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Gemeindeblatt für die evangelische Kirchengemeinde Gießen

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Gießen, Judika, den I3. März 1921

10. Jahrg.

Drei Füricher Stimmen. Evang. Matth. 16, 16. Da antwortete Si- mon Petrus: Du bist Christus, der Sohn des lebendigen Gottes.

Wer kennt noch des edlen LavaterNeue Sprüche? Der Jugendfreund Goethes, der 1801 als Pfarrer an St. Peter in Zürich und weit über Deutschland hinaus hoch⸗ geschätzter religiöser Schriftsteller starb, ver stand oft mit wenigen Worten Tiefes und Wahres zu sagen.Aber, rufen vielleicht die Heutigen,was soll uns Lavater, der alte schwärmerische Pietist paßt schlecht in unsere Tage! Ob das richtig ist? Was sagen sie z. B. zu dem Spruch:Sohn des Menschen nennt mit Nachdruck oftmals sich Christus Dennoch, öfter als oft, ver⸗ gessen in ihm wir den Menschen. Das klingt ja ganz nachneuem Protestantismus, rufen womöglich andere. Und damit wäre die alte Streitfrage von Jahrhunderten über die Doppelnatur desMenschen⸗ und Gottessohnes neu aufgerollt. Wir fühlen uns zur Lösung nicht berufen. Ueber die Dogmatik früherer Zeiten stimmen wir jedenfalls durchaus mit dem Schweizer Ra⸗ gaz auch ein Züricher Pfarrer über⸗ ein:Das alte Christusdogma war für seine Zeit den modernen Vorstellungen ge genüber viel tiefer. Es liegt doch eine tiefe und bleibende Wahrheit darin. Wir haben keine Ursache, von der Höhe unserer ver- meintlichen Aufklärung auf die Gedanken arbeit vergangener Zeiten geringschätzig her abzusehen. Und ich möchte noch hinzufügen, daß in der Lehre von der Vereinigung von Menschheit und Gottheit in Jesus Christus wohl mehr Wahrheit liegt, als wir bis jetzt nur verstehen können. Immerhin hat das Geheimnis der ganzen Frage wiederum ein Züricher Pfarrer unserer Tage, der von uns Deutschen viel zu wenig genannte Friedrich Zündel, besonders herzens warm durchleuchtet:Wer war dieser Mensch, der so in unsere ganze Not sich hineingeliebt, für sie hinaufgeglaubt, hinaus zum Siege gehofft? Der so im Kleinsten

immer das Größte sah, im Kleinsten sich

ganz und völlig hingab und immer im Zu- sammenhang mit dem Allergrößten, der so unsere Angelegenheiten im allesumfassend sten Zusammenhang, in Geist und Wahrheit vor dem Vater verhandelte und nicht ruhte, bis er für alles die Gewähr einer vollkomme nen Lösung erlangt; der so schließlich sich

selbst zum Opfer gab, um diese Lösung zu erzielen? Es war Gott selbst, der uns in ihm nahe trat, gleichsam ein Teil seines Ichs, der uns, der Menschheit, geschenkt wurde, um als Mensch unsere Sache zum guten Ziele zu führen; er war und ist der Sohn des lebendigen Gottes.

Drei Züricher Stimmen aus älterer und neuester Zeit. Vielleicht regen sie zum Nach- denken über einen noch anderen Spruch Lavaters an:Evangelium Christi, du un benutztester aller nützlichen, köstlichen Schätze, die Gott den Menschen vertraut hat! F. K.

Beim deutschen Beskidenkorps.

Aus dem Kriegstagebuch des Hauptmanns d. R. a. D. Landgerichtsrat Trümpert⸗ Gießen.

(Fortsetzung.)

1. April 15. Fürst Bismarcks 100. Ge⸗ burtstag. Sein Lebenswerk ist es, daß das deutsche Volk heute in schwerem Kampf gegen eine Welt von Feinden verteidigt, an der Seite des Oesterreich, das Bismarck zunächst aus dem deutschen Bund heraus drängte, dann aber durch weise Mäßigung

beim Friedensschluß an uns kettete.

Das Wetter ist hübsch. Nachts hat es ge schneit; jetzt ist aber draußen wieder arger Schmutz. Da hier sehr viel Truppen zu⸗ sammenkommen, Ställe aber nur in geringer Zahl vorhanden sind, müssen heute für 70 Pferde der Batterie am Hang über dem Ort Ställe errichtet werden. Die Ungarn haben den ganzen Winter über ihre Pferde ungeschützt im Freien stehen lassen und sind sehr erstaunt über unsere Tätigkeit. Abends hatten wir die Offiziere der drei anderen Batterien zu einem Faß Bier eingeladen und verbrachten fröhliche Stunden mit einander.

Führer der neuen 7. Batterie ist Haupt⸗ mann Guse; Batterieoffiziere sind Ober leutnant Windisch, Leutnant Schmerl, Offi⸗ zierstellvertreter Feise,

2. April 15(Karfreitag). Nachts hatte es stark gefroren, am Tage schien die Sonne sehr warm, so daß der Boden bald auftaute und die Wege grundlos wurden. Um 8 Uhr ritt ich mit Hauptmann Fresenius und Plesser in einem hübschen Tal nach der Front zu; auf den Hängen pflückte ich Gänseblümchen. Unterwegs traf ich Haupt mann Schmitt und ritt ein großes Stück mit ihm nach vorn.