Ausgabe 
6.11.1921
 
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unaufhörlich mit Rat und Tat. Hier und da flammte es noch einmal auf, und es mußte wieder tüchtig gelöscht werden. Alles in allem ein Bild des Jammers, eine schwe⸗ lende Wüste, über welcher ein Brandgeruch schwebte, den ich in meinem Leben nicht vergessen werde. Selbstverständlich liefen wir Buben täglich hinaus mit Gaben, so viel wir bei den Gießenern ergattern und tragen konnten. Wie stolg waren wir, wenn wir uns gegenseitig erzählten, was wir alles schon nach Heuchelheim geschleppt hätten. Die Schule, welche in dem Kriegsjahr ohne⸗ dies als etwas recht Störendes von uns empfunden wurde, kam ganz in Vergessen⸗ heit, während dieser acht Unglückstage und auch in der ersten Zeit nach diesen war an eine Zusammennahme der Sinne nicht zu denken. Nach und nach drängten aber andere Ereignisse das Heuchelheimer Unglück in den Hintergrund. Nur die werktätige Nächsten⸗ liebe wirkte für die Notleidenden unserer Nachbargemeinde noch eine Zeitlang un- geschwächt weiter, bis diese in der Lage war, sich selbst weiter zu helfen.

In den Jahren 1867 und 1868 wieder⸗ holte sich, wie alljährlich, das Unterhal⸗

tungs⸗ und Spielprogramm der Gießener Buben. In der Schule rückten wir auf und durften sie, nachdem wir in den vier Jahren die Bänke von unten bis oben über⸗ rutscht hatten, nach einem Schlußaktus ver⸗ lassen, um in eine der staatlichen Lehr⸗ anstalten einzutreten. Ich wurde mit den meisten meiner KameradenGroßherzoglich hessischer Realschüler. Was wir während dieser neuen Schulperiode getrieben haben, erzähle ich vielleicht später einmal. Bis dahin: Auf Wiedersehen!(Ende.)

Rendant Adolf Bieler(17911860.

Unter den Persönlichkeiten, die im vori⸗ gen Jahrhundert in Gießen besondere Be⸗ deutung hatten, steht der Rendant Adolf Bieler in erster Reihe. Es sind verschie⸗ dene Umstände, die ihm in unserer Stadt Verehrung und Liebe eingetragen haben. Hierbei mag zunächst in das Gewicht ge⸗ fallen sein, daß er ein ungewöhnlich hohes Alter erreicht hat und durch sein Alter schon ehrwürdig war. Bieler war getauft am 27. Februar 1791 und starb am 26. Januar 1884, er ist also beinahe 93 Jahre alt geworden. Viel wichtiger aber, als daß er so alt geworden ist, war der Umstand, daß er der Träger großer Erinnerungen war. In jungen Jahren ist er Soldat ge⸗ worden und hat als Angehöriger eines Rheinbundstaates auf französischer Seite die Feldzuge der Jahre 1810-1813, sodann auf der Seite der Verbündeten die Kämpfe der Jahre 1814 und 1815 mitgemacht. Seit dem 1. April 1815 war er hessischer Offizier. Bieler stammte aus einer Fa⸗ milie, in der gediegene Geistesbildung, be⸗ sonders musikalische Bildung, seit mehreren

Generationen zu finden war. Das hat sichh auch auf ihn übertragen, er war ein Mann von regsamen Verstande und lebhafter Phan⸗ tasie. Dadurch war er auch befähigt, seine Kriegserlebnisse in fesselnder Form zu er⸗ zählen. Ein gutes Gedächtnis sowie Auf- zeichnungen, die er schon während seiner Kriegszeit gemacht hat, kamen ihm hierbei zu statten. In eine Zeit, in der in Gießen alle Veteranen aus den Befreiungskriegen schon dahingeschieden waren, ragte Bieler herüber wie ein alter Baum, der mitten unter jungem Gehölz steht. Besonders hat er deshalb in unserer Stadt ein großes Ansehen gehabt, weil er eine im besten Sinne liebenswürdige Natur war, freundlich und aufgeschlossen, voll von Witz und Humor.

Das, was hier über den seltenen Mann veröffentlicht werden soll, gliedert sich in vier Abschnitte. Zunächst soll etwas über die Vorfahren gesagt werden, hieran schließt sich eine Darstellung des Lebenslaufes Adolf Bielers, an dritter Stelle folgen Erinne⸗ rungen an ihn, und den Schluß sollen Mit⸗ teilungen aus seinem Kriegstagebuche bil⸗ den. Leider verbietet es der Raum unseres Gemeindeblattes, das ganze Tagebuch ab⸗ zudrucken. Der Herausgeber desSonn⸗ tagsgrußes ist der Witwe des Enkelsohnes des alten Offiziers und Rendanten, Frau Minna Bieler geb. Wallenfels sehr zu Dank verpflichtet, weil sie ihm den literarischen Nachlaß Bielers zur Einsichtnahme anver⸗ traut hat.

1. Die Vorfahren. Die Familie Bieler ist keine alteinge⸗

sessene Gießener Familie, obwohl sie hier

schon beinahe 200 Jahre vertreten ist. Zum ersten Male wird sie in unseren Kirchen⸗ büchern im Jahre 1736 erwähnt. Am 7. Juni dieses Jahres wird nämlich dem Musikdirektor Johann Christoph Bieler und seiner Ehefrau Barbara Margaretha ein Sohn getauft, der die Namen Johann Ernst erhielt. Der Vater wird hier alsHerr bezeichnet, das geschah in alter Zeit nur mit denHonoratioren, die Gießener Bürger waren damals keineHerren. Aus dem Taufeintrage ist nicht ersichtlich, woher Jo⸗ hann Christoph Bieler stammte, die An⸗ nahme ist aber berechtigt, daß er von Ge⸗ burt ein Thüringer war; denn in Thürin⸗ gen findet sich heute noch vielfach der Name Bieler, auch Bihler geschrieben. Daß die Familie ursprünglich in Thüringen behei⸗ matet war, geht auch daraus hervor, daß die Paten der Kinder mehrfach in Thürin⸗ gen oder in Gegenden, die an Thüringen angrenzen, wohnten, so in Hersfeld, Schleu⸗ singen und Schmalkalden. Der Umstand, daß Johann Christoph Bieler sich die Musik zum Lebensberuf auserwählt hatte, spricht auch dafür, daß er Thüringer war; denn bis auf diesen Tag sind Thüringen und Sachsen

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