weiß ich nicht mehr, auf Fried Noll aus dem Stern auf der Mäusburg über, in dessen seerem Pferdestall unsere Kaserne war. Die Burg am Wetzlarer Weg wurde, weil zu abgelegen, aufgegeben, und als neue Burg ein Erdhügel am Abhange der Hardt ge wählt. Dort unterhielten wir uns in der gleichen Weise wie unter dem früheren An⸗ führer, erweiterten aber noch insofern un⸗ sere militärischen Befugnisse, als wir uns eines Tages in Heuchelheim einquartierten. Jeder erhielt einen„Einquartierungs⸗ schein“, d. h. einen Zettel mit seinem Na⸗ men und einer Nummer, und damit gingen wir in die Häuser. Die Leute lachten, nah⸗ men uns freundlich auf und gaben uns zu essen und zu trinken, genau so, wie es bei wirklicher Einquartierung geschah. Wir selbst nahmen die Sache ernst; wir waren von unserer Wichtigkeit so überzeugt, daß wir an die Möglichkeit einer anderen Behand—
lung gar nicht dachten.
Das war alles recht schön, schade nur, daß wir keinen Feind hatten, gegen den wir ziehen und kämpfen konnten. Da kam uns ein Zufall zur Hilfe. Als wir eines Nachmittags von Heuchelheim zurückmar⸗ gewahrten wir zur Linken, in einem der Steinbrüche an dem Hardtab— hang die uns bisher unbekannte Heuchel— heimer Armee, eine Anzahl Buben mit Papierhelmen und Stangen.„Gewehr zum Sturm!“ lautete das Kommando und marsch, marsch, ging es im Laufschritt auf den„Feind“ zu, der aus 18„Mann“ be⸗ stand, von welchen etwa 10 auf kleinen Kindertrommelchen, nichts Böses ahnend, trommelten. Sie gafften uns neugierig an und wußten nicht, was wir denn eigentlich


