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Helmolt, offenbar um zu zeigen, was für ein forscher Kerl er wäre, auf einen der vor dem Uferschen Hause stehenden Fracht⸗ wagen, in der Annahme, daß die Kugel in demselben gut aufgehoben sei. Aber hinter dem Wagen, auf dem Bürgersteig, ging, infolge der Dunkelheit ungesehen der Student Pfannmüller, den die Kugel traf. Der junge Mann war sofort tot, er wurde in die Wohnung seiner in der Neustadt wohnenden Eltern gebracht und zwei Tage darauf mit studentischen Ehren beerdigt. Der Täter flüchtete, kam aber später wieder und ging straflos aus. Diese Geschichte be⸗ schäftigte unsere Phantasie natürlich noch eine Zeitlang; denn es gab und gibt für Kinder nichts abschreckenderes wie der Tod, in welcher Gestalt er auch auftritt. Der erste Tote, den ich zu sehen bekam, war ein Mann, welcher im Erdgeschoß eines Hauses auf dem Lindenplatz in einem leeren Laden aufgebahrt lag. Jeder, der vorbei⸗ ging, konnte sich ihn betrachten, was wir

Buben natürlich beim Gang zur und aus der Schule wohl ein halbes Dutzendmal taten; das Unheimliche zog an. Von da ab wußte ich erst, was eine Leiche war. Den anderen ging es gerade so, denn sonst hätten sie sich nicht darüber gewundert, daß der Tote keine Schuhe trug und keinen Hut aufsitzen hatte.

Die Leiche unseres etwas jüngeren Alters⸗ genossen, des kleinen Peppler, der an Bie⸗ lers Eck(Eckhaus zwischen Kreuz und Neuen⸗ weg) um die gleiche Zeit in ein Milchfuhr⸗ werk gelaufen und von diesem totgefahren worden war, bekamen wir nicht zu sehen. Aber bei der Beerdigung waren wir kleinen Buben alle zugegen! Viel Eindruck scheint diese auf mich nicht gemacht zu haben; denn von der ganzen Sache weiß ich nur noch, daß die Totenfrau nach dem Be⸗ gräbnis, auf der Treppe der Aufseher⸗ wohnung sitzend, einen Kranz zerpflückte und. die Blumen an die Buben austeilte. Als ich heimkam und die meinigen meiner Mutter zeigte, mußte sie meine Schwester sofort wieder hinaustragen. Meine Mutter wollte nicht gern an den Friedhof und an das, was mit ihm zusammenhing, er⸗ innert werden.

Vom dänischen Kriege wurden wir Abe⸗ Schützen nicht viel gewahr. Wohl hielt man zugunsten der Schleswig⸗Holsteiner Vor⸗ träge, veranstaltete Sammlungen, deren Er⸗ gebnisse im Gießener Anzeiger gewissen⸗ haft quittiert wurden, aber das wußten wir Buben alles nur vom Hörensagen, und das einzige, was einen sichtbaren kriege⸗ rischen Anstrich hatte, war das Exerzieren der Turner, die sich für die Befreiung unserer deutschen Brüder mit der Waffe zur Verfügung stellen wollten. Aber sie kamen nicht mehr zur Verwendung, denn der im Januar 1864 begonnene Krieg

führte zur Erstürmung der Düppler Schan⸗

zen am 18. April und zur Eroberung Alsens und der Besetzung Jütlands am 29. Juni, und da die Hilfe Englands, auf die die Dänen rechnen zu düfen glaubten, ausblieb, so bequemten sie sich am 18. Juli zu einem Wafsfenstillstand, dem am 30. Oktober der Friede folgte. So hatte der eigentliche Krieg nur ein halbes Jahr gedauert. Zeitweise wurden die schwarz⸗rot⸗goldenen Fahnen herausgehängt undSchleswig- Holstein moerumschlungen gesungen, aber der Haupt⸗ patriotismus wird wohl in den Wirts⸗ häusern seine Blüten getrieben haben. Da war man sein eigener Herr und konnte seiner politischen Meinung durch einen kräf⸗ tigen Schlag auf den Tisch Nachdruck ver⸗ leihen. Zu Hause wäre damals der Gieße⸗ ner Bürger bei seiner Frau mit derartigen Eigenmächtigkeiten schön angekommen. Die Hausfrau hielt das Haus von Politik rein, und ihr Ehrgeiz bestand darin, etwas Ver⸗ nünftiges auf den Tisch zu stellen. Gute alte Zeit!

In der Franzeschul ging es langsam voran. Wir Buben gewöhnten uns anein⸗ ander, und die kleinen lernten von den großen alle möglichen Ungezogenheiten. Dem bisher nur bei den ersteren in An⸗ wendung gekommenen spanischen Rohr wurde nach und nach ein größerer Wir⸗ kungskreis zugeteilt, und schließlich war keiner unter der ganzen Gesellschaft, der mit Klopstocks Werken keine Bekanntschaft gemacht hätte. Aber Herr Franz blieb nichtsdestoweniger doch ein Lehrer, der seine Strafen in erträglichen Grenzen hielt. Anders war dies bei seinem Vater, einem bejahrten Manne, welcher infolge eines Beinleidens an Krücken ging. Dieser über⸗ nahm hier und da aushilfsweise den Unter⸗ richt, und dann pfiff der Wind aus einem anderen Loch. Er hatte seine eigene Me⸗ thode, den Buben das, was sieintus hatten, auch dauernd zu erhalten. Er machte nämlich unter die durchgehechelte Lektion einen Strich in Gestalt einer Tracht Prügel, und ich muß zugestehen, daß sich dieses Mittel bei uns bewährt hat, denn was mich anlangt, weiß ich heute noch ganze Sätze aus den lateinischen Exerzitien dieser An⸗ fangszeit und eine große Anzahl der ge⸗ reimten Regeln der Meiringschen Gram⸗ matik. Mit diesem etwas romantisch klin⸗ genden, Zugeständnis soll aber nicht gesagt sein, daß ich bei Herrn Franz senior in der erwähnten Lehrmethode eine Bevor⸗ zugung genoß. Er befleißigte sich darin einer mustergültigen Würdigung der einem jeden zustehenden Gleichberechtigung. Die sparta⸗ nische Härte des alten Mannes erzeugte Groll, der zu allerhand Streichen führte, an die man im anderen Falle nicht ge⸗ dacht hätte. Die Schüler beschmierten die Krücken an den Stellen, an welchen sie angefaßt wurden, mit Tinte, Honig oder Sirup, legten die Brille an Orte, wo sie