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Seile 4.

Täuschender Schein.

Original-Roman von Ludwig Vlümcke.

I. Kapitel.

Drückende, atembeklemmende Gewitterschwüle lag über der weilen, waldigen Hochebene, durch die soeben der von Heilvors kommende Mittagszug schnaufend und ächzend dahinsausle, weil schneller als sonst, wie wenn er vor Ausbruch des Wetters erst noch in Sicherheit komnicn wollte. Nun pfiff die Lokomotive, er hielt kurze Rast:Wildott eine Minute!" Auf diesen Ruf des Schaffners verließ ein etwas übermittelgroßer, schlanker Herr im Reiseanzug, einen großen Lcderkoffer tragend, das Abteil 2. Klaffe und schaute sich suchend nach einem Fuhrwerk um. Sein schmales, feingeschnittenes, tiesgebräuntes Gesicht nahm, als er keins entdecken konnte, den Ausdruck des Unmuts an und hastig zog er seine goldene Uhr, um sich zu vergewiffern, ob der Zug auch zur rechten Zeit emgetroffen sei. Es stimnite, von der Regel abweichend ganz genau. Der Haltestcllenvor- steher, an den der Fremdling sich nun wandte, zuckte die Achseln:Habe keinen Wagen vom Schloß Hein­richswalde gesehen, mein Herr. Jedenfalls ist's dem Kutscher unterwegs zu warm geworden. Er fährt an der Waldschenke vorüber, da pflegt er gern Station zu machen. Bei der Hitze!"Nach dem Schloß wollten Sie?" fragte seht eine tiefe Stimme hinter dcui jungen Herrn im Reisekostllm. Und als der sich vm- schaute, sah er einen Mann mit grünem Federhut und martialischem grauen Schnurrbart den Zug ebenfalls verlassen, einen Mann von außergewöhnlicher Körper­größe, der seiner Tracht nach ein Gutsbesitzer der Gegend sein mochte und ein Gesicht besaß, das auf den ersten Blick Vertrauen einslößen mußte. Es besaß vor­nehme Züge und war, ehe es des Daseins Sorgen mit Furchen durchzogen, gewiß einmal sehr schön gewesen. Aus den großen, blanken, blauen Augen sprachen ein sester Wille, Biederkeit und Treuherzigkeit,

Der Bahnbeamte grüßte den Hünen ehrerbietig, während der fremde Herr sich ein wenig verbeugte und bestätigte, daß er auch aufs Schloß wollte.

Da kommt Ihnen das Gewitter auf den Hals. Es ist eine Stunde bis Heinrichswalde", fuhr jener mit seiner Baßstimme fort.Aber ich habe denselben Weg. Wenn Sie sich mir anschließen wollten? Ge­statten Sie? Roland ist mein Name."

Rudorp", stellte der andere sich vor, sich abermals verbeugend.Wenn Sie erlauben, mit dem größten Vergnügen. Es sieht bedenklich aus. Da blitzt es schon".

Na ja, bis zu meinem Katen kommen wir schon noch, wenn wir gut zuschreiteu.' Waldwiese. mein Ellt- lein, liegt an der Schloßstraße. In zehn Minuten sind wir da. Schade, daß Sie so schweres Gepäck zu schleppen haben."

Sie setzten sich im Eeschwindschritl in Bewegung,

Friedberg.

Während der Erhebung von Kaufschil- lingen in den Bezirksgemeinden, ist unsere Kasse vom 12. bis 26. dss. Mts. nur

Mittwochs n. Samstags geöffnet.

Friedberg, den 6. Nov. 1914.

Der Direktor:

Georg Hieronimus.

KorlliUdrmgsschlüe.

Tie hiesige Fortbildungsschule, sowie diejenige ini StuMteil Fonerbach, werden am

Montag, der 16. Dov., »achiniltago ö !!hr

e.i'ffnct werden.

Alle jungen Leute in hiesiger Stodt im Alter von 1 l bis 17 Jahren, welche zum Betuche der Forlbildun;>!c verpflichtet sind, haben sich am genannten Tage in den be» ! tziiglichen städtischen Schqlhäujern einzusinden.

Tie Eltern bezw. Lehrherrn oder Arbeitgeber der Fort- bildungsjchisier werden unter Hinweis ans Artilel 27 !< des Volksfchulgesetz.es, wie aui die anderweitigen Ti: rttckinarbestiminungen für die Fortbildungsschule hierdurch rrniahnt, die jungen Leute znm ordnungsmäßigen Bei:ei)e ihres Unterrichts gewisjknhoit nnzilhatten.

Friedberg, de» 5. November 1914.

Ter Schulvorstand.

Stahl, Voriivender.

, ' S

Zahnarzt Winkler, Friedberg. Teleion 384.

Wählend des Krieges bin ich lisglieh nae!:- mittags von 2G I hr und Sonntags ton s12 I hr persönlich zu sprechen.

___ J

Neue Tageszeitung. Samstag, den 14. November 1914

und finsteres Gewölk türmte sich drohend über ihren Häuptern auf.

Verzeihen Sie, Herr Rudorp, haben Sie vielleicht einen Verwandten im 3. Füsilierregiment?" fragte der Besitzer von Waldwiese, nachdem abermals ein greller Blitzstrahl die duinpfe Atmosphäre durchzuckte und das Dunkel des immer dichter werdenden Buchen- und Tan­nenwaldes für eine Sekunde hellerleuchtet hatte.

Nein, das nicht. Aber ich habe diesem Regiment selber bis vor drei Jahren als Leutnant angehört. Und Gott im Himmel! der Heinz Roland war ja doch aus Waldwiese. Mein Herr ich gehe gewiß nicht sehl^ wenn ich airnehme, daß mein verstorbener Kamerad Heinz Roland Ihr Sohn war?"

Es ist so!" erwiderte der Riese mit einem tiesen Seufzer.Das ist allerdings ein seltsamer Zufall, Herr Leutnant. Mein Junge sprach oster von Ihnen. Daher kam mir Ihr Name so bekannt vor. Sie waren gute Freunde, nicht war?"

Wir standen uns allerdings sehr nahe. Leider konnte ich ineincm treuen Kameraden nicht einmal mehr die letzte Ehre erweisen. Ich lag an dem Tage schwer­verwundet im Lazarett. Hatte beim Hohenkirchener Auf­stand einen Schuß in die Lunge bekommen. Unsere dritte Kompagnie mußte doch die Fabrik stürmen."

Ach soz ja ich entsinne mich. Richtig, ein Leut­nant war ja unter den Verwundeten. Und dann mußten Sie den Dienst quittieren?"

Ja, ich wurde als Invalide entlassen und bin nun Landwirt. Habe auf Schloß Heinrichswalde eine Stel­lung als Volontär-Verwalter angenommen. Es freut mich aber ungemein, Herr Roland, gleich in dem ersten Menschen, der sich mir hier gefällig erweist, den nächsten Angehörigen meines verstorbenen Freundes kennen zu lernen."

Seien Sie mir herzlich willkommen, Herr Leutnant. Ich hoffe, daß wir Sie öfters bei uns sehen werden. Drüben liegt mein Gut schon." Dabei druckte Roland seinem Begleiter innig die Hand.

Ah, reizende Lage! Mitten im Walde. Sie haben eine vorzügliche Hochwildjagd, nicht wahr?"

Bin freilich darauf angewiesen, das edle Waid­werk nicht bloß zum Vergnügen, sondern leider auch als Erwerbsquelle zu betreiben, zum größten Verdruß meiner großherzoglichen Nachbarn. All die Waldungen ringsherum, bis auf dieses Stück, in denr wir uns jetzt befinden, sind nämlich Eroßherzoglich. Die Förster haben nichts Gutes im Sinn mit mir, weil ihre Hirsche sich bisweilen auch in meine Jagdgründe verirren und dann von mir zur Strecke gebracht werden."

Ich entsinne mich, daß Heinz mir von der ewigen Fehde, in der Sie leben, erzählte. Hieß der Ober­förster, der Sie besoirders haßte, nicht Weidsnbaum?"

Ganz recht. So heißt er heute noch. Aber jetzt beginnt es zu regnen. Warten Sie ich helfe Jhiren Ihre Bagage tragen. Marsch marsch!"

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Tos Reserve-Regiment Nr. 222 hat, bo es als Kriegs- bildnng einen dauernden heimatlichen Standort nicht be­sitzt, bisher keinerlei Liebesgaben erhalieu. Nur nnn den Tapferen im Felde, die mit Begeisterung zum Kamps für uns hinanszogen, eine Weihnachtsfreude zu bereiten, lütte ich, als Frau des Regimentskommandeurs, recht herzlich in» Koben. Willkommen sind:

Darmes Unterzeug, Strümpfe, Handschuhe, To scheu- tii.: r, Cigarren, Cigaretten, kurze Pfeifchen und Ta­bu!, Bücher, Zeitungen, Seife, Kerzen, Fette zu Hant- b.handlurig in Tuben, Lössel, Taschenmesser, elektr. Tnscheulaprpen mit Reservebatterie, Tee, Dauerwurst, Speck, Schokolade, Keks, Zucker und Salz.

Ce- wird gebeten die Gaben, gut verpackt, bis späte­stens znni 20. Novenzber ds. Js. izu hiesigen Stadthaus, Zimmer Nr. 4 gesälligst abgeben zu wollen, wo für die Weiterbeförderung Sorge getragen wird.

Frau U o s e 1 ! o tt.

paar uralten Eichen umgeben, war nun erreicht. Vor dein im Villenstil gebouien Herrenhaus befand sich eine von Gaisblatt und leuchtender Kresse umsponnene Ver­anda. Aus dieser stand ein hellgekleidetes, schlankes, junges Mädchen, das den heraneilenden Männern lächelnd entgegenschaute, belustigt von ihrer Regenjurcht. Es war^ Agnes, des Gutsherrn goldhaariges Töchter- lem. Ihre zierliche Figur hob sich nun ein wenig, da­mit die neugierigen Blauaugen über das üppige Ge­rank durch ein Guckloch besser hinwegsehen könnte». Der sich gewandt und elegant bewegende Begleiter ihres mächtig ausschreitenden Vaters interessierte sie.Hoffent­lich ist's nichts Besonderes, etwa ei» Jagdgni« aus der Stadt", sagte sie dabei zu sich selber, und an Stelle des spöttischen Lächelns trat urplötzlich auf ihr zartes, reizen­des Eesichtchcn^ ein Zug der Besorgnis.Das fehlte noch gerade! Jetzt mitten in der Plätterei. Herrje, wie sieht es in der Stube aus!" Schnell huschte sie hinein, um auf alle Falle Plättbrett und Wäsche aus derguten Stube" zu schaffen, die sie wegen der Ge­räumigkeit für ihre Beschäftigung ausgesucht halte. Aber da trampelte der Papa schon mit seinen schweren Stieseln auf dem Flur und nötigte mit durchdringender Stimme seinen Begleiter gerade in den Salon. Rannte er ihn nichtHerr Leutnant?"

Jetzt stand der ungebetene East vor dem in seiner Verlegenheit bis in die Ohrzipfelchen errötenden Fräu­lein, verbeugte sich ehrerbietig und winde Agnes als Leutnant Rudorp vorgesteltt.

Aber ich komme sehr störend, wie ich sehe", rief er mit dem Ausdruck aufrichtigen Bedauerns in seinem feinen, schönen Gesicht ausDas böse Gewitter."

Ich habe im Augenblick aufgeräumt", [lotterte Agnes, die noch inehr in Verlegenheit geraten war, als sie den NamenRudorp" gehört. Ahnte sie ja doch sofort, daß es nur der Freund ihres verstorbenen Bru­ders sein könnte. Galant öffnete er ihr die Tür zum Nebenzimmer und war ihr mit einem so recht herzlichen, ihr wohltuenden Lachen behilflich, einen großen Korb mit schneeweißen Linnens hinaus zu ex­pedieren. So, nun befand man sich in derguten Stube", die an Behaglichkeit, trotz aller Einfachheit, nichts zu wünschen übrig ließ. Ein paar mächtige Geweihe an beit Wänden lenkten (Strom Rndorps Auf­merksamkeit gleich iil der ersten Minute auf sie, denn er war auch Jäger und verstand ihren Wert zu schätzen. Nachdem die Tvchler vom Hause, die seit der Muttei Tode, ungeachtet ihrer großen Jugend die Jnnenmirl- schast auf Waldwiese mit Umsicht und viel Verständ­nis führte, den Leutnant gebeten hatte, auf dem Sofa Platz zu nehmen, wirbelte sie wieder hinaus, um schnell ein wenig Toilette zu machen. In ihrer großen Wirt- schaftsschürze kam sie sich gar so gewöhnlich vor, und ihr volles, goldiges' ein wenig ins Rötliche spielende Haar, das sie in einem dicken Zopf ans dem schöngesormien Köpfchen trug, mochle übel in Unordnuilg geraicn sein. tFortsetziniq solqi.)

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