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onntagsgruß
Gemeindeblatt für die evangelische Kirchengemeinde Gießen
Nr. I5
Gießen, Misericordias Domini, den 10. April 1921
10. Jahrg.
Der Wert der menschenseele.
Evang. Matth. 16, 26. Was hülfe es dem Menschen, so er die ganze Welt ge— wönne und nähme doch Schaden an seiner Seele?
Der bekannte Gelehrte Prof. D. Adolf Harnack, der von 1878 bis 1886 als Uni- versitätsprosessor in Gießen gewirkt hat, sagt einmal:
„Das ist die höchste Bedeutung großer Männer, daß sie den Wert der Menschheit, die aus dem dumpfen Grunde der Natur aufgestiegen ist, gesteigert haben. Erst durch Jesus Christus ist der Wert jeder einzelnen Menschenseele in die Erscheinung getreten, und das kann niemand mehr ungeschehen machen. Man mag zu ihm selbst stehen wie man will, die Anerkennung, daß er in der Geschichte die Menschheit auf diese Höhe gestellt hat, kann ihm niemand versagen. In dem Gefühle: Gott der Vater die Vor⸗ sehung, die Kindschaft, der unendliche Wert der Menschenseele, spricht sich das ganze Evangelium aus.“
In den Kämpfen und Wirren unserer Zeit tritt über die zahlreichen Fragen, die die Gemüter erhitzen, die eine Frage allzu sehr in den Hintergrund: Welchen Wert hat die
Menschenseele? Unser Volk ist ganz aus dem
Gleichgewicht herausgeworfen, es weiß oft nicht, wie es in der nächsten Zukunft die dringendsten Bedür nisse zur Erhaltung des nackten Lebens befriedigen soll. Da schenkt es leicht denen Gehör, die nichts wissen wollen von einem höheren Leben, die nur die Fristung des niederen irdischen Lebens als Daseinszweck hinstellen. Um den Leib des Menschen zufriedenzustellen, wird alles getan. Die Seele aber, der edlere Teil des Menschen, hungert und dürstet, ohne daß ihr eine Labung angeboten wird. Alle Kraft aber, die wir brauchen, um die äußeren Nöte zu überstehen, kann uns nur von innen heraus kommen. Wir brechen früher oder später jämmerlich zusammen, wenn die Quelle göttlichen Ursprungs, die in unserer Seele sprudelt, versiegt, und es gibt kein anderes Mittel, die Nöte der Gegen— wart und der Zukunft zu überwinden als die Pflege des Seelenlebens, der Gemeinschaft mit Gott, der Religion.
Geschichten und Bilder aus Alt⸗Gießen.
30. Der Gießener Bub aus dem vorigen Jahrhundert und was mit ihm zusammenhängt. Von Louis Frech. (Fortsetzung.)
Mit dem Zeitpunkte, wo der kleine Gie⸗ ßener Herr über seine Beinchen wurde, kam die Mutter aus der Suche nach ihm nicht mehr heraus. Wannn und wo sich eine Ge— legenheit bot, schlitzte er aus. In der Regel saß er mit einigen Gleichaltrigen in irgend⸗ einer geschützten Ecke der Straße oder in einem Hofe der Nachbarschaft und spielte. Die einfachsten Dinge, ein leeres Kästchen, Klicker, Bildchen, Knöpfe, Bleisoldaten, an denen die Hälfte fehlte, bisweilen aber auch ein zu Hause vermißter Schlüsselbund, bil⸗ deten den Gegenstand der Unterhaltung. Wenn Essenszeit war, erschien man wieder bei der Mutter; dafür-sorgten schon die Nachbarsleute. Blieb aber einer aus, dann ging die Sucherei los, die meist von unmittel⸗ barem Erfolg war. Es kam aber auch vor, daß die Angehörigen auf eine harte Probe gestellt wurden und„Kreuz“ und„Mäus⸗
burg“ schließlich in Aufregung gerieten.
So fand man einmal den kleinen Balser nach stundenlangem Suchen schlafend in der Hundshütte des Nachbars, vor welcher der eigentliche Bewohner, wie immer an der Kette lag und durch nichts verriet, daß er Besuch hatte. Als man schließlich Anstalten machte, den Kleinen herauszulotsen, gebär⸗ dete sich der Hund wie toll und man mußte den Eigentümer herbeirufen, um zum Ziele zu gelangen.
Auch der Verfasser dieses war einmal als kleiner Junge, wie seine Angehörigen später mit vielem Vergnügen wiederholt erzählten, das Objekt einer solchen Sucherei. Man war drauf und dran, die drei Gießener Polizei- diener Vogel, Reinig und Erdmann zu Hilfe zu rufen, als der Vermißte von einer Frau herangebracht wurde, die ihn an der großen Allee, einer kleinen schmucklosen Baum- gruppe, da, wo sich jetzt die Lutherlinde auf 5 Ludwigsplatz befindet, aufgegriffen
te.
Von der Mutter, die natürlich seelenfroh war, daß sie ihren Jungen wieder hatte und ihn lieber geherzt und geküßt hätte, empfing er, der Ordnung halber, sein„Traktement“ mit dem Anfügen, daß auch dem Vater die Durchbrennerei gemeldet werden solle. Als


