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onntagsgruß
Gemeindeblatt für die evangelische Kirchengemeinde Gießen
Fr. 75 Gießen, 24. Sonnt. n. Trinitatis, den 6. Novpbr. 1921
10. Jahrg.
Reformationsfest. Ephes. 6, 17. Nehmet das Schwert des Geistes.
Das laufende Jahr hat uns das Bild des Mannes, auf den uns das Reforma⸗ tionsfest hinweist, mit besonderer Deutlich keit vor die Seele gestellt. Am 18. April waren es 400 Jahre, daß zu Worms ein Geistesschwert geschwungen wurde, dessen Art bis dahin nicht gefunden worden war und auch nachher nicht gefunden wurde. Die Stadt der Nibelungen, deren Vorrecht es gewesen war, das Andenken von Helden
wachzuhalten, deren Gestalten nur undeut⸗
lich aus dem Nebel der vorzeitlichen Sage herausragten, lernte einen Recken kennen, der im hellen Tageslicht des Zeitgeschehens vor die Schranken trat, um mit einer Kühnheit ohnegleichen der einflußreichsten Macht des Erdkreises, dem Papsttum, den Kampf anzusagen.
Die diesjährigen Festtage konnten dem Blinken dieses Geistesschwertes nichts an Glanz hinzufügen. Nur ein schmerzliches
Empfinden lösten sie aus, daß die heutige
Christenheit einen solchen Geisteshelden nicht mehr zu den ihren zählt. Um so schmerz⸗ licher ist dieses Bewußtsein angesichts der Tatsache, daß der Kampf nicht leichter, sondern schwerer geworden ist. Die Erben Luthers haben nach zwei Fronten hin sich ihres Besitzes zu wehren. Auf der einen Seite steht der Feind von dazumal, der in seiner Feindschaft noch nicht das geringste nachgelassen, sondern sein Ziel fest im Auge hat, den Untergang des Luthertums, mit allen Mitteln herbeizuführen und bei diesem Werk in der Ümänderung der Zeitverhält⸗ nisse eine starke Hilfe gefunden glaubt. Auf der anderen Seite steht der Unglaube, der allem, was übersinnlich ist, den Tod ge⸗ schworen hat, und ebenfalls in der Wahl seiner Kampfesmittel wahrhaftig nicht blöde ist. Diesen beiden Feinden gegenüber, die in ihrer Art so durchaus verschieden sind, gilt die apostolische Mahnung: Nehmt das Schwert des Geistes! in ganz besonderer Weise. K. G.
Geschichten und Bilder aus Alt⸗Gießen. 30. Der Gießener Bub aus dem vorigen Jahrhundert und was mit 5 i on Louis Frech. In das Jahr 1866 fällt auch der fürchter⸗ liche Heuchelheimer Brand, der am hell—
lichten Tage ausbrach, tagelang wütete und das halbe Dorf in Asche legte. Ich befand mich damals— es war, wenn ich nicht irre, an einem Sonntag— in der Nähe der Anatomie, als die Eisenbahnbediensteten, auf dem Eisenbahngeleise der Main⸗Weser-Bahn stehend, lebhaft gestikulierend, andere her— beiriefen und nack Heuchelheim deuteten. Ich lief das nach der Wieseck hinabführende Gäßchen jetzt Bahnhofstraße) hinunter und kletterte dann den hohen Eisenbahndamm hinauf. Von da sah man ungeheure Rauch⸗ wolken aus Heuchelheim aufsteigen, und es dauerte nicht lange, als die Sturmglocke ihr hastiges Bam, bam, bam! ununter brochen ertönen ließ. Ich lief in die Stadt, in welcher alles in der größten Aufregung herumlief. Die gerade hier anwesenden Preußen schickten eine Kompagnie Infan kerie nach der Unglücksstätte, die Feuer- wehren rasselten durch die Neustadt, Alarm- signale und Trommeln an allen Ecken und Enden, kurzum, es mußte sich um eine große Sache handeln, denn es war sonst nicht üblich, daß gestürmt wurde, wenn es nicht gerade in Gießen brannte. Allmählich kamen von Augenzeugen bestimmtere Nach richten unter die Leute. Es war ein uner⸗ hörter Brand, der das halbe Dorf vernichtete. Mein Vater, der Hauptmann bei der Feuer- wehr war, kam acht Tage lang nicht aus den Kleidern und nicht nach Hause. Wagen voll Lebensmittel und Kleidungsstücken fuhren hinaus, und die Gießener gaben, was sie geben konnten. Als ich ein paar Tage später mit meiner Mutter die Brand⸗ stätte aufsuchte, bot sich uns ein jammer— volles Bild dar: ein großer, aus vielen kleinen zusammengesetzter, rauchender Trüm⸗ merhaufen. In den Straßen standen die Spritzen, teils noch in Aktivität, teils außer Betrieb. Zuber, Eimer, Bütten und Fässer standen und lagen überall umher. Da⸗ zwischen standen die Feuerwehrleute, die aussahen wie Soldaten nach einer schweren Schlacht. Auf den Gesichtern der Bauers⸗ leute Gram und Entsetzen. Viele weinten und rangen die Hände. Auf den Schutt⸗ haufen sah man hier und da Frauen, die mit einem Holz- oder Eisenstück in den rauchenden Trümmern herumstocherten, weil sie glaubten, noch etwas finden zu können. Sie hatten übernächtige, vergrämte, leere Augen. In den Gärten lagerten die Obdach⸗ losen massenhaft. Dazwischen irrten Schweine und Hühner umher. Gießener Frauen halfen


