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kierte. Wir Buben hielten das Stück ruinen⸗ hafte Mauer, wie alle derartigen Ueber⸗ bleibsel in Gießen, für Fragmente der alten Befestigungen, die für uns mit einem ge⸗ heimnisvollen Nimbus umg⸗ben waren und als etwas Altehrwürdiges betrachtet wurden.

Wie das Elephantenplätzchen, so hatten auch die anderen Orte ihre Besonderheiten, die natürlich beschnüffelt und untersucht wer⸗ den mußten. Auch der Marktplatz, insonder⸗ heit das Rathaus, und von diesem wieder der freie, nach vorn offene Raum im Erd⸗ geschoß, diente als Tummelplatz der Buben aus dem ganzen Stadtzentrum, namentlich wenn es draußen regnete. Die breite, nur einige Stufen zählende Treppe, welche zu dem an der rechtsliegenden, als Tag⸗ und Nachtwächterstube, Bürgergardewache anno 48, Militärwache 1866, Lagerraum und zu anderen Zwecken benutzten Raum, ent⸗ langlaufenden Hausgang führte, eignete sich vorzüglich zum Schulespielen, bei dem, in richtiger Erkenntnis der wohl äligen Wir⸗ kung einer praktischen Nachhilfe, der Stock die Hauptrolle spielte. Der alte Ratsdiener Vetzberger, welcher im Erdgeschoß hinten hinaus seine Wohnung hatte, jagte zwar, wenn der Spektakel zu arg wurde, die Ge⸗ sellschaft fort, aber was nützt es, wenn man die Spatzen verscheucht; sie fliegen noch

keine 10 Schritt weit und kommen dann wieder. In den oberen Stockwerken in denen

sich die Bureaus der Wie be⸗ fanden, hörte man nicht viel von dem, was unten vorging. Die Jungen waren es nicht allein, welche lärmten. In den Kellern, die in der Vorhalle ihren Eingang hatten, be⸗ fanden sich Wein- und sonstige Lager, und beim Ein⸗ und Ausbringen der Fässer ging es naturgemäß nicht still her. Man fand es ganz in Ordnung, daß die Flaschen, nach⸗ dem sie im Rathauskeller mit Wein gefüllt worden waren, oben in der Vorhalle ge⸗ siegelt wurden und der Lackgeruch bis unter das Dach emporstieg und das ganze Haus durchdrang.

An Wochenmarkttagen wimmelte es nur.

so im Rathaus; denn da war die Butter⸗ wage, und die Gießener Hausfrauen hängten den Heller pro Pfund dran, um sich zu ver⸗ gewissern, ob das Gewicht der Butter auch mit den Angaben der„Hockeweiber“ stimmte. Auch Gänse und sonstige Suchen, die nach dem Gewicht verkauft wurden, konnte man da wiegen lassen. Das war früher ein buntes Leben auf dem Marktplatz. Die Elek⸗ trische hat ihm ein jähes Ende bereitet. Natüclick trieben sich auch die Buben in den Marktreihen herum und schenkten nament⸗ lich den Körben mit Obst ihre stark zur Schau getragene Aufmerksamkeit. Sie standen vor ihnen und machten„lange Mäuler“, bis sie, unter der Bedingung, weiterzugehen, ein paar Kirschen oder dergleichen erhielten. Geld war damals, im Gegensatz zu heute, bei so kleinen Jungen ein unbekannter Ar⸗

tikel. Dagegen hatte hier und da mal einer ein altes Portemonnaie oder rich liger eine durch etwas Leder notdürftig zufsammen⸗ gehaltene Serie unheilbarer Löcher.

In der Bachgasse trieben sich nach der Schule stets eine Anzahl Jungen herum,

die sich die Zeit damit vertrieben, aus

Baumrinde geschnitzte oder aus Papier zu⸗ sammengefaltete Schiffchen in„der“ Stadt⸗ bach schwimmen zu lassen oder darin zu angeln. So unglaublich es schien, aber es gab

in dem Gewässer tatfächlich Fische, nämlich

singerlange Weißfischchen, die, wahrscheinlich ihrer schlanken Form wegen,„Schneider“ genannt wurden. Einer der Buben angelte mit einer krummgebogenen Stecknadel, an der eine Fliege besestigt war, und ein Dutzend stand in Erwartung des Anbeißens dabei. In der Regel war die Ausbeute sehr minimal, ein andermal aber wieder reichlich, und zwar dann, wenn man das alte Wasser hatte ablaufen und frisches ein⸗ strömen lassen. Letzteres brachte dann aus der Lahn die wenig beneidenswerten Fisch⸗

chen mit. Alle paar Minuten zappelte dann

ein Schneiderchen an der Angel, und das Gefäß, meist ein Topf unbekannter Her⸗ kunft, füllte sich nach und nach. Die reiche Beute regte dann die Angellust der Jungen dermaßen an, daß in den nächsten Tagen jeder mit einer Angel, d. h. mit einer Gerte mit dem Faden und der Stecknadel daran erschien und sein Glück versuchte. Dabei wurde die sportliche Unterhaltung, wie ja dies beim Angeln selbstverständlich ist, so leise geführt, daß man sie in der Neustadt hören konnte. Den Kurfremden, die im Stadthotel„zur vergitterten Aussicht“ in der Bachgasse unfreiwillige Wohnung ge⸗ nommen hatten, war das Treiben der „Angler“ eine erfreuliche Abwechslung. Nun darf man aber nicht denken, daß das alles so glatt abging. Es plumpste vielmehr hier und da einer in die„Flüssigkeit“, wobei sich aber keiner weh tat, denn der vorhandene einen halben Meter tiefe Schlamm nahm dem Fall jede Härte. Allerdings hatte ein solches unfreiwilliges Bad den Nachteil, daß dem Betroffenen, der unter dem Gejohle seiner mitfühlenden Sportsfreunde schleu⸗ nigst seiner Behausung zueilte, ein Aroma ausströmte, welches von dem des Veilchens oder des Flieders nicht unwesentlich abwich und zunächst eine durchgreifende öffentliche Behandlung im Hofe mittels der Gießkanne undo dann mit dem spanischen Rohr unter vier Augen notwendig machte. Uebrigens konnte nur der Anspruch darauf machen, ein richtiggehender Gießener Junge zu sein, der mindestens einmal in der Bach gelegen

hatte.„Was ich mer derfor kaafe!“ renom⸗ mierte damals mein etwas älterer Freund Leopold Beyfuß, als er einen solchen Rein⸗ fall mit den üblichen häuslichen Zutaten und Verwarnungen hinter sich hatte und über diese sehr erbost war.„Mein Vatter

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