(Jr. 274 Neue Tageszeitung. Samstag, den 21. November 1914.
Täuschender Lchcm.
Original-Roman von Ludwig B l ii m ck e .
(Fortsetzung).
Dieses Tier gebärdete sich in seiner Angst wie ein gereizter Stier, stieß mit den Hörnern um sich und wurde den rindringenden Mann nicht an sich haben vorllberkom- men lagen, wenn der ihr nicht geistesgegenwärtig seinen Umhang über den Kops geworden hätte, sodaß sie nichts mehr sehen konnte. Während er selber sich nun nach dem Ohnmächtigen bückte, um ihn auszuheben und zunächst hinauszutragen, hielt der Leutnant, der ihm auf dem Fuße folgte, die Kuh mit nervigen Fäusten zurück und trieb sie durch die andere Tür nach draußen. Da brachen die Balken des Bodens auch schon, Feuergarben prasselten hernieder, alles, was sich noch drinnen befand, war verloren. — Ein Bild des Grausens und Entsetzens.--
Der Einsiedler oder wie er mit seinem richtigen Namen hieß, Johann Erundmüller, den Roland auf seinen starken Armen ins Wohnhaus getragen hatte, erholte sich schnell wieder, schaute sich mit seinen großen, runden Eulenaugen verwirrt um und wußte lange nicht, wie ihm geschehen war. Und dann fiel ihm sein Bieh wieder ein, das er vergebens zu retten gesucht. Wie ein Narr rannte er hinaus, sah den brennenden Trümmerhaufen, raufte sich die Haare aus und schien nicht übel Lust zu verspüren, sich auch in die Flammen zu stürzen. „Ich bin nicht versichert. Alles ist verloren! Mein Bieh, meine Schweine!" jammerte er, in gellenden Klagetönen, und sein Gesicht glich dem verzerrten der stummen Alten, die seine Schwester war, aus »in Haar.
„Laßt gut sein, stkachbar", sprach der Herr von Waldwiese mit weicher Stimme zu dem Verzweifelten, ihn sehr engerisch am Arm zurückhaltend. „Die beste Kuh ist gerettet. Wir helfen alle mit, das wird noch mal! Jetzt nur alle Mann an die Wafferkübel, daß die Scheune erhalten bleibt und das Wohnhvus. — Da kommt die Spritze schon." —
Und jeder tat seine Schuldigkeit, am meisten und wirksamsten aber d«r immer noch in Strömen gießende Regen. — Außer dem Kuhstall fiel dem verheerenden Element kein Gebäude zum Opfer. — — —
Als Roland nach zwei Stunden mit seinem Gast endlich die Brandstätte wieder verließ, da klärte sich der Himmel allmählich auf und die Sonne lächelte auf einmal lieblich und heiter durch das sich verteilende Gewölk. —
Ueberall rieselten Büchlein über den Wiesengrund, überall standen große Wafferpflltzen und das Laub der Bäume hing naß und schwer herunter. Der Eutshos mit seiner Umgebung von Tannen, Eschen und Eichen aber kam Erwin, als er ihn jetzt zum zweiten Male sah, wie ein liebliches Mürchenwunder vor. — Stand aus der Veranda nicht wieder Prinzessin Goldhaar, die wunderschöne Maid mit den bezaubernden Blauaugen? — Wahrhaftig, da leuchtet« durch das glitzernde, feuchte Blattwerk ihr wundervolles Haar, da bewegte sich ihre elsenhajte Gestalt, und ihm wurde es auf einmal so
gar eigen sonntäglich uins Herz, so als dürfte er heute alles Alltägliche vergessen und mit lieben Verwandten eine frohe Stunde verleben. Wie Verwandte, die er ganz fern der Heimat, gesunden, kamen Vater und Tochter ihm schon jetzt nach der kurzen Bekanntschaft vor. Er würde oft und gern bei ihnen weilen, das wußte er. Und dieser Blondkopf, der sich nun drüben scheu zurllckzog, würde ihm noch viel zu schaffen inachen in seinem Herzen, das spürte er. das fühlte er an dem ungewöhnlichen Klopfen da tief drinnen in seiner Brust. — Wie gern wäre er gleich jetzt noch aus ein Weilchen bei Rolands geblieben, die ihn recht herzlich einluden, wenigstens eine Taste Kaffee mit ihnen zu trinken! Aber das ging nicht, denn der Heinrichswalder Wagen, der chn vor drei Stunden hatte von der Station abholen sollen, hielt nun schon eine geraume Zeit auf dem Hof und erwartete ihn. Ein mürrischer, angetrunkener Kutscher schaute recht offenstchtlich auf seine Uhr und schüttelte den roten Kopf. Aber sobald es ihm nur irgend möglich sein würde, wollte er wieder kommen, das versprach er feierlich beim Abschied.
„Ein prächtiger Mensch", sagte Roland, als er nun allein mit seiner Tochter am Kaffeetisch saß. „Er hat so etwas in seinen! Wesen, das mir ganz ausnehmend gefällt. Scheint auch sehr bescheiden zu sein. Schade, schade, daß er den bunten Rock hat ausziehen müssen! Ich glaube, Vermögen besitzt er nicht mehr."
Agnes hörte mit roten Wangen hin. Auch ihr gefiel Erwin, wie ihr kaum zuvor ein junger Herr gefallen. Uno sie wußte, was niemand sonst ahntet Wie hochherzig er an Heinz gehandelt. — Daß er doch Wort hielte und öfter zu ihnen käme!
