Ausgabe 
30.10.1921
 
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Eine Uriegsgefangenschaft im Jahre 1866.

Aus den hinterlassenen Papieren des Ge⸗ heimerats Theodor Goldmann mitgeteilt von Dr. Karl Esselborn. (Schluß.)

Die Familie des Herrn Kommandanten ist fortwährend sehr freundlich gegen mich. Schon bei der neulichen Spazierfahrt und bei einem zwei Tage nachher von mir ge⸗ machten Besuch luden sie mich sehr freundlich ein, sie zuweilen zu besuchen, indessen war ich infolge der Trauernachricht nicht in der Stimmung, dieser Aufforderung Folge zu leisten. Einige Tage darauf besuchte mich der Herr Oberst und äußerte sich sehr teil⸗ nehmend über den Tod Rudolphs, und am letzten Sonntag kam er wieder selbst und bat mich, den Abend zu einer Whistpartie zu ihm zu kommen. Ich versuchte eine Ableh⸗ nung, welche er aber in so liebenswürdiger Weise zurückwies, indem er namentlich be⸗ merkte, es sei keine eigentliche Einladung, es werde vielmehr außer mir nur noch ein Offizier kommen, daß ich es für eine Pflicht der Artigkeit hielt, zuzusagen. Ich habe denn da einen recht gemütlichen Abend zugebracht, was mir bei meiner sonstigen Einsamkeit gar wohl tat. Heute will ich wieder einen

Besuch in dem Hause machen.

Nachdem heute auch die österreichischen Kriegsgefangenen und vor einigen Tagen die Württemberger, Badener und Kurhessen ab⸗ gezogen sind, sind nur noch wir armen Hessen⸗Darmstädter übrig; hoffentlich wer⸗ den auch wir bald erlöst.

Fortgesetzt den 7. September, morgens.

Noch immer keine Nachricht bezüglich meiner Entlassung. Und da lese ich gestern in derDarmstädter Zeitung und denVolks⸗ blättern von dem großen Brand in Heuchel⸗ heim; was wäre da zu raten, zu helfen, zu tun, und ich muß hier sitzen! O, es ist oft zum Verzweifeln. Und doch muß ich still hal⸗ ten, ich kann's ja nicht ändern.

Soeben erhalte ich einen Brief des Vaters von gestern, worin er schreibt, daß der preußische Kommissär in Berlin von Herrn von Dalwigk ersucht worden ist, meine Frei⸗ lassung zu erwirken; der Vater glaubt aber, daß man die Ratifikation des Friedensver⸗ trags erst abwarten wird, zu deren Erwir kung Herr von Dalwigk am 5.(oder 6.) zum Großherzog nach Nymphenburg abgereist ist. Meine Entlassung kann sonach immer noch einige Tage dauern.

Also immer noch einige Tage, in meinem ganzen Leben ist mir noch keine Zeit so lang geworden als die Zeit meines Aufenthalts in Wesel.

11. September.

Heute ist schon der 11. September, und

noch immer ist die Entlassung nicht ein

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getroffen, noch immer keine Nachricht, daß der Großherzog den Vertrag ratifiziert habe. Ich kann diese Verzögerung nicht begreifen, wo, wie hier, jeden Tag Tausende von Gulden auf dem Spiele stehen, da die in Starkenburg einquartierten Preußen(min⸗ destens 20000), welche das Großherzogtum ernähren muß, nicht eher abziehen, als bis alles geordnet ist; und ebenso lange dauert auch die Herrschaft des Herrn von Briesen in Oberhessen und meine Gefangenhaltung. Ich fürchte sehr, daß der Großherzog noch in der letzten Stunde Anstände erhebt und als⸗ dann Oberhessen unwiederbringlich verliert. Du kannst Dir meine Unruhe, meine Auf⸗ regung denken, von Stunde zu Stunde wünschen, hoffen, beten, daß endlich die Ent⸗ lassungsverfügung kommt, und immer ver⸗

12. September.

Wieder ist ein Tag herum und immer keine Nachricht.

16. September.

Du erhältst hiermit noch einen Brief ohne Ankündigung meiner Ankunft. Wir werden jetzt recht in der Geduld geübt und können trotz aller Sehnsucht nichts tun, als geduldig warten. Der Vater schrieb mir in diesen Tagen, daß, obgleich die Höhe der Kontri⸗ bution schon früher bekannt gewesen, und ob⸗ gleich in den nach Ulm von Darmstadt aus geflüchteten Kassen Mittel zur Sicherstellung derselben vorhanden seien, Herr von Schenck nicht rechtzeitig dafür gesorgt habe, daß die Sicherstellung zugleich mit der Ratifikation erfolgte. Jetzt sind die Papiere zur Deckung der Kontribution vielleicht unterwegs und dadurch wohl das letzte meiner Entlassung entgegenstehende Hindernis beseitigt; sollte indessen auch die Geldangelegenheit morgen in Berlin erledigt werden, so kann doch, wenn meine Entlassung nicht telegraphisch, sondern auf dem Weg des gewöhnlichen Ge schäftsgangs verfügt wird, der Donnerstag herbeikommen, bis die Verfügung eintrifft. Was Herr von Briesen dazu beitragen kann, um meine Freigebung hinauszuziehen, das wird er gewiß redlich tun; denn ich glaube, daß er gerne seine Malice an mir ausläßt..

Der Friedensvertrag hat mich sehr betrübt, es ist mir gar hart, daß unser liebes Hinter⸗ land, an das mich so schöne Erinnerungen

knüpfen, abgetreten werden mußte.

Nachschrift.

Der Herr Kommandant hat schon am Mitt⸗ woch, 12. September, berichtlich in Berlin angefragt, ob ich entlassen werden solle, da der Friede abgeschlossen sei, aber keine Aut⸗ wort erhalten. Die kriegsgefangenen Hessen Darmstädter Soldaten gehen übermorgen ab, so daß ich alsdaun noch der einzige Kriegs gefangene in Wesel bin....