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onntagsgruß
Gemeindeblatt für die evangelische Kirchengemeinde Gießen
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Gießen, Palmarum, den 20. März 1921
10. Jahrg.
Buß⸗ und Bettag.
1. Mose 45, 24. Also ließ Joseph seine Brüder von sich, und sie zogen hin; und er sprach zu ihnen: Zanket nicht auf dem Wege!
In alten Tagen war es die Uneinigkeit der deutschen Stämme, die unserem Volke Leid und Verderben brachte und eine gedeihliche Entwicklung auf Jahrhunderte hinaus hemmte, sie war der Deutschen Haupt⸗ und Grundübel. Als am 18. Januar 1871 das Deutsche Kaiserreich gegründet worden war, glaubte man, daß dieses Uebel gründlich ab⸗ getan sei. Diese Annahme erweist sich gerade in unseren Tagen als falsch, mehr denn je geht der Hader durch unser Volksleben hin⸗ durch. In den Tagen, da von außen her das Verderben über uns hereinbricht, streiten unsere Volksgenossen miteinander und machen sich gegenseitig die schwersten Vorwürfe.
Woher kommt dieser Streit? Der Apostel Jakobus sagt es uns.„Woher kommt treit und Krieg unter euch? Kommt es nicht daher: aus euren Lüsten; die da streiten in euren Gliedern? Ihr seid begierig und erlangt damit nichts; ihr hasset und meidet und gewinnt damit nichts, ihr streitet und führt Krieg.“ Deshalb haben die Deutschen jetzt Streit untereinander, weil sie nur nach Erdendingen trachten, nach Geld und nach Macht. Nie erhob die Gewinnsucht dreister ihr Haupt als jetzt. Fast jeder Stand, jede politische Gruppe, jede wirtschaftliche Ver⸗ einigung möchte den anderen Gesetze machen, ihre persönliche Freiheit einengen und zum eigenen Vorteil ihr Gut antasten. Wir haben keine großen Ziele mehr. Die Ehre, Freiheit und Wohlfahrt unseres Volkes müßte allem Anderen so vorangehen, daß wir zu jedem Opfer bereit wären.
Nun kann man durch bloße Mahnung Menschen nicht dazu treiben, daß sie unter⸗ einander Frieden halten. Wohl kann man den Deutschen dieser Zeit das schöne Wort zurufen, das einst Joseph an seine Brüder richtete, als sie aus Aegypten schieden: „Zanket nicht auf dem Wege!“ Man wird aber mehr tun müssen, man muß unseren Volksgenossen das höchste Ziel zeigen, das es für einen Menschen und für ein ganzes Volk nur gibt. Dieses Ziel hat der Heiland mit den Worten umschrieben:„Du sollst Gott, deinen Herrn, lieben von ganzem
Herzen, von ganzer Seele, von allen Kräften und von ganzem Gemüte, und deinen Näch⸗
sten als dich selbst.“ Daß wir diesem Ziele nicht nachleben, ist unsere größte Not, und der Buß⸗ und Bettag soll uns die Augen schärfen, daß wir dieses Ziel zu erreichen suchen. H. B.
Geschichten und Bilder aus Alt⸗Gießen.
30. Der Gießener Bub aus dem
vorigen Jahrhundert und was mit ihm zusammenhängt.
Es ist an der Zeit, dem Gießener Jungen
aus dem vorigen Jahrhundert— gemeint ist der Anfang der zweiten Hälfte des⸗ selben— ein Denkmal zu setzen; denn er
stirbt aus. Sein Nachfolger von heute ist ganz anders geartet. Die nach und nach ent⸗ standenen zahlreichen Bildungsanstalten mit ihrem verfeinernden und erzieherischen Ein⸗ fluß, sowie auch das immer mehr den Charatter einer angehenden Großstadt an⸗ nehmende Gießen haben ihm ihr Gepräge aufgedrückt und legen ihm allerlei Zwang auf, den man hier früher nicht kannte. Der Junge von heute lebt nicht, wie sein Vorgänger, so vollständig harmlos und sorg⸗ los in den Tag hinein, er erscheint, na⸗ mentlich wenn er sich beobachtet fühlt, nicht nur gesetzter, überlegter und zurückhalten⸗ der, sondern er ahmt auch den Erwachsenen und Verständigen nach; mit einem Wort, er wird früher reif, womit aber nicht gesagt sein soll, daß das Lob, welches ihm hier ge⸗ spendet wird, ein uneingeschränktes ist, denn der Krieg hat mehr ungezogene Jungen ge⸗ zeitigt, wie es je zuvor gab; doch das ist zweifellos nur eine vorübergehende Erschei⸗ nung, die aber im allgemeinen nichts an dem Vorgesagten ändert. Eine Besserung scheint sich ja ohnehin schon zu vollziehen.
Man sagt dem Gießener Jungen aus dem vorigen Jahrhundert nach, er sei schon von Geburt an, hinsichtlich der Art, in der er sich in das Dasein eingeführt habe, von den Ankömmlingen anderer Orte dadurch un⸗ vorteilhaft für das Ansehen seiner Sippe abgewichen, daß er, kaum auf der Bildfläche erschienen, die Umgebung mit einem hart⸗ näckigen, ärgerlichen und gereizten Dauer⸗ geschrei begrüßt und damit der Mutter schon gleich Anlaß zu Sorgen gegeben habe. Erst durch die übereinstimmende Versicherung der bei solchen Ereignissen sich zahlreich ein⸗ findenden Tanten und Basen, daß es unser „Willemche“,„Schorschi“ oder„Kallche“
auch so oder noch viel ärger gemacht habe


