Ausgabe 
17.4.1921
 
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onntagsgruß

Nr. 16

Gemeindeblatt für die evangelische Kirchengemeinde Gießen 5 Gießen, Jubilate, den 17. April 1921

10. Jahrg.

Führernaturen.

Evang. Joh. 10, 12. Ich bin der gute Hirte. Der gute Hirte läßt sein Leben für die Schafe.

Das schöne Evangelium von Jesus dem guten Hirten ist einem jeden Kinde, das christlichen Religionsunterricht empfängt, be⸗ kannt, und die christliche Kunst hat es oft dargestellt, wie Jesus seine Hirtentreue be

währt. In diesem Evangelium wird für alle

Zeiten und alle Verhältnisse das Wesen echter Führernaturen gekennzeichnet. Aus den Tagen und der Kunst des Pietismus

haftet jenem Bilde etwas Süßliches an,

wenn etwas unberechtigt, ist es dies. Wir haben uns überhaupt leider daran gewöhnt, das Wesensbild des Menschensohnes viel zu

sehr zu verweichlichen. Es kommt daher, daß wir, von heillosem Egoismus befangen, nie

begreifen wollen, daß wahre Demut das Zeichen allein wahrer Größe ist. Demut ist eine Kraft der Seele, die alle andern Kräfte überragt. Denn wahre Demut das Gegen⸗ teil von Heuchelei wurzelt direkt im Göttlichen; es ist die Wahrheit, die sich vor Gott beugt und daraus eine Fülle der Liebe und Aufopferung für die Menschen zeugt, die ihre Träger zu Feuergeistern, zu Herren,

zu Tatmenschen in des Wortes höchster Be⸗

deutung macht. Man prüfe unbefangenen Auges daraufhin das Gleichnis vom guten Hirten! Das Leben lassen, um andere zu retten, gibt es Heldenhafteres? Diese Führer⸗ natur Jesu vergleiche man einmal mit manchen großsprecherischenFührern in alter und neuer Zeit.Mietlinge nennt Christus solche Leute, die entfliehen, wenn ihr Leben in Gefahr kommt. Wir stehen vor dem Wormser Erinnerungstag. Als Luther gen Worms zog, riet ihm sein Freund Spa⸗ latin noch in letzter Stunde, zu fliehen; denn sein Leben stehe in Gefahr. Luther ant⸗ wortete kurzerhand:Ich will gen Worms, wenn gleich so viel Teufel drinnen wären, als Ziegel auf den Dächern. Das sind Führernaturen, die ihr Leben einsetzen für den Sieg einer großen, befreienden Wahr⸗ heit. Wenn Deutschland etwas braucht, dann sind es Führernaturen, beseelt vom Feuer⸗ geist Jesu und aller seiner großen Jünger. Und die Christen sollten heute auf den Knien bitten, daß Gott unserm Vaterland wieder solche Führer schenke, solchegute Hirten. Eine feine Bemerkung des tiefschürfenden Schweizer Theologen Zündel gehört noch

hierher:Luthers liebliche Bezeichnungein guter Hirte trifft nicht den vollen Sinn dieser Worte. Im Griechischen heißt es der schöne Hirte, aber im Sinne desRich tigen, desallein Berechtigten gegenüber dem Fehlerhaften. So ist's! Solch allein berechtigte Führer, die Jahrhunderten einen neuen Geistesadel verleihen, werden aber letzten Endes nur aus dem Geiste Christi als des vollendeten Vorbildes hierfür ge boren!

Geschichten und Bilder aus Alt⸗Gießen. 30. Der Gießener Bub aus dem vorigen Jahrhundert und was mit ihm zusammenhängt. Von Louis Frech.

(Fortsetzung.)

Mit der Beseitigung dieser Häuser ist eine historische Stätte dahingegangen. In einem derselben wohnte der im Jahre 1798 zum Ehrendoktor der Universität promovierte franzöfische General Bernadotte, nachmaliger König von Schweden. Bernadotte hat sich durch seine humane Gesinnung und durch sein Interesse an der Universität in der Geschichte unserer Vaterstadt ein ehrendes Denkmal gesetzt.

Den alten Häuschen hatte man, gewisser maßen als Stütze, ein etwa m hohes und 1 m dickes Stück Mauer des Schlachthauses stehen lassen, an welches sie sich mit ihren gichtbrüchigen Lehmfachwerkwänden nach der Elephantenplatzseite zu eng anschmiegten. Von den drei freien Seiten des Mauerüberrestes fielen zwei senkrecht ab, die dritte zwar auch steil, aber bei einiger Geschicklichkeit besteigbar, und das zog an. Die Sache hatte aber einen Haken. Der Abstieg war nichts weniger wie ungefährlich, namentlich für kleinere Buben, denen die größeren wohl beim Hinaufklettern, nicht aber beim Her untersteigen helfen konnten, und so war es gar keine Seltenheit, da droben einige der Kleinen mit Hangen und Bangen in schwe bender Pein sitzen zu sehen, bis sich schließ lich ein Mitleidiger erbarmte und mittels einer Leiter die Erlösung mit daran an schließender Belehrung brachte, bezüglich welcher der Empfänger keinen Augenblick im Zweifel war, was dabei am stärksten zum Ausdruck kam, das Gemüt⸗ oder das Gesühl volle. Das alles hinderte aber nicht, daß einige Tage später wieder einer da oben Kaiser Max an der Martinswand mar

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