onntagsgruß
Gemeindeblatt für die evangelische Kirchengemeinde Gießen
Nr. 46 Gießen, 25. Sonnt. n. Trinitatis, den I3. Novpbr. 92
10. Jahrg.
mein alter Lehrer. Von einem Thüringer Geistlichen. Psalm 84, 7. Die Lehrer werden mit viel Segen geschmückt.
Ich sehe es noch, als ob's gestern ge⸗ wesen wäre: Die Tür geht auf, und einen großen Waschkorb voll Zuckertüten trägt er ins Schulzimmer; den setzt er neben das Katheder, und dann erzählt er uns die Geschichte vom Zuckertütenbaum. Ob eine für mich dabei war? Richtig, da rief er meinen Namen, ich griff mit beiden Händen zu, und fort ging's heim, um meine Tüte mit den Geschwistern auf ihren Inhalt zu prüfen. Das war die erste Schulstunde bei unserem lieben, alten Lehrer. Wenn wir älter werden, versinken Zeiten und Jahre in unserm Erinnern, aber was das Kind erlebt, steigt klar und klarer aus der Vergangenheit auf, und oft reden liebe Ge⸗ stalten, Menschen, die längst der kühle Rasen deckt, in stillen Stunden zu uns. Untrennbar von meinen Kindheitserinnerungen steht dieser Mann mit dem allzeit fröhlichen Ge⸗ sicht. Von wo er zu uns kam, weiß ich nicht. Er war eben da und für uns kleine Knaben eine wichtige Persönlichkeit. Selbst⸗ verständlich hatten die andern Kinder uns Angst gemacht; aber von übergroßer Strenge haben wir nichts gespürt. Nur wenn eins log, Vogelnester ausnahm oder an Bäumen herumschnippelte, gab's Pfiffe, und die gehörig! Aber sonst hat er selten den Stab„Wehe“ über uns geschwungen. Ge⸗ horchen mußten wir, darüber wurde nicht viel geredet, und gearbeitet wurde auch. Und wir taten's gern, wenn er uns führte, wenn er uns erzählte, so wie eben nur ein begnadeter Lehrer, der kein Mietling ist, sondern sein Amt als Gottesdienst treibt, allein es kann Manches ist versunken; viel hat sich der Kinderseele unauslöschlich ein⸗ geprägt. Wenn er mit seiner klaren Hand⸗ schrift mir auf der Schiefertafel vor⸗ schrieb, wenn er die Miezekatze besprach, die er selbst aus seiner Ofenecke uns mit⸗ gebracht hatte. Wir ermessen ja so wenig,
was treue Führung unserer Lehrer uns
für das ganze Leben schenkt. Mir hat er viel gegeben, vor allem auf religiösem Ge— biet. Den Grund hat meine liebe Mutter gelegt, er hat weiter gebaut. So höre ich noch erzählen, wie er uns in die Schön⸗ einführte,
heiten der biblischen Geschichte
nie aufdringlich etwa die Bekehrung be⸗
tonend, und doch von zwingender Ueber⸗ zeugung. Fröhlich hat er uns Kinder durch das Sonnenland der Reinheit geführt und hatte doch viel Leid daheim. Er, der uns Kinder so gern hatte und sich mit soviel Liebe in die Kinderseele hineingedacht und hineingelebt hatte, hatte eine kranke Frau und keine Kinder. Wir haben ihr viel Blu- men ans Bett gebracht, weil wir wußten, wir machten dadurch ihm eine Freude, und er tat's auch, wenn er von stillen Gängen in unsre schöne Heimat in sein freude— armes Heim zurückkehrte. Er hat nicht wieder geheiratet, als sie früh ihm starb und wir, voran unser Klassenältester, der das Kreuz trug, dem Sarge voraus singend hinauf zum Gottesacker zogen. Einsam hat er gelebt, für alles interessiert, vor allem für Größe und Blühen unseres deutschen Vater— landes. Als wir den Tag von Sedan droben auf Bergeshöhe feierten, als wir die Wacht am Rhein sangen, da trat er an den flammenden Holzstoß, und ich höre es noch heute, wie er uns die Bedeutung dieses Tages ausführte und Vaterlandsliebe in die jungen Herzen legte. Er hat die neue Zeit nicht mehr erlebt, hätte sich wohl auch schwer in den Wandel der Zeiten finden
können.
Dann kam die Stunde, wo ich weiter mußte. Noch einmal legte er mir freundlich die Hand aufs Haupt, sah mir ins Auge und sagte:„Dein Lebelang habe Gott vor Augen und im Herzen, und hüte dich, daß du in keine Sünde willigest, noch tust wider Gottes Gebot!“ Weiter sagte er nichts, gab mir mein Zeugnis, griff wieder zur Pfeife und wanderte, wie er es gern tat, still im Stübchen auf und ab, wo neben dem Bild des alten Kaisers und Bismarcks das des Amos Comenius hing, den er wohl be— sonders liebte und studierte.
Das war mein lieber alter Lehrer.
Rendant Adolf Bieler(17911883).
(Fortsetzung.)
Nicht lange sollte der junge Soldat sich der Rast in der Heimat erfreuen. Am 28. März marschierte er als Kadett-Feldwebel wieder aus. Aus dem Regimente, dem er angehörte, dem hessischen Leibregimente, ist später das Infanterieregiment Nr. 117 hervorgegangen. Auf französischer Seite machte Bieler den


