Einzelbild herunterladen

2

5onntagsgruß

Gemeindeblatt für die evangelische Kirchengemeinde Gießen

Gießen, 7. Sonnt. n. Trinitatis, den 10. Juli 1921

Jo. Jahrg.

Lebensrätsel. Von einem Berliner Geistlichen. Psalm 139, 8. Bettete ich mir in die Hölle, siehe, so bist du auch da.

Morgen sind es drei Wochen seit dem Vormittag, da ich durch die Straßen un⸗ serer Stadt auf einem Pflichtweg schritt. Innerlich war ich etwas stolz auf mich. Die Fahrt zu einer willkommeneren Berufs⸗ aufgabe nach dem schönen Eberswalde hatte ich aufgegeben, weil in der lärmenden Groß stadt weniger anregende, aber drängende Pflichten auf mich warteten. Dann war es gegen Abend in einem weiten Krankensaal inmitten stöhnender, unruhiger Leidender. Ich erwachte aus umnebelnder Chloroform

narkose; dumpfes Brausen wogte durch den

Kopf, auf dem über dichtem Verbande die Eiskompresse lag. Auf jenem Wege war vor⸗ mittags aus dem vierten Stock eines Hau- ses ein schweres Brett auf mich gefallen mit haarscharfer Kante; man hatte mich als verloren aufgehoben; von allem, was mir unbewußt geschehen, machte die

Schwester nur schonend kurze Andeutungen.

Bald schlich die Nacht durch den Kranken⸗ saal; Viertelstunde um Viertelstunde, Stunde um Stunde belauschte ich den Glockenschlag der Anstaltsuhr, derweil durch das Gehirn wieder einmal die uralte Frage ging nach demWarum?. Fort damit! Ich wollte sie nicht in mir aufkommen lassen; noch nicht! Sie zu vertreiben, flüchtete ich in die Gedächtnisschatzkammer religiöser Lieder und Sprüche. Und plötzlich hob sich aus dem Durcheinander der Erinnerungen, wie mit leuchtender Schrift geschrieben, ein Wort aus dem 139. Psalm, dessen Schlußzeilen mir einst als Konfirmationsspruch gegeben waren, ab;Bettete ich mir in die Hölle, siehe, so bist du auch da! Von der Stunde an wurde ich ganz ruhig.

Nach acht Tagen die Genesung schritt staunenswert rasch voran fragte ich den Arzt, ob ich etwas lesen dürfe?Ja, aber nicht anstrengen! Man reichte mir den Schlußband der köstlichen Novellen des Münchener Meisters Wilhelm Riehl:Le⸗ bensrätsel. Zufällig fielen meine Augen. allererst auf den Schluß des Einleitungs

wortes:Der Zufall! Ein religiöses Ge⸗

müt kennt keinen Zufall; denn der Zufall ist ihm gerade das Notwendigste, über unseren freien Willen stehend, im Willen Got-

In diesem Sinne wählte ich den Titel dieses letzten Bandes und schloß das Gesamtwerk mit einer Rittergeschichte, die aber heute wie gestern, die zu allen Zeiten spielt, sie heißt: Die Gerechtigkeit Gottes. Natürlich las ich diese Geschichte nun zuerst; und selt⸗ sam, sie schließt mit den Worten:Wo wir gehen und stehen auf dieser Erde, wohin wir fliehen und wohin wir auch versinken mögen, wir bleiben doch immer. unter dem Himmel! Bettete ich mir in die Hölle, siehe, so bist du auch da!

Nach abermals acht Tagen, Sonntagvor mittag, wäre ich gern in den Betsaal der Anstalt gegangen; ich durfte schon aufstehen. Aber der Arzt kam erst später. Als Ersatz drückte mir die Schwester ein kleines Sonn- tagsblatt in die Hand. Der Arzt kam.Mor⸗ gen können Sie wieder heim! Ich gratuliere Ihnen! Beglückt setzte ich mich nun mit dem kleinen Blatt auf eine Ruhebank des herr lichen Gartens. Und meine Augen hafteten an folgender Stelle:Der Gottesglaube trägt nicht mehr das Denken, Fühlen, Wol⸗ len der Menschen. Er ist nicht mehr ihr A und O. Darum ist die Widerstandskraft gegen das Schlechte und Gemeine geschwächt; sie kämpfen mit verborgenem Schwert und durchlöchertem Schild.

O, über diesem:trägt niht mehr! Acht Tage bin ich nun schon wieder daheim. Mir aber ist es, als wäre ich vor drei Wochen uin die Stille geschickt worden, um fortan auf Schritt und Tritt mich zu(prüfen: Trägt dein Gottesglaube auch wirklich all dein Denken, Fühlen, Wollen? Ist er dein A und O? Nur wenn du diese Fragen bejahen kannst, findet dein Lebensrätsel seine Lösung.

Geschichten und Bilder aus Alt⸗Gießen. 30. Der Gießener Bub aus dem vorigen Jahrhundert und was mit ihm zusammenhängt. Von Louis Frech. (Fortsetzung.)

Die Tat geschah zwar absichtslos, sie war aber immerhin eine Folge der Ausschreitungen, welche sich die re

publikanisch Gesinnten zuschulden kommen ließen. Allnächtlich wurden von ihnen, den Dunkelmännern, d. h. den monarchisch Gesinnten, Katzenmusiken gebracht und dann die Fenster eingeworfen. Nach einer solchen

tes, das kleine Rätsel im großen Welträtsel. Heldentat schoß ein junger Mann namens