Ausgabe 
16.10.1921
 
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das Wehr herunter. Eine Gefahr war bei dem niedrigen Sommerwasserstand hiermit vollständig ausgeschlossen. Nur eine von uns Bubendas Loch bezeichnete Stelle im Eck zwischen Wehr und jenseitigem Ufer war tief. Sie wurde aber mit abergläu⸗ bischer Scheu gemieden, denn es ging das Gerücht, daß eine Quelle in dem Grunde des Loches sei, aus welcher eiskaltes Wasser sprudele und den, der hineingerate, hinab⸗ ziehe. Ich habe niemals gehört, daß jemand imLoch ertrunken wäre, und andere wer⸗ den wohl auch nicht mehr gewußt haben wie ich, aber der Respekt vor der etwa 56 Meter großen Wasserfläche mit ihrem stillen Spiegel war so groß, daß sie auch des Schwimmens kundige Jungen unbeachtet ließen. Diese badeten lieber oberhalb des Wehres an dem sogenanntenKonfir⸗ mandensprung, einer etwa meterhohen, steil abfallenden Uferstelle, von welcher aus sie mit einem Anlauf in das Wasser sprangen und dann meist zum Wehr schwammen, um sich in dessen Wellen zu legen. Das war wunderhübsch, dieses Baden am Wehr, und da es bei schönem Wetter tagtäglich statt⸗ fand, blieb es nicht lange verschwiegen. Da mußten denn die älteren Jungen bei den. Eltern betteln helfen, um die Erlaubnis zu erwirken. Nun konnten wir wenigstens ein Handtuch mitnehmen. Vorher ging alles ohne.

Das Vergnügen des Badens nahm un⸗ getrübt seinen Fortgang. Hatte es gereg⸗ net und hatte infolgedessen die Lahn mehr Wasser, dann unterließen wir das Baden, bis wieder der normale Wasserstand vor⸗ handen war. Wir gewannen so unser Bade⸗ plätzchen und die sonnige Lahn lieb. Das änderte sich aber mit einem Schlag, als eines Tags die Hiobspost die Stadt durch⸗ eilte, ein Knabe sei ertrunken. Diese Un⸗ glücksfälle ereigneten sich fast in jedem Jahre, aber immer an Stellen, wo es tieß und der Betroffene ein Nichtschwimmer war, der keine Kenntnis von der 7% des Was⸗ sers hatte. Aber auch plötzlicher Krampf oder sonst ein unglücklicher Zufall waren zu⸗ weilen die Ursache. Ein Vorkommnis dieser Art machte stets einen tiefen Eindruck auf uns, und wir betrachteten die Lahn, die in ihrer ruhigen Weise wie immer dahinfloß und der man nicht ansah, was sie ange⸗ richtet hatte, mit ganz anderen Augen. Sie erschien uns heimtückisch und setzte unserer Schwärmerei für sie einen Dämpfer auf. Aber wer, wie die Bleicher und andere an ihren Ufern wohnende Leute, den Fluß ge⸗ nau kannte, der wußte, daß er jedes Jahr sein Opfer forderte, aber auch zuvor die Menschen warnte. Die Eingeweihten ver⸗ nahmen in der Nacht einen unheimlichen Laut, ein Gurgeln und Winseln, wie wenn Wasser und Wind an irgendeiner Stelle aneinander geraten wären. Es hieß dann in der Stadt:Die Lahn hat gerufen!

Damit schreckten auch die Eltern ihre Söhne, wenn sie ihnen das unbeaufsichtigte Baden verleiden wollten.Geht nur nicht ins offene Wasser, sagten sie,die Lahn hat wieder gerufen! Und wenn dann in der Tat jemand ertrank, so hatte der zweifel⸗ los uralte Aberglaube neue Nahrung. Ein solcher Unglücksfall war denn auch die Ver⸗ anlassung, daß wir das Baden an dem Wehr aufgaben und fortan mit dem Vater in der Badeanstalt von Rübsamen oder in der Anstalt des Männerbadevereins baden mußten. So wurde auch dafür gesorgt, daß wir als Acht und Neunjährige schon schwim⸗ men konnten. Trotzdem wäre ich in der Badeanstalt einmal beinahe ertrunken. Wir Buben hatten uns, wie schon unzählige Male vorher, jeder einen auf dem Rücken, von dem Sprungsteg ins Wasser gestürzt und zappelten darin herum, als ein junger Mann mitten unter uns und mir auf den Kopf sprang. Dadurch wurde ich, noch ehe ich richtig Atem geholt hatte, wieder in die Tiefe gestoßen. Einen Augenblick kam ein Angstgefühl über mich, ich verspürte ein Summen und Tönen in den Ohren, dann verlor ich das Bewußtsein. Als ich zu mir kam, lag ich auf dem von der Sonne ange⸗ wärmten Bretterfußboden vor den Bade⸗ zellen. Alles stand mit bestürzten Gesichtern um mich herum. Man setzte mich auf und bestürmte mich mit Fragen. Da bemerkte ich, wie meine Kameraden auf den erwähn⸗ ten jungen Mann, der sich anscheinend hatte drücken wollen, zustürzten, sich an ihn hingen, ihn schlugen, kratzten und bissen, kurzum alles taten, um ihn für seine Tat zu bestrafen. Da erst kam mir der ganze Vorgang ins Gedächtnis. So elend es mir war, ich sprang auf und beteiligte mich, so gut es eben ging, und unter dem erleichternden Gelächter der Anwesenden, an der Lynch⸗ justiz. Sie hatten schon geglaubt, mich nach Hause fahren lassen zu müssen. Es war mir auch herzlich, schlecht und ich saß noch eine geraume Weile da, bis ich mit meinen Freunden nach, Hause gehen konnte. So ungefähr ist mir das Ereignis in der Er⸗ innerung. Meine Rettung hatte ich Herrn Christian Georg, dessen Sohn als sein Ge⸗ schäftsnachfolger heute die Gärtnerei auf dem Seltersweg betreibt, zu verdanken. Er hatte den Vorgang, der von sonft niemand bemerkt worden war, zufällig gesehen und war, bereits halb angekleivet, ins Wasser ge⸗ sprungen, in dem er mich auch gleich fassen konnte. Uebrigens habe ich später auch ein⸗ mal einenherausgeholt, wäre aber da⸗ bei beinahezum zweiten Male ertrunken.

Das Baden in der Badeanstalt wurde nach und nach zum Laster. Wir badeten morgens und mittags stundenlang, aller⸗ dings mit Unterbrechungen, die nur so⸗ lange dauerten, bis uns die Sonne wieder durchwärmt hatte. Waren wir glücklich auf dem Heimweg und es begegneten uns Ka⸗