Ausgabe 
20.3.1921
 
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und daß das beide Gießer Buwe alther⸗ gebracht wäre, wurde die Besorgnis behoben. Ich weiß, beiläufig bemerkt, von einem Jungen, der 4 Jahre älter war, wie ich, daß er, als im Jahre 1854 die Glocken der Gießener Stadtkirche eingeläutet wurden, so erbärmlich und dauernd gebrüllt hat, daß ihn seine Mutter, die ihre Erfahrungen bei zwei älteren Sprößlingen bereits gesammelt hatte, nachdem ihr das Konzert doch schließ⸗ lich über die Geduld ging, resigniert auf das Bett legte und in ein anderes Zimmer ging, um dem etwas melodischeren Klang des neuen Geläutes zu lauschen. Als sie dann wieder nach dem Schreihals sah, war er einge⸗ schlafen. Die Maßnahme der Mutter mag ja heute etwas eigenartig und hartherzig er⸗ scheinen, aber die damaligen Mütter kannten ihre Kleinen und wußten, daß sie sich nicht totschrien.Laßt se nur plärr'n, sagte der alte Doktor Klein,das is ihr Spaziergang un schad en kei' Haar! Uebrigens bot die Sitte, das Kindchen mit der Wickelschnur so zu umwinden, daß es sich nicht regen konnte, wohl auch gar oft Anlaß zu dem verzweifel⸗ ten, stundenlangen Schreien. Es war durch⸗ aus nicht nötig, daß man durch das Mit⸗ einwickeln einer Lichtputzschere, wie Wilhelm Busch das so hübsch vor Augen führt, erst eine Zwickmühle für den Kleinen schuf. Häufig genug wird es wohl vorgekommen sein, daß man beim Wickeln des Kleinen in der Eile irgendeinen Gegenstand' mit bei⸗ packte und wenn es auch nur ein Stück vom Frühstück war, welches die mit der Arbeit betraute Vertrauensperson während dieser Beschäftigung. Bei unverbesserlichen Schreihälsen, die auch, wenn sie schon älter waren, von dieser Beschäftigung nicht ab⸗ ließen, wandte der Arzt ein drastisches Mittel an; er packte den Kleinen, drehte ihn von oben nach unten und steckte den Kopf in eine Schüssel mit Wasser. Zum zweiten Male brauchte diese Prozedur nicht vor- genommen zu werden; sie war radikal.

Neben sonstigen, hier nicht zu erwähnen⸗ den, auf das hygienische Gebiet übergreifen⸗ den Gründen, auf die bei der Beschaffung der Erstlingswäsche gebührende Rücksicht ge⸗ nommen werden mußte, entwickelte der kleine Mitbürger einen unheimlichen Durst. An der Beflaggung im Garten, Hof, in und vor den Fenstern, überhaupt überall da, wo sich ein geeigneter Platz auf dem Grundstück fand, sah man leicht, wo der Storch seinen Besuch abgestattet hatte. Er kam damals bei vielen Familien alljährlich. Kein Wun⸗ der; saß er doch mitten in der Kundschaft drin, denn er hatte sein Nest auf dem Schorn⸗ stein des alten Schlosses(jetzt Museum des Oberhessischen Geschichtsvereins) auf dem Kanzleiberg, Auch war das Brünnchen, aus welchem er die kleinen Kinderchen holte, ganz in der Nähe. Die ehemalige Schleuse an der Nordanlage, da wo jetzt das Haus des Kausmännischen Vereins steht, galt als ein

solcher geheimnisvoller Born, und die Kin⸗ der versicherten untereinander hoch und teuer, wahr und wahrhaftig,schon einmal die Kleinen unten im Wasser gesehen zu haben. Bei manchen ging die Einbildungs⸗ kraft so weit, daß sie behaupteten, Nachbars Fritzchen vorher im Brünnchen gesehen zu haben, es sei der größte von den Nackfrösch⸗ chen und daher an der Reihe gewesen. (Fortsetzung folgt.)

Beim deutschen Beskidenkorps.

Aus dem Kriegstagebuch des Hauptmanns d. R. a. D. Landgerichtsrat Trümpert⸗ Gießen.

(Fortsetzung.) l

Wir gehören jetzt zur dritten österreichi⸗ schen Armee, die unter dem Befehl des Generals von Boroevic steht. Zusammen mit der 4. Division und der 35. Reserve⸗ division und der unsrigen bilden wir das Deutsche Beskidenkorps unter Führung des Generals der Kavallerie v. d. Marwitz.

7. April 15. Auch die letzte Nacht ver⸗ lief ruhig. Von 7 Uhr an war ich an der Beobachtungsstelle. Nun ist auch unsere schwere Artillerie in Stellung gegangen und schießt über uns hinweg. Da General von Schippert wünscht, daß noch mehr Geschütze auf der anderen Seite des Tales in Stellung gebracht werden, werde ich jetzt mit Oberst⸗ leutnant von Petery hinüber gehen, um das Gelände anzusehen..

Abends. Ich erhielt den Befehl, auch mit den drei anderen Geschützen in der Lichtung, wo Leutnant Thüre mit dem einen Geschütz bereits steht, in Stellung zu gehen. Ich ging dann an diesem Bergrücken entlang zurück, um einen Platz für die Protzen auszusuchen. fand aber keinen geeigneten. Sie müssen in der Schlucht, wo sie seit vorgestern stehen, bleiben, obwohl sie da ziemlich weit von der Feuerstellung entfernt sind.

Um 6 Uhr begann der Stellungswechsel, der ziemlich beschwerlich war. Erst mußten die Geschütze und Munitionswagen den stei⸗ len Hang heruntergeschafft werden, dann auf der Straße im Tal vor und durch den Bach fahren bis unter einen Steilabfall von 2030 Meter. Mit Hilfe der österreichischen Infanterie wurden mittels Langtauen die Geschütze hochgezogen und dann in einen niederen Fichtenbestand in die ausgesuchten Stellungen gebracht. Die Munitionswagen kommen nicht in die Stellung. Bei den Ge⸗ schützen haben wir unser Zelt aufgeschlagen.

8. April 15. Unsere neue Stellung be⸗ findet sich westlich der Virava auf dem dem Feinde zugekehrten, von ihm eingesehenen, Berghang in einer mit kleinen Fichten⸗ bäumen bepflanzten Waldlichtung Die Stel⸗ lung der einzelnen Geschütze wird sorgfältig maskiert. Hinter der Mitte der Batterie, etwas oberhalb, ist zur Beobachtung eine Hütte errichtet, die etwas groß geraten ist. Eine Wohnhütte ist in Angriff genommen.

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