Ausgabe 
17.7.1921
 
Einzelbild herunterladen

114

hinaus nach dem Burggraben gelangen. konnte. Das Wallenfelssche Haus war, vom Rathaus ab gerechnet, in der Richtung nach dem Kirchenplatz, das dritte, das Sprucksche das vierte Haus, und zwischen diesen lag die Schirn, in welcher der Topfmarkt ab⸗ gehalten wurde. Anfangs der 70er Jahre erwarben die Anlieger die Schirn, brachen ihre alten Häuschen ab und bauten die jetzt noch dastehenden, die Nummern 17 und 18 tragenden neuen Häuser. Damit verschwand die Schirn.

Den Ersatztopf hatten wir rasch ausge⸗ wählt. Wir reinigten ihn an der in der Schirn stehenden Pumpe, weihten das Ge⸗ fäß durch einen kräftigen Trunk ein, denn wir hatten durch die Gansschlepperei und die Ueberreichungsfeier trockene Kehlen bekom men, und trugen es in das Schulhöfchen zur Gans, die damit beschäftigt war, ihr zer⸗ zupftes Gefieder in Ordnung zu bringen. Wir glaubten, uns ungesehen entfernen zu können. Aber Fräulein Julchen wartete, als wir leise zur Haustüre hinausschlichen, be⸗ reits am Fenster, drohte schelmisch mit dem Finger und rief mir halblaut zu:Weißt du was? Du heißt Frech und bist frech! Ihr Bruder hatte ihr bei seiner Schilderung der Gansüberreichung auch den ReimSchule undJule nicht verschwiegen. Jedenfalls hat sie darüber gelacht; aber wie oft habe ich dasDu heißt Frech und bist frech noch hören müssen, vielfach wohl mit Recht, aber auch sehr oft nur des Wortspiels halber, und da gab's jedesmal eine Prügelei; das war ich meiner Bubenehre schuldig.

Die Pumpe in der Schirn wurde in der letzten Zeit ihres Bestehens nicht mehr be⸗ nutzt, weil das Wasser als ungesund galt. Man hatte sie, nachdem der vielbenützte, auf alten Bildern noch sichtbareMahdborn in der Mitte des Marktplatzes, entfernt worden war, als Ersatzbrunnen errichtet und dasMahdbornmännche, den kleinen Neptun mit dem Dreizack, welcher oben auf demMarkt⸗ brunnen stand, auf der Pumpe in der Schirn befestigt. Aus irgendeinem Anlaß wurde aber die Figur in den 50er Jahren entfernt und an die hiesige Althändlerfirma Rothenberger verkauft. Später hatte sie noch verschiedene andere Besitzer, zuletzt den Bauunternehmer Julius Hoch, der sie in den Hintergarten seines Hauses(jetzt Hirschapotheke) an der Seltersweger Wieseckbrücke aufstellte. Von da gelangte dasMahdbornmännche in das Museum des Oberhessischen Geschichtsver⸗ eins, wo es nun ein beschauliches Dasein füh⸗ ren und sein Alter in Ruhe genießen kann.

Und die Gans? Wir sahen sie noch einige Wochen lang in ihrem Lattenkasten, fütterten sie mit Brotresten und hörten während des Unterrichts zeitweise ihr Gegacker. Sie run⸗ dete sich immer mehr ab, und Herr Franz betrachtete sie mit steigendem Wohlgefallen.

Aber eines Tages schnitt er ihr den Hals ab und sagte:Es lebe die folgende!

Auch der Herbst brachte, wie jede Jahres⸗ zeit, seine Unterhaltungen für die Buben mit sich. Sie ließen auf dem Kreuz, und wo sonst Platz dafür da war, denDobch(Kreisel) tanzen, wobei es vorkam, daß dieser, wenn sich maldas Kordel(Kordel ist bei den Gießenern dreigeschlechtlich; sie sagen

der,die unddas Kordel) der Peitsche

fing, mit einem tüchtigen Klapps gegen eine Ladenscheibe flog. Der Eigentümer stürzte dann heraus, besah sich die Sache und ver⸗ schwand wieder ohne viel Aufsehens zu machen, nachdem er sich überzeugt hatte, daß noch alles ganz war. Manchmal verirrte sich auch der Kreisel in ein Kellerloch, dann kroch der betr. Junge selbst oder ein gewandterer durch dieses und brachte den verlorenen Gegenstand wieder heraus. Namentlich Eis⸗ ners Kellerloch(in dem jetzt Heinrich Rie⸗ gerschen Haus auf dem Kreuz) besaß eine besondere Anziehungskraft, und ich wußte in dem unterirdischen Raume, welchen es mit Licht versorgte, bald so gut Bescheid, wie in dem Küchenschrank meiner Mutter. Die unmittelbar am Boden befindliche, nach un⸗ ten abgeschrägte Oeffnung bereitete dem Ein⸗ dringling keinerlei Mühe. Er schob sich mit den Beinen voran in dieselbe hinein und rutschte von selbst auf dem Bauch hinunter, um unten auf den offenstehenden Säcken mit Erbsen, Bohnen und Linsen und sonstigen Körnerfrüchten Herr Eisner hatte ein Geschäft in diesen Produkten zu landen. Der Dobch wurde bald gefunden und durchs Kellerloch hinausgeworfen. Dann halfen die Buben ihrem Kameraden wieder ans Tages⸗ licht. Herr Eisner, welcher, wie wir später sehen werden, ein Freund der Jugend war, merkte bald an den auf dem Boden seines Kellers herumliegenden Körnern, daß da unten etwas nicht in Ordnung war und stellte sich auf die Lauer, Lange brauchte er nicht zu warten, und als ich eines Tages wieder einmal bei der Dobchholerei war und im Begriffe stand, nach oben gezogen zu wer⸗ den, hielt mich jemand unten an den Beinen fest. Ich war natürlich fürchterlich erschrocken und schrie das ganze Kreuz zusammen. Oben zogen meine Kameraden aus Leibeskräften, und das anhaltende Klatschen, welches eine kräftige Männerhand meiner noch in der Dunkelheit befindlichen unteren Körperhälfte entlockte, gab ihnen die Gewißheit, daß ich erwischt war. Die anderen herbeigelau⸗ fenen Jungen griffen nun auch schnell zu und halfen ziehen. Eins zwei drei zählten sie und wupp flog ich mit einem Ruck auf die Straße und mit mir die Befreier, welche mir fast die Arme ausgerissen hatten. Hinter mir her wirbelten noch ein paar Hände voll Mehl, so daß ich in der kurzen Zeit nicht nur an Weißheit, sondern ich glaube auch um einige Zoll Länge zugenommen hatte. Herr Eisner erschien in seiner Ladentür, lehnte sich, ein Bein über das andere gef lagen, an den Pfosten und sah sich schmunzelnd die

1 1 U 1

N

1