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nicht hingehörte, und machten den Stuhl- sitz naß. Gut, daß die Stunden bei Herrn Franz senior nur zeitweilige waren.
Um so schöner gestaltete sich der Unter⸗ richt, wenn unsere beiden Lehrer verhin⸗ dert waren. Fräulein Julchen mußte dann, die Schule halten. Sie setzte dabei ihr streng⸗ stes Gesicht auf und legte auch den Stock neben sich auf den Tisch. Aber das zog ja
doch gar nicht, denn sie war zu gutmütig,
und das wußten wir. Sie hielt einiger⸗ maßen Ordnung dadurch, daß sie versprach, vor Schluß eine Geschichte zu erzählen oder uns fingen zu lassen. Die Wahl des Liedes stellte sie dann in unser Belieben, und so sangen wir„Schleswig-Holstein meecum⸗ schlungen“ und„Deutschland, Deutschland über alles“. Jeder schrie, was die Lunge hergab und es nützte dem Fräulein nichts,
daß sie abwinkte und sich die Ohren zu⸗
hielt. Jedesmal nach einem Liede, direkt an den letzten Ton desselben anschließend, brach die lose Gesellschaft in ein unbändiges Lachen aus, dem sich Fräulein Julchen an⸗ schließen mußte, ob sie wollte oder nicht. Dann wurde gebettelt, früher entlassen zu werden, und mit Erfolg, denn Fräulein Julchen war froh aus dem Immenschwarm herauszukommen. Leider kamen die Ver⸗ tretungen durch die Schwester des Herrn Franz nur selten vor. Bei einer derselben war die halbe Klasse in der Frühstücks⸗ pause auf das Holzstalldach geklettert, und die anderen hatten hinter ihnen das Fenster zugemacht. Ta saßen sie nun draußen auf den von der Sonne heißgebrannten Ziegeln und schimpften. Aber je größer die Unge⸗ duld der Ausgesperrten war, desto inniger freuten sich die anderen, die vor dem Fenster
standen, lachten und Fratzen schnitten. Fräu⸗
lein Julchen war starr, als sie eintrat.„Fen⸗ ster auf!“ rief sie, und, als es sich öffnete und die Jungen wie die Affen»herein⸗ turnten, machte sie Miene, mit dem Stocke nachzuhelfen. Aber die beabsichtigte Wirkung blieb aus; denn die noch draußen befind⸗ lichen zogen sich weiter nach hinten auf das Dach zurück und schließlich mußte die Lehrerin noch betteln und lamentieren, daß sie überhaupt hereinkamen. Sie hatte Angst, es kollere einer herunter; denn dabei konnte sich dieser nicht nur wehe tun, sondern auch eins der Hühner totfallen. Schließlich war denn auch dieses Intermezzo glücklich vor⸗ über und die nie rastende Zeit half über die anderthalb Stunden bis zum Schluß auch noch hinweg.
Fräulein Franz hat von diesen Lumpen⸗ streichen nie etwas ihrem Bruder erzählt. Sie wußte warum. Das hätte ein böses Loch in die Freundschaft gegeben! Ist es an und für sich schon eine unangenehme Sache, wenn einer dem andern aufs Dach steigt, wie viel schmerzlicher ist es, wenn das mehrere tun und dabei auch noch Ziegeln entzwei machen.
So gingen die Tage und Wochen mit mehe oder weniger Abwechslung herum, und der 11. November 1864 nahte heran, der Mar⸗ tinstag. Das war für Lehrer und Schüler ein Tag erster Ordnung, oder richtiger Un⸗ ordnung; denn da wurde nach altherge— brachter Sitte die Mertesgans überreicht. Dieser feierliche Akt, wie überhaupt die ganze Indiewegeleitung der wie eine hochwichtige Angelegenheit behandelten Sache, lag in den Händen der ältesten Schüler, die drei aus⸗ wählten, welche das Geld einsammelten und den Einkauf besorgten. Daß sie dabei einen ganzen Tag fehlten, wurde aus Zweckmäßig⸗ keitsgründen nicht bemerkt. Feierlich wurde ausgemacht, daß Herrn Franz oder Fräu⸗ lein Julchen nichts verraten werden durfte, und strikte wurde dieses Verfahren auch gehalten. Die Buben fühlten sich dabei wich⸗ tig, sie waren an einem gemeinsamen Ge— heimnisse beteiligt, das man ihnen eine Stunde Wegs an der Nase ablesen konnte. Und dann stand doch auch schon im Holz- stall der frisch zusammengenagelte Käfig für die Gans. Das machte alles nichts. So lange keiner etwas verriet, war es eben ein Ge⸗ heimnis. In meinem vierten Vorschuljahre hatte ich die Ehre, die Gans überreichen zu dürfen. Ihre Heimat war Heuchelheim, von wo wir sie, drei Mann hoch, früh morgens holten. In der„Schirn“ am Marktplatz war gerade„Dippemarkt“, da erstanden wir einen Freßtopf und bei Eißner auf dem Kreuz ein Säckchen Maiskörner. Die Gans hatten wir abwechselnd geschleppt; ich durfte sie aber zuletzt tragen und tat das mit Stolz. Ich hatte auch ein„Ueber⸗ reichungsgedicht“ gemacht, welches ich auf dem Weg zur Schule in Gedanken wieder— holte. Endlich waren wir die Treppe droben und traten in das Zimmer mit einer feier⸗ lichen Freudigkeit, die der späteren, bei Ueber⸗ reichung des Abiturientenzeugnisses entfal⸗ teten, nichts nachgab. Alle standen auf; laut⸗ lose Stille. Ich sprach, die Gans krampfhaft um den Leib festhaltend, denn sie war bei dem Geräusch des Erhebens unruhig ge— worden: f
Lieber Herr und Fräulein Franz!
Dieses ist die Mertesgans,
Die die ganze Franzeschule
Ihnen schenkt und Fräulein Jule.
Mögen Sie bald ihr zu Ehren, Sie mit Haut und Haar verzehren.
Und ich bitte noch dabei:
Geben Sie uns morgen frei!
Gerade wollte ich meine Ueberreichungs— verbeugung machen und noch entschuldigend bemerken daß ich eigentlich„Julchen“ hätte sagen müssen, aber das reime sich doch nicht auf„Schule“, da witschte die Gans nach vorne und fing mit ihren langen Flü⸗ geln fürchterlich zu flattern an. Sie schlug meinen Kollegen den Freßnapf aus der Hand, der mit einem Krach auf dem Boden


