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1654.
In diesem Jahre wird wieder ein Gieße— ner Bürger erwähnt, mit dem der Konvent schon früher zu tun hatte.„Johann Jörg Stoll säufft sich alle Tag voll. Muß vor⸗ gefordert werden.“ Nicht besser hat sich ein anderer betragen, von dem Haberkorn proto⸗ kolliert:„Nicolaus Werner, der Bien-Nickel genandt, läufft voll und doll durch die Gassen, ob er schon neulich vorgefordert worden ist.“ Etwas unbestimmt lautet der Vorwurf, der einem Bürger gemacht wird, dessen Nachkommen heute noch in unserer Stadt in Ansehen stehen:„Philipp Weidig tyrannisiret in seinem Hauß, ist citiert wor⸗ den, aber nicht erschienen.“ Auf Nikolaus
Werner scheint der Umstand, daß der Senio⸗
renkonvent sich mit ihm beschäftigte, keinen beonderen Eindruck gemacht zu haben; denn es heißt von ihm:„Bien⸗Nickel bessert sich noch nicht, sauffet undt fluchet, lebt ärger⸗ lich.“ Abermals einen Monat später heißt es von ihm:„Weil die Vermahnung nichts ver⸗ fangen wollte, als soll Bien-Nickel der Obrigkeit überlassen werden.“
(Schluß folgt.)
Am Martinsturm. Erzählung.
(Fortsetzung.)
Die Preußen traten zwischen und uns ge— boten Ruhe. Als meine Widersacher die blanken Knöpfe und die Gewehrkolben sahen, ließen sie mich los und verschwanden in der Heringsbrunnengasse.
Ich hatte richtige Schläge gekriegt, war aber weiter nicht beschädigt. Als ich meinen ganz und gar beschmutzten und zertretenen Hut vom Boden aufgehoben hatte und mich zum Weggehen wandte, sah ich an der Straßenecke das Mädchen stehen, um derent⸗ willen ich die Schläge gekriegt hatte. Sie war ganz blaß und zitterte noch an allen Gliedern, aber wie sie mich sah, kam sie auf mich zu, gab mir offen und bescheiden die Hand und sagte:„Wer weiß, was die rohen Menschen mit mir gemacht hätten, wenn Sie nicht gekommen wären.“
Ich war, als ich jung war, keiner von denen, die jedem Mädchen in das Gesicht gucken, als ob sie mit jeder gleich eine Liebschaft anfangen wollten, aber ich war auch kein Stockfisch, der den Mund nicht aufzutun weiß, wenn eine Vertreterin des e die ungefähr 20 Jahre alt ist und ein glattes, freundliches Gesicht hat, ihm in den Weg tritt. So bot ich denn dem Mädchen meine Begleitung nach ihrer Wohnung an; mein Anerbieten wurde auch dankend angenommen. Meine Schutzbefoh⸗ lene wohnte, wie sie mir sagte, auf dem Kästrich; das ist die am höchsten gelegene Straße von Mainz, von der man auf die ganze Stadt, auf den Rhein und das Land zwischen Biebrich und Hochheim schaut. Wir
suchten bei unserem Wege Straßen auf, die nicht allzu sehr vom Karnevalslärm erfüllt waren, und gingen langsam in der Rich⸗ tung nach dem Gautor, wo der Kästrich liegt. Unterwegs hatte ich Gelegenheit, das Mädchen genauer zu betrachten. Sie war mittelgroß, von zierlicher Gestalt und freund⸗ lichem Gesichtsausdruck, das Haar hatte sie, wie es damals Mode war, in Zöpfen um den Kopf gelegt.
Das war der Anfang meiner Bekauntschaft mit meiner Braut; denn das will ich gleich sagen: das Mädchen ist meine Braut ge⸗ worden. Sie hieß Johanna Seitz. Ihr Vater war Schaffner an der Taunusbahn ge⸗ wesen, lebte aber damals, im Jahre 1856, nicht mehr. Johanna wohnte mit ihrer Mutter zusammen und hatte eine Stelle als Putzmacherin in einem Geschäfte auf der Ludwigsstraße.
So schnell, als ich das hier erzähle, haben wir uns natürlich nicht verlobt. An jenem Abend bin ich mit Johanna bis vor ihre Haustüre gegangen und habe sie gefragt, ob ich am Sonntag wiederkommen dürfe. Das wurde mir freundlich gewährt, und so lernte ich denn am nächsten Sonntag auch die Mutter kennen, eine stille, ernste Frau, die in wohlhabenden Familien der Stadt nähte. Die kleine Wohnung war auf das sauberste und ordentlichste hergerichtet. Wie gerne weilte sich in dem kleinen, rückwärts gelegenen Zimmex, wo die gehäkelten Deckchen auf den Möbeln lagen und der Kanarienvogel im Käfig neben dem Fenster ohne Ermüden sein Lied sang. Das Haus stand in unmittel- barer Nähe des Gautors. Wenn man von den Fenstern der Rückseite ausschaute, so fiel
der Blick auf die Festungswerke. Aus den
Wällen erhob sich ein massiger, hoher, vier- eckiger Turm, der wohl schon auf viele Jahr- hunderte zurückschaute. Mehrere Stockwerke waren in diesem Gebäude übereinander ge— schichtet, ein niedriges Dach krönte das Ganze. Wozu dieser Turm gebraucht wurde, wußte ich nicht, ich machte mir auch keine Gedanken darüber, ich hörte nur von meiner Braut, daß das der Martinsturm sei. Rings war der Turm von Bäumen umgeben. Wenn ich mit Johanna und ihrer Mutter in dem nach hinten gelegenen Zimmer saß, so gingen unsere Blicke immer nach dem Turme. In den geräumigen Wallgräben sah man preu⸗ ßische und österreichische Soldaten exer⸗ zieren. Reiche Leute hatten dort, auf dem Kästrich, ihr Quartier nicht aufgeschlagen.
Daß ich mich an diese Familie so rasch an⸗ schloß, lag auch daran, daß sie aus meiner Gegend stammte. Johannes Eltern waren waren beide aus Gensingen an der Nahe ge bürtig und waren, als das Kind ein Jahr alt war, nach Mainz gezogen. Rasch hatte ich mich daran gewöhnt, jeden Sonntag— nachmittag meine Schritte nach dem Kästrich zu lenken. Wie froh war ich alle Male, wenn ich durch die steil ansteigende, gewundene


