Ausgabe 
30.1.1921
 
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vorm Senioreuconvent gewesen, weil er auf öffentlicher Gassen seine Hausfrau nider⸗ geschlagen und übel gefluchet, welches ihm stark verwiesen und zur Besserung ange⸗ wiesen worden. g

Im Grunde ist die Kirchenpönitenz recht entehrend gewesen und würde sich mit un⸗ seren heutigen Anschauungen nicht mehr vertragen. Das lehrt uns folgender Eintrag: Den 2. Dezember ist Johannes König wegen seines greulichen Fluchens und Gotts lestern vorn Seniorenconvent citiert, seine Sünde ihm vorgehalten und vermög seines Urtheils am öffentlichen Halsgericht zur Kirchenpönitenz angewiesen worden, welche ermelter König den 4. Dezember auff den 2. Advent ein brennend Kerz in der Hand haltend stehend gethan. Der Mann mußte somit während des Gottesdienstes mit bren nender Kerze in der Kirche stehen.

(Fortsetzung folgt.)

Am Martinsturm. Erzählung. (Fortsetzung.)

Wir Konfirmanden ordneten uns zu zweien,

voraus ging der Pfarrer und hinter uns

kamen die Männer vom Kirchenvorstand, die die Gefäße für das heilige Abendmahl sowie das Brot und den Wein trugen, alles sauber in weiße Tücher eingeschlagen. Die Mädchen hatten feine weiße Spitzentaschentücher über das Gesangbuch gelegt und trugen dieses mit beiden Händen, wir Buben hielten das Buch weniger feierlich in der linken Hand und waren stolz auf die neuen Kappen, die wir an diesem Tage zum erstenmal trugen. Als wir Konfirmanden nach der Einsegnung das Lied sangenGott, welche heilige Stunde, laß sie gesegnet sein, da lauschten alle Leute, die in der Kirche waren, und ich sah, wie einige Frauen in den vordersten Stühlen das Taschentuch zogen und ein paar Tränen wegwischten.

Da mein Vater mit nichten wollte, daß ich ein Steinhauer werden sollte, so hatte er mit dem Schreiner Langgässer in Wöll stein gesprochen, daß der mich gleich, nach dem ich aus der Schule wäre, in die Lehre nehmen solle. Meiner Mutter war das

zhuerst nicht recht gewesen.

Ach, Philipp, hatte sie zum Vater ge sagt,dann müssen wir den Bub ja aus dem Haus geben, und ich kann ihn abends, wenn er im Bett liegt, nicht mehr zudecken. Und wer soll ihm, wenn er zwischen den Imsen Hunger kriegt, ein Stück Brot mit weichem Käse oder mit Butter geben?

Da hatte der Vater gelacht und gesagt: Jakobine, du kannst doch den Bub nicht dein Lebtag bei dir behalten, so ein groß

gewachsener Schlingel, der muß einmal von der Schürze der Mutter los, damit er selb ständig wird. Und dann bedenke, nach Wöll⸗

stein hat er nicht einmal eine halbe Stunde

a

weit zu gehen, da kann er jeden Sonntag und, wenn er Lust hat, auch am Werktag, nach Feierabend heimkommen.

So kam ich denn zum Meister Langgässer- Er wohnte im Hintergewaly, am linken Ufer des Appelbaches, da, wo im Oktober immer der Jahrmarkt gehalten wird. Die Werkstatt, ein ziemlich dunkler Raum, war hinten im Hofe. Außer mir war noch ein Lehrling, aus Pleitersheim gebürtig, da und ein aus Württemberg zugereister Gesell. Der Gesell hieß mit Vornamen David, seinen Familiennamen weiß ich nicht mehr. Jeden Abend, wenn wir mit der Arbeit fertig waren, steckte er sein Ulmer Glöbchen an und ging, solange es Sommer war, mit uns Lehrbuben spazieren. Meist gingen wir den Appelbach entlang in das schöne Tal, das nach Neubamberg führt, am Höllberg vorbei und kamen oft bis zur Katzensteiger

Mühle. Dann setzten wir uns an den Rand

einer Wiese, und der David erzählte. Nein,

was der David ein Held war und was er schon alles erlebt hatte! Ein ganzes Jahr lang war er auf

der Walze gewesen, er kannte Heidelberg und Mannheim und war in Heilbronn und in Stuttgart gewesen. Fürchten tat sich der David gar nicht, das mußte man ihm lassen. In Heidelberg hatten Studenten mit ihm ihren Scherz treiben wollen und ihm spöttisch nachgesungen: Und der Schreiner mit dem Hobel, der stellt sich so nobel, da war David wie ein wilder Stier unter sie gefahren und hatte ihnen solche Stöße gegeben, daß sie umfielen und

die Beine in die Luft streckten. In Hirsch

horn war ihm der Meister grob geworden, als er an einem Montagmorgen zu lange geschlafen hatte; da hatte ihm David die

Leimpfanne auf den Kopf geschlagen, daß

ihm drei Tage lang die Haare aneinander klebten. Dabei hatte es der mutige Schwabe gar nicht nötig, als Schreinergesell durch die Welt zu ziehen, er hatte von seiner Großmutter ein Vermögen von 20000 Gul den geerbt, das auf einer Bank in Ludwigs⸗ burg stand. Auch seine Braut, eines Ober amtmanns Tochter, war schwerreich. Mit unter bekam er Briefe von ihr, die er immer sorgsam wegsteckte.

Ich war ganz weg, vor Bewunderung, wenn ich diesen Berichten lauschte. Erst später ging mir ein Licht darüber auf, und heute weiß ich, daß der David ein ganz unverschämter Lügner und Ausschneider war, dem wir zwei dumme Lehrbuben gut genug waren, seine Prahlereien anzubringen. In der Werkstatt, wenn der Meister dabei war, konnte David seine Lügen nicht anbringen. Da hieß es fest zugegriffen und schnell herumgedreht, damit die Arbeit vom Fleck. kam. Wir machten vorzugsweise Bau arbeiten, legten Fußböden, schlugen Türen an, das Herstellen von Möbeln kam erst in zweiter Linie. Sonntags nachmittags he⸗ suchte ich die Zeichenschule, zu der die Lehr-