Ausgabe 
17.7.1921
 
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onntagsgruß

Gemeindeblatt für die evangelische Kirchengemeinde Gießen

Nr. 29

Gießen, 8. Sonnt. n. Trinitatis, den 17. Juli 1921

10. Jahrg.

Wahrheit und Scheinwahrheit. Psalm 36, 10. Bei Dir ist die Quelle des Lebens, und in Deinem Lichte sehen wir das Licht.

In unfreiwilliger Muße fiel mir jüngst ein englischer Kriminalroman in die Hände, den ich mangels besserer geistiger Kost las. Im ganzen habe ich ihn ohne jeden inneren Gewinn beiseite gelegt bis auf folgendes Wort, das mir inmitten der üb⸗ lichen Nichtigkeiten durch seinen Gehalt um so mehr auffiel:Es erging Lady Boldon, wie es häufig Leuten in ihren Umständen ergeht: es wurde plötzlich licht in ihr, und was zweifelhaft gewesen war, wurde klar, Allerdings war es nicht das Licht der Wahr⸗ heit, sondern der matte, dieser Erde ent⸗ stammende Schimmer, in dessen Schein die Wirrsale dieser Welt zu durchwandern sich die meisten Menschen genügen lassen. Bei dieser kurzen, anschaulichen Charakterisierung ein Werturteil von Bedeutung, das nachdenk⸗ liche Köpfe weit über die flüchtige Stunde hinaus zu beschäftigen geeignet sein dürfte. Das Lebensgeheimnis Tausender, ja bis zu einem gewissen Grad das Lebensgeheimnis jedes Menschen wird hier in seinen verbor⸗ gensten Wurzeln bloßgelegt. Der böse Kon⸗ flikt zwischen der Wahrheit schlechtweg und einer durch den Egoismus schmackhaft ge⸗ machten Scheinwahrheit, mit der wir ent⸗ gegen unserm Gewissen je und je ein Kom⸗ promiß schließen, an dem wir schließlich irgendwie scheitern. Letzten Endes der ur⸗ alte und doch ewig neue Kampf zwischen, Gotteswahrheit und Weltklugheit. Mir kam das schöne Wort des Psalmisten in Erinne⸗ rung:Bei Dir, Gott, ist die Quelle des Lebens, und in Deinem Lichte sehen wir das Licht. Zugleich fiel mir ein, wie insbeson⸗ dere das Johannesevangelium geradezu ge sättigt ist von Licht und Lichtgedanken höherer Art, die das fleischgewordene Wort, das im Anfang bei Gott war, umstrahlen. Von jenem ernsten:In ihm war das Le⸗ ben, und das Leben war das Licht der Men⸗ schen; und das Licht scheinet in der Finster⸗ nis, und die Finsternis hat's nicht begriffen

bis zu jenem erhabenen:Ich bin gekommen

in die Welt ein Licht, auf daß, wer an mich glaubt, nicht in der Finsternis bleibe. Noch eines ward mir von neuem bewußt, als ich jener bedeutenden Stelle in jenem unbedeutenden englischen Kriminalroman

nachsann: wie doch die Wahrheit Gottes

rontgenstrahlenartig immer wieder die Ge dankenwelt auch der modernen Menschheit durchleuchtet und zum Bekennen drängt, auch wenn wir von Gott gar nicht veden oder gar nichts von ihm wissen wollen. Ein Weiser kann nur lächeln, so oft er von den Be⸗ strebungen hört, Gott aus der Welt⸗ und Herzensgeschichte streichen zu wollen. at⸗

Geschichten und Bilder aus Alt⸗Gießen.

30. Der Gießener Bub aus dem vorigen Jahrhundert und was mit ihm zusammenhängt. Von Louis Frech. (Fortsetzung.)

Der ganzen Klasse hatte sich eine unbändige Heiterkeit bemächtigt, die sich noch steigerte, als Herr Franz wieder hereinkam, und uns, die Deputation, mit in die Seiten ge⸗ stemmten Händen, einen Augenblick mit schel⸗ misch⸗mitleidigen Blicken betrachtete. Uns war das Weinen näher, wie das Lachen. Aber unser Verdruß wurde rasch beseitigt, denn Herr Franz bedankte sich freundlich für die Gans, den leider zerbrochenen Topf und den Mais und strich uns drei, die wir die ganze Sache besorgt hatten, ganz beson ders heraus. Er sagte, obgleich er nicht recht wisse, wen er nach dem Ueberreichungs gedicht mit Haut und Haar verzehren solle die Gans oder Fräulein Julchen, so wolle er doch zur Aufklärung dieser Frage sein möglichstes tun. Dann durften wir nach Hause gehen und hatten außerdem den an⸗

deren Tag frei.

Unten im Stall betrachteten wir uns noch einmal die Gans. Sie war ganz zerrupft, und die Federn standen kreuz und quer. Außerdem machte sie ein dummes Gesicht und zischte.

Auf der Straße warteten meine beiden Kollegen, der Freßnapf- und der Mais- träger, auf mich; denn ihnen erschien die Sache solange unvollkommen, als der zer brochene Topf nicht ersetzt war. Ich stimmte ihnen zu und machte den Vorschlag, ein anderes Gefäß zu holen; denn ich hatte noch ein paar Groschen vom Einkaufsgeld übrig⸗ behalten. Wir wollten den Topf heimlich vor den Gänsestall stellen, dann war ja alles in Ordnung. Also gingen wir nach der Schirn. Diese war eine Sackgasse, welche sich zwischen dem ehemaligen Wallenfelsschen und dem Spruckschen Hause auf dem Markt- platze befand, und von welcher man hinten