Leipziger Oſtermeſſe 2335 75 71 2 Kolonialwaaren.
* wenn alle andern audelszweige oder doch die meiſten in diefer Meſſe ſich eines muntern und erwunſchten Umſetzes erfreuen
dürfen, ſo war dies doch keineswegs der Foll bei den Kelonialhand⸗ 85
lern, beſonders in den zwei Hauptartikeln Zucker und Kaffe. So ſchlecht die Neufahrsmeſſe in dieſen Artikeln auch ausfiel, ſo war die Jubilatemeſſe doch noch ſchlechter. Eine allgemeine Stockung dieſes Handels hatte ſowohl in Hamburg als in Leipzig ſchon ſeit langer Zeit, ſtatt gefunden. Leipzig batte ſich ſeiner alten Vorräthe faſt ganz entledigt und mit löblicher Beſonnenheit auf neue nicht ſpekulirt. Bei den jetzigen Zeitumſtänden, verloren auch die entſchiedenſten Wagehälſe unter den Spekulanten allen Muth. Das Unerwartetſte und Unberechenbarſte war zu oft wirklich geworden. Zwar hatten verſchiedne Umſtän de den Abſatz heben und die Waaren begehrter machen ſollen. Man kannte die unerbittlich ſtrengen Maaßregeln, die theils von dem königl. Oberpräſdium in Alto no, theits von der Douane in Hamburg befolgt wurdea; man wußte, daß die ganze ſüdliche holßeiniſche Gränze fur die Aus⸗ fuhr der Kolonialwaaren gänzlich geſperrt ſey, und daß die Strenge der Visitation in den Hamburger Thoren, ſelbſt die von den Sandhauſeru zurückkehrenden Frauen und Tochter der vornehmſten Bewohner Hamburgs kaum ſchone; man kannte die abſotute Sperte aller preußiſchen Häfen an der Oftſee durch die königti⸗ che Verordnung vom 9. Marz und den Tranſitozoll von 29 Prozent für den Centner, den Preuſſen ſeit dem 1. Avril erhob; man wußte die unerbittlichen Maaßregeln und Sequeſtrationen in Ho l⸗ land; allein dies und vieles andere hatte doch auf den Verkauf wenig Einfluß. Der Handel blieb lau. Die Preiſe gingen immer⸗ mehr herunter. Die Mittelſorte des Kaffees fiel bis auf 16 gr. Zucker ging von 206 bis auf 102 herab, doch faſt nur preuſſiſche Maffinate, die überhaupt ſchlecht iſt. Kenner behanpteten, daß un⸗ ter dieſen Umſtänden kein Loth Kaffe jetzt ohne Verluſt verkauft werde. Fragte man nach den Urſachen dieſer Stockung und dieſes gänzlichen Mangels an Spekulation, ſo wurden wohl mancherlei angegeben, nnd dabei ſchwerlich immer die wahre gefunden. Zuerſt muß man an die um 2ſ3 verminderte Konſumtion und an die man- cherlei Surrogate denken, die ſich täglich mehren; viele tauſend Fa⸗ milien haben ſich vieles zu verſagen gelernt. Aus O deſſa, aus den nördlichſten Häfen Rußlands, ſagte man, kommen Kibitken⸗ züge mit Kolonialwaaren. Dieſer oder jener Reiſende wollte gan⸗ zen Reihen von 30—60 Wagen begegnet ſeyn. Nicht ohne Wir- kung blieb das oſtreichiſche Kaffbeverbot; man berechnete, daß dies die Konſumtion um mehrere Millionen Pfunde verringern wür⸗ de. Das Auffallende dabei aber war, daß dies Verbot ſelbſt auf den Augenblick keinen Einfluß auf die Erhöhung der Preiſe hatte, da doch gewiß ver dem angeſetzten Termin vom 6. Juli noch große Vor⸗ rathe nach Boh men und Mähren eingebracht wurden. Die engliſche Flotte in der Oft ſe e und die zahlreichen amerikaniſchen Fahrzeuge, de⸗ ren Papiere wirklich in der Regel befunden wurden, trugen natürlich auch dazu bei, den Muth der Spekulanten zu lahmen. Selbſt die fort⸗ dauernden und gerade während der Meſſe abſichtlich unterhaltenen


