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onntagsgruß
emeindeblatt für die evangelische Kirchengemeinde Gießen
Nr. 42 Gießen, 21. Sonnt. n. Trinitatis, den 16. Oktober 1921
10. Jahrg.
Erntedankfest 1921.
Psalm 23, 1. Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.
Ein Jahr zurück, da konnten wir am Erntedankfest Gott für den reichen Segen danken, den er uns in Feld und Garten gespendet hatte. Korn, Kartoffeln und Obst waren wohl geraten. In diesem Herbste be— drückt uns der Mangel. Ein ungemein trocke⸗ nes Jahr liegt hinter uns, im Winter gab es kaum nennenswerte Niederschläge, und von April bis zu den Tagen, da die ersten Blät⸗ ter fielen, hatten wir fast nur Sonnenbrand und Dürre, so daß wir manchmal im Got⸗ tesdienste Gott um Regen angerufen haben. Zwar scheint Brotfrucht ja in ausreichen⸗ der Menge vorhanden zu sein, aber es gibt, vorab in unserer hessischen Heimat, nur sehr wenig Kartoffeln, und die Obstbäume haben fast nichts getragen. Alle, die zu dem deutschen Mittelstande gehören— das sind die städtischen Geschäftsinhaber und die Beamten bis in die Reihen der höheren Beamten, nicht minder die Arbeiterfami⸗ lien— leiden ungeheuer unter der herr⸗ schenden Teuerung. Was fleißige und streb⸗ same Menschen in guten Jahren erspart haben, wird jetzt in der teueren Zeit auf⸗ gezehrt. Im höchsten Grade sind die zu bedauern, die zu alt oder zu schwach sind, um noch zu arbeiten, und die auf eine kleine Rente angewiesen sind. Es bewegt uns auf das tiefste, wenn wir hören, daß in diesen Kreisen jetzt Menschen bittern Hunger leiden, so daß ihre Lebenskraft vor⸗ zeitig zu Ende geht. Im vollen Umfange sehen wir jetzt die Folgen eines unglücklich verlaufenen Krieges.
Unter solchen Umständen müßten wir ver⸗ zweifeln, wenn wir nicht den Glauben an Gottes Fürsorge und Treue hätten. Aber der Herr ist unser Hirte, so daß uns nichts mangeln wird. Auch unsere Vorfahren sind durch Not und Teuerung hindurchgegangen und haben doch wieder bessere Tage ge⸗ sebhen. Vielleicht werden vielen jetzt die Augen geöffnet für die Tatsache, daß sie vor dem Kriege, als alles in Fülle vor⸗ handen war, in Gottvergessenheit und Sin⸗ nentaumel dahinlebten. Es ist aber nicht damit genug, daß wir unser Schicksal ge⸗ trost in Gottes Hände geben, wir müssen auch die Hände regen, daß der Not ge⸗ steuert wird. Es kann nicht angehen, daß eine Bevölkerungsschicht, die von jeher dem
Vaterlande die wertvollsten Dienste gelei⸗ stet hat, ohne eigene Schuld verelendet. Für die, die jetzt Mangel leiden, muß gesorgt werden, wahrlich nicht durch Almosen; denn die, die von der Not bedrückt sind, nehmen keine Almosen an, wohl aber durch eine großzügige Hilfsaktion, wie sie der Reichs⸗ kanzler neulich angekündigt hat und wie sie hoffentlich auch zustande kommt. Wir laufen sonst Gefahr, daß unser Volk, das seit sieben Jahren so Schweres ertragen hat, ganz zusammenbricht. H.
Geschichten und Bilder aus Alt⸗Gießen.
30. Der Gießener Bub aus dem vorigen Jahrhundert und was mit ihm zusammenhängt. Von Louis Frech. (Fortsetzung.)
Aus dem Frühling wurde allmählich der Sommer. Die Sonne stieg höher; es wurde wärmer, und nun waren wir im Alter so weit aufgerückt, daß wir auch an das Baden. im Freien denken durften. Gegen die Bade⸗ anstalten hatten wir aber eine gewisse Ab⸗ neigung, wie gegen alles, bei dem Aufsicht, Zwang und Bevormundung herrschte. Wir zogen es daher vor, uns den Genuß in der offenen Lahn zu verschaffen. Die Eltern wußten nichts davon, denn diese hätten ihre Zustimmung versagt. Die ersten Badever⸗ suche fanden zwar hinter der Gasfabrik in der Wieseck, an einer durch Einrutschen der hohen Ufer verbreiterten Stelle, von uns Buben„der Kessel“ genannt, statt; aber der Spott, mit dem uns die älteren Jungen darob aufzogen, wirkte beschämend auf uns. „Badet doch zu Haus in eurem Putz⸗ zuwwer!“ hieß es abends auf Buschs Treppe, „da könnt ihr euch rund rum festhalte!“ Diese Sticheleien verfehlten nicht ihren Zweck, und so zog denn eines Nachmittags verabredetermaßen die Gesellschaft über die Lahnbrücke, hinter der Pulvermühle her, dem jenseitigen Ufer der Lahn entlang, bis zum Wehr, Sauerbiers Mühle(jetzt Elektrizitäts⸗ werk) gegenüber. Das war ein idealer Bade⸗ platz für kleine Buben; denn unterhalb des Wehrs hatte sich eine Anzahl Inselchen ge— bildet, zwischen welchen bei normalem
Wasserstand seichte Bächlein hindurchriesel⸗ ten. Die Hauptmasse des Wassers strömte durch die Mühle in den Mühlgraben, der weiter unten in die Lahn mündete. Es kam daher verhältnismäßig nur wenig Wasser