Aber nun trat Johann Erundmüller, der Einsiedler vom Katzenberg, mit seiner 'Rot und Bedrängnis in den Vordergrund. Wie man ihm helfen könnte, die Frage beschäftigte Vater und Tochter vor allem. Stand der Alte auch nicht im besten Ruf, weil in seiner bewegten Vergangenheit manches recht dunkel war, so befand sich der „Einsiedler" der seinem mageren Boden nur im harten Kamps mühsam das tägliche Brot abzuringen vermochte, doch in größter Verlegenheit, wo er drei Kühe und alle Schweine außer dem Stall eingebüßt hatte, und darum mußte man ihm als Nachbar helfen, mochte er es verdienen oder nicht. So dachte der jederzeit hilfsbereite, hochherzige Besser von Waldwiese wenigstens. Und Agnes mit ihrem weichen Kindergemüt stimmte ihm vollkommen bei, wie sie denn stets ein Herz und eine Seele mit dem Vater zu fein pflegte.
Derweil fuhr Erwin auf dem herrschaftlichen Wagen — es war keineswegs einer der besten — durch ein Stück herrlichen Laubwaldes, in dem viel hundett gefiederte Sänger nach dem glücklich überstandenem Unwetter mit Hellen Kehlen den Schöpfer priesen, der ihr Nest und ihre Brut vor Schaden bewahrt hatte. Das nasse Laub glänzte im Hellen Sonnenschein, die langsam hinabrollenden Tropfen schilletten wie bunte Perlen, und ein köstlicher, würziger Duft wehte erquickend über
Seiko 4.
das üppige Farnkraut, das uch zu beiden 'Seiten der Straße ausbrcitclc.
Da tauchte in einiger Entfernung ein Mann mit einem Gewehr über der Schulter au-, den der junge Volontär auf den ersten Blick für den biedern Roland hielt in dessen gastlichen! Hause er soeben geweilt. Der ihnen Entgegenschreitende mußte ebenso groß sein, trug ebenfalls einen Federhut und einen grünlichen Umhano und besaß sogar denselben mächtigen Schnauzbart.
_ (Fortsetz un? folgt).
Evaugrllschr OirniritiSf 24. Sonntag »ach Trin., 22. Non.
Totcnsest.
Gottesdienst in brr Siadtkirche.
Barm. 9 % Uhr: Herr Pfarrer Klcbergrr.
Mitwirkung der Chorfchule.
Nachm. 4 Uhr: Geistliche Mustkoufsiihrung
Abends '/, Ufji: Herr Pfarrer Diehl.
Gottesdienst >» der Burgkirche.
Dorm. 11 Uhr: Kindergottesdienst: Herr Pfr. D i e h l.
Nachm. 5<z Uhr: Herr Kandidat Heiland.
Am 24. November wild das hl. Abendmahl in d:r Stadt kirchc gefeiert.
Gottesdienst im Stadtteil Fauerbach.
Vorm. 10 Uhr: Herr Pfarrer Z atz mann.
Abends 8 Uhr: Totenfest-Anducht: Herr Pfr. Zatzmann.
In allen Gottesdiensten Kollekie für die Kriegsbedrängte» in Ostpreußen und Elsaß-Lothringen.
Kntlwlifän
2ö. Sonntag nach Pfingsten, 22. November.
Beichtgelegcnheii von Samstag nachmittag 4 Ubr und Sonntags früh von -gl, Uhr an
147 Uhr: Frühmeste.
4 Uhr: Militargottesdienft (Siugmefle mit Predigt).
K10 Uhr: Hochamt mit Predigt.
Nachm. 2 '/, Uhr: Segensandacht, danach Versammlung ° de» 3. Ordens.
Während der Woche:
Mittwoch 1414 Uhr: Feierliches Hochamt aus Anlaß des
Geburtsfestes Sr. Königlichen Hoheit des Großherzogs.
Mittwoch und Freitag, abends ti Uhr: Kriegsauoachten.
Nach dem Hochamt am Sonntag. Ausgabe vou Büchern aus der Borromäus-Bibliothek.
Feierabend Friedberg.
Sonntag, den 21. November: „Teilnahme an den Hebungen der Jungwehr: — Besuch des Abendgottesdienstes."
Spielplnn des Stndtthcatcrd in lstirsteu
Mittwoch, den 25. November, abends halb 8 Uhr: Fest
Vorstellung zur Feier des GeburtstLges Sr. König,. Hoheit des Eroßherzogs von Hessen: „Ouvertüre" zu „Titus' von
Wolfgang Amadeus Mozart, ausgefiihrt unter Leitung des Großh. Musikdirektors Krauße. Hierauf: „Wallenstems Tod". Gew. Pr. (ermäßigt). Gutscheine habe» keine Gülrigtcit.
Donnerstag, 2<>. November, abends 8 Uhr: Bolksvorftel- lung in Marburg: „Die Raveuftsinerin". Volkspr.
Freitag, 27. November, abends 8 Uhr: „Der Strom". 3 Freitag-Abonn.-Borst. Gewöhnliche Preise (ermäßigt).
Samstag, 28. November, nachmittags halb 4 Uhr: Schüler- Vorstellung: „Minna von Barnhelm". Volkspr.
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