Ausgabe 
18.9.1921
 
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onntags gruß

Gemeindeblatt für die evangelische Kirchengemeinde Gießen

Nr. 38 Gießen, 17. Sonnt. n. Trinitatis, den 18. Septbr. 192

10. Jahrg.

der Sprung um die Felsenecke. Evang. Joh. 14, 16 u. 17. Und der Vater wird euch einen anderen Tröster geben, den Geist der Wahrheit, welche die Welt nicht kann empfangen; denn sie sieht ihn nicht und kennt ihn nicht.

In des Berliner Generalsuperintendenten D. Faber PredigtsammlungenHarte Re den befindet sich eine Stelle, die vielen zu einer bleibenden Lichtquelle über eine der schwierigsten religiösen Fragen werden kann. Sie knüpft an das Jesuswort an:Und der Vater wird euch einen andern Tröster geben, den Geist der Wahrheit, welchen die Welt nicht kann empfangen; denn sie sieht ihn nicht und kennt ihn nicht. Faber weist dabei auf einen Einwand hin:Wenn es Schriftwahrheit ist, daß der Geist es ist, der den Glauben wirkt, was kann der Ungläu bige dafür, wenn er in ihm den Glauben nicht gewirkt hat? Nachdem der Verfasser betont, daß wir hier auf einem jener ge⸗ heimnisvollen Punkte treffen, in welchem göttliches Wirken und menschliches Aufsich⸗ wirkenlassen unmittelbar zusammenfällt, er⸗ zählt er folgendes:

Ich erinnere mich einer gefahrvollen Stunde in den Alpen, wo ich um eine Felsenecke über einen schauerlichen Abgrund einen Sprung tun mußte auf einen Pfad, den ich nicht sehen konnte. Drüben stand der Führer mit ausgestreckter Hand, aber sehen konnte ich weder den Mann noch die Hand, und die im Felsen zur Erleichterung des Absprungs angebrachte Eisenklammer mußte ich vorher los lassen. Ich wagte den Sprung, denn mein Führer flößte mir Ver⸗ trauen ein: er war schließlich ganz leicht und einfach, und ich fand mich dann wie in einer neuen, schönen Welt. Dem gleicht der Glaubenssprung, der niemanden erlassen wird, es sei denn, daß er, in der Taufgnade bleibend, wie ein Kind durchs Leben geht. Gewiß, dies Vertrauen auf meinen Führer und Heiland, diesen Entschluß, die Eisen⸗ klammer der Welt loszulassen und nach der rettenden Hand zu greifen, obwohl ich sie nicht sehe, wirkt in mir der heilige Geist; aber ich muß doch selbst den Sprung tun, ich muß es selbst auf Jesum wagen, sonst ist alles Zureden des Geistes vergeblich. S lange der Mensch erst alles sehen will, kann der Glaube, den der Geist wirken will und mit dem er zugleich in ihm einzieht, nicht

in ihm lebendig werden, und die schöne Welt bleibt ihm verschlossen. Einen Willen besitzt jeder. Es kommt nur darauf an, worauf er ihn richten will. Wagt der Mensch jenen Glaubenssprung, vor dem ihn das Leben immer einmal stellen wird, so kann er die Bedingung Jesu an Nikodemus erfüllen: Es sei denn, daß jemand von neuem geboren werde, kann er das Reich Gottes nicht sehen. sch.

Geschichten und Bilder aus Alt⸗Gießen.

30. Der Gießener Bub aus dem vorigen Jahrhundert und was mit ihm zusammenhängt. Von Louis Frech. (Fortsetzung.)

Bei Paten, die Kinder hatten, bekam na⸗ türlich der Besuch, nachdem er sein Ge schenk empfangen hatte und während er es krampfhaft festhielt, von diesen die Spiel sachen gezeigt, die ihnen in diesem Jahr und auch früher schon vom Christkindchen gebracht worden waren. Es wurde auch von

neue,

dem Töchterchen schnell etwasgekocht, der

Eile wegen meistens kalt. In der Regel war es ein Konglomerat von allem, was die Puppenküche aufzuweisen hatte. Um etwaigen Folgen vorzubeugen, gab die Got noch ein Stück Kuchen hinterher als Nach speise. Der Heimweg wurde bald im Trab zurückgelegt, denn zu Hause sollte man sich über das Geschenk auch freuen, was denn auch mit Aussprüchen der Bewunderung ge schah. Dann gings zum zweiten Paten, bei dem sich das gleiche Frage- und Antwort⸗ spiel wie beim ersten wiederholte. Früher war es üblich, recht viele Petter und Goten, mindestens aber ein halbes Dutzend, für Uebernahme der Patenschaft zu bitten. Spä⸗ ter hielt man dies nicht mehr für passend und beschränkte sich auf zwei, höchstens drei, bei welchen aber das Christgeschenk nicht abgeholt wurde, weil das auch nicht als passend galt. Dafür brachte es das Dienst mädchen miteiner schönen Empfehlung,

und es wurde dem vielen anderen Kram einverleibt, der das Zimmer zur Hälfte anfüllte.

Wie es am Weihnachtsabend im Hause zuging, das sei in folgenden Versen ge schildert:

Alles zeigt im Glanz der Lichter

Stillvergnügliche Gesichter,

Teils mit Jubel, teils mit Würde